Hormontherapie bei Trans-Jugend ohne Evidenz
Neue Analysen stellen die Evidenz geschlechtsangleichender Hormontherapien bei Jugendlichen infrage. Experten warnen vor irreversiblen Folgen und fordern strengere Studien – auch ethische Fragen rücken in den Mittelpunkt.
Mit einer geschlechtsangleichenden Hormontherapie werden Fakten geschaffen, das heißt die einsetzende Feminisierung oder Maskulinisierung lässt sich zum Teil nicht mehr rückgängig machen. In Deutschland ist diese Behandlung auch bei Jugendlichen erlaubt. Sie kann laut Leitlinie erwogen werden, wenn die jungen Menschen einwilligungs-, urteils- und entscheidungsfähig sind, die Diagnose einer Geschlechtsinkongruenz nach ICD-11 gesichert wurde und seit mehreren Jahren ein transgeschlechtliches Empfinden sowie ein anhaltender geschlechtsdysphorischer Leidensdruck besteht.1
In einigen EU-Ländern und in Großbritannien wird dies allerdings anders gesehen. Dort ist eine geschlechtsangleichende Hormontherapie bei Heranwachsenden nur im Rahmen von Studien erlaubt. Und das hat Gründe, wie der Urologe Dr. Christian Leiber-Caspers vom Krankenhaus Maria-Hilf in Krefeld darlegte.
Die Ergebnisse bisheriger Studien sind extrem heterogen
So kam z. B. im letzten Jahr das Autorenteam eines systematischen Reviews plus Metaanalyse zu dem Schluss, dass die bis September 2023 publizierten und auswertbaren Studien große methodische Schwächen hatten. In den 24 Arbeiten gebe es eine erhebliche Unsicherheit bezüglich der Effekte einer geschlechtsangleichenden Hormontherapie bei Menschen unter 26 Jahren. Da in den Studien unterschiedlichste Erfassungsmethoden zum Einsatz kamen, seien die Ergebnisse bezüglich der Therapieeffekte auf Allgemeinbefinden, Depression, Sexualfunktion, Knochendichte, kardiovaskuläre Ereignisse und Suizide extrem heterogen. Mögliche schädliche Folgen könnten nicht ausgeschlossen werden. Man brauche sorgfältig durchgeführte prospektive Studien, so die Forderung der Autorengruppe.
Auch der Autor einer weiteren Studie kommt zu dem Schluss, dass die wissenschaftliche Evidenz im Hinblick auf die Langzeitsicherheit und Effektivität der geschlechtsangleichenden Hormontherapie bei jungen Menschen begrenzt ist. Dennoch würde sie von großen medizinischen Fachgesellschaften bei Adoleszenten als medizinisch notwendig und sinnvoll angesehen, wie der Autor bedauert. Zudem äußert er angesichts der Endgültigkeit der Eingriffe erhebliche ethische Bedenken.
Auch Dr. Leiber-Caspers sieht die Indikation kritisch. Wie kann man sich bei einem 12- oder 14-jährigen Menschen 100 % sicher sein, dass eine Transidentität besteht, fragte er. Er mahnte zur Vorsicht, denn nach einer geschlechtsangleichenden Therapie gebe es kein Zurück mehr.
1. S2k-Leitlinie „Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter – Diagnostik und Behandlung“; AWMF-Register-Nr. 028-014; www.awmf.org