Der kleine Unterschied beim Harnwegsinfekt
Harnwegsinfektionen sind eine der häufigsten Indikationen für den Einsatz von Antibiotika in Deutschland. Bei Frauen muss das kritisch hinterfragt werden.
Eine asymptomatische Bakteriurie stellt bei Frauen nur in Ausnahmefällen eine Behandlungsindikation dar, erklärte Dr. Julia Hafner von der Medizinischen Klinik 2 am Universitätsklinikum Frankfurt. Dagegen vorgehen sollte man etwa vor urothelverletzenden Eingriffen oder bei Schwangeren.
Eher nicht hilfreich ist eine Behandlung indes bei Patientinnen ohne Risikofaktoren, in der Postmenopause oder wenn ein bestehender Diabetes gut eingestellt ist. Auch bei älteren Frauen in Pflegeeinrichtungen, nach Nierentransplantation, nach Rekonstruktion des unteren Harntrakts oder nach Arthroplastie ist die Behandlung eines asymptomatischen Harnwegsinfekts in der Regel überflüssig.
Urobiota ist bei Frauen und Männern unterschiedlich
Die These, der Harn sei steril, ist längst widerlegt, betonte Dr. Hafner. Auch im Harntrakt gibt es eine Mikrobiota, die in ihrer Zusammensetzung mit der von Vagina und Darm überlappt. So finden sich in der weiblichen Blase häufig Bakterien aus den Gattungen Lactobacillus, Gardnerella, Prevotella oder Streptococcus. „Das Urobiom spiegelt teilweise die Vaginalflora wider“, meinte Dr. Hafner. Damit ist die Bakterienzusammensetzung des Harntrakts bei den Geschlechtern unterschiedlich. Bei Männern dominieren eher Spezies der Gattungen Corynebacterium, Staphylococcus und Streptococcus.
Eine Dysbiose im unteren Harntrakt kann das Risiko für rezidivierende Harnwegsinfekte erhöhen. Mit steigendem Alter und nachlassender Östrogenproduktion wird der Anteil der Laktobazillen geringer und der von Escherichia coli größer. Geschlechtsverkehr führt zu mehr Staphylokokken und Streptokokken im Harntrakt, wobei Diabetes und Nierenerkrankungen mit einem Anstieg von Uropathogenen assoziiert sind. Antibiotika können nicht nur im Darm, sondern auch im Harntrakt zur Dysbiose führen.
Gendergap bei Harnwegsinfekten
Frauen erleiden häufiger Harnwegsinfekte als Männer und entwickeln auch häufiger Rezidive. Die Geschlechtsunterschiede lassen sich nicht nur anatomisch oder anhand der frauenspezifischen Harnwegsflora begründen. Auch die Immunreaktion auf eine bakterielle Blaseninfektion scheint geschlechtsspezifisch unterschiedlich auszufallen, wie Laura Ramirez Finn vom Institut Pasteur in Paris berichtete.
Eine experimentell induzierte Escherichia-coli-Infektion führte sowohl bei männlichen als auch bei weiblichen Mäusen zu einer Zystitis. Aber nur bei den Weibchen stellte sich umgehend eine Clearance der Pathogene ein, während viele Männchen noch vier Wochen später eine chronische Infektion aufwiesen.
Bei den Weibchen kam die Immunantwort früher als bei Männchen, und sie fiel deutlicher aus. Die weiblichen Tiere regulierten verschiedene entzündungs- und immunassoziierte Gene hoch, unter anderem die Interleukine IL-1β und IL-6. Bei den männlichen Tieren wurden eher metabolisch relevante Gene aktiviert.
Dass die Zytokine bedeutsam sind, zeigte die Blockade von IL-1β und IL-6, durch die sich die bakterielle Clearance bei den Mäuseweibchen verschlechterte. Auch Weibchen ohne Tumornekrosefaktor-α waren nicht in der Lasge, die Infektion zu eliminieren. Möglicherweise können Harnwegsinfekte künftig immunmodulierend behandelt werden statt mit Antibiotika, mutmaßte die Referentin. Das wäre ein wichtiger Schritt, um der zunehmenden Resistenzbildung zu begegnen.
Stuhltransplantation bei rezidivierenden Harnwegsinfekten?
Wie eng die Mikrobiota von Vagina und Blase miteinander verbunden sind, zeigt das Beispiel von E. coli als Auslöser von rezidivierenden Harnwegsinfekten. Das Enterobakterium kann im Urothel latent existieren, erläuterte Dr. Hafner. Der Eintrag von Gardnerella vaginalis durch Geschlechtsverkehr führt zu einer Freisetzung von E. coli aus diesem Reservoir und zu Rezidiven.
Die Darmmikrobiota überlappt noch stärker mit der Flora im Harnsystem als die vaginale Bakteriengesellschaft. Dr. Hafner ist deshalb davon überzeugt, dass der fäkale Mikrobiotatransfer (FMT) eine Behandlungsoption bei rezidivierenden Harnwegsinfekten ist.
In den kommenden Wochen wird in mehreren deutschen Kliniken die FEMITRANS-Studie anlaufen, berichtete die Referentin. Mit ihr soll die Stuhltransplantation per Kapsel als Sekundärprophylaxe bei Frauen mit rezidivierenden Harnwegsinfekten geprüft werden.