Jodbedarf und TSH im Blick    

Schilddrüsenfunktion in der Schwangerschaft richtig bewerten

Aus der Fachliteratur
|Erschienen am: 
|Lesezeit: 3 Min
Bei Frauen mit bereits vor der Schwangerschaft bekannter manifester oder latenter Hypothyreose oder bei Nachweis von TPO-Antikörpern ist bis zur 20. Schwangerschaftswoche eine TSH-Kontrolle alle vier bis sechs Wochen sowie eine weitere Bestimmung um die 30. Gestationswoche sinnvoll.

Während der Schwangerschaft steigen Jodbedarf und Hormonproduktion der Schilddrüse. Bei Frauen mit Risikofaktoren für eine Hypothyreose sind eine frühzeitige Abklärung und engmaschige Kontrollen besonders wichtig.

Das humane Choriongonadotropin (hCG) sorgt dafür, dass insbesondere im ersten Trimenon der Schwangerschaft mehr Schilddrüsenhormon produziert wird. Infolgedessen fällt das TSH ab, schreiben Julia Messner, Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel am Universitätsklinikum Essen, und ihre Kolleginnen. Im ersten und zweiten Trimenon gilt daher ein niedrigerer TSH-Referenzbereich von 0,1–4 mU/l. Danach steigen die TSH-Werte wieder an und es kann der Normbereich für Nichtschwangere zur Bewertung genutzt werden. Gleichzeitig erhöht sich das Gesamtthyroxin zwischen der 7. und 16. Gestationswoche kontinuierlich auf einen um 50 % höheren Wert, um für den Rest der Schwangerschaft auf diesem Niveau zu bleiben. Auch diese Veränderungen sind bei Laborkontrollen zu berücksichtigen. Die passenden Referenzwerte erhält man, wenn man zwischen SSW 7 und 16 pro Woche 5 % zum Wert für Nichtschwangere dazu addiert.

Wie hoch ist der Jodbedarf in Schwangerschaft und Stillzeit?

Da die Schilddrüse in der Schwangerschaft mehr arbeitet, braucht sie auch mehr Jod. Ein Mangel kann zu einer Struma bei Mutter und Kind und schlimmstenfalls zu Fehlgeburten, Säuglingssterblichkeit oder Entwicklungsstörungen führen. Die WHO empfiehlt Schwangeren und Stillenden eine tägliche Jodzufuhr von 250 µg, die mit einer Kost reich an Seefisch, Meeresfrüchten, Milchprodukten und Eiern sowie jodiertem Speisesalz gedeckt werden kann. Ansonsten sollten die Frauen zusätzlich ein Nahrungsergänzungsmittel mit 150 µg Jod (als Kaliumjodid) zu sich nehmen.

Die beschriebenen physiologischen Veränderungen sind aber noch kein Grund, bei jeder Schwangeren das TSH zu bestimmen. Das sollte man nur in bestimmten Risikosituationen (siehe Kasten) tun. Bei Frauen mit bereits vor der Gravidität bekannter manifester oder latenter Hypothyreose oder bei Nachweis von TPO-Antikörpern ist bis zur 20. Schwangerschaftswoche eine TSH-Kontrolle alle vier bis sechs Wochen sowie eine Bestimmung um die 30. Gestationswoche sinnvoll. Nach Schilddrüsen-OP, Radiojodtherapie oder Einnahme von Medikamenten ist das TSH einmal in jedem Trimenon zu bestimmen.

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Situationen, die ein Risiko für eine Schilddrüsenfunktionsstörung in der Frühschwangerschaft bergen

  • bekannte Schilddrüsenerkrankung bzw. entsprechender Verdacht

  • positive Schilddrüsenantikörper

  • andere Autoimmunerkrankungen

  • zurückliegende Schilddrüsenoperation

  • Radiojodtherapie

  • Turner-Syndrom, Trisomie 21

  • autoimmune Schilddrüsenerkrankung in der Familie

  • zwei oder mehr Fehlgeburten

  • Einnahme von Medikamenten, die die Schilddrüsenfunktion beeinflussen (z. B. Amiodaron, Lithium)

  • kürzliche Gabe von jodhaltigem Kontrastmittel

  • Schwangere wohnt in einer Region mit schwerem Jodmangel und es erfolgt keine Jodsupplementation

Nimmt eine Patientin Levothyroxin ein, muss bei Nachweis einer Schwangerschaft sofort die tägliche Dosis um etwa 25 % gesteigert werden. Alternativ kann die Patientin auch zweimal pro Woche eine doppelte Thyroxindosis erhalten.

Gemäß der im Mai 2026 aktualisierten Empfehlungen der ATA*-Leitlinie gilt nun folgendes Vorgehen für die latente Hypothyreose: Bei Risikopatientinnen mit einem TSH-Wert zwischen 4 und 10 mU/l sollte in Absprache mit der Schwangeren im 1. Trimenon entweder sofort eine Therapie mit Levothyroxin erfolgen oder eine TSH-Kontrolle nach ein bis drei Wochen. Im 2. und 3. Trimenon reichen TSH-Kontrollen alle vier bis sechs Wochen. Bei einem TSH von 10 mU/l oder mehr sollte man auf jeden Fall mit Levothyroxin beginnen. Dabei ist ein Zielwert von unter 2,5 mU/l anzustreben.

Levothyroxin bei manifester und latenter Hypothyreose

Die Levothyroxin-Tagesdosis soll bei manifester Hypothyreose 1,6 µg/kg betragen und bei latenter Form (mit TSH bis 10 mU/l) 1-1,2 µg/kg. Nach der Entbindung kann in der Regel die Substitution wieder auf die Wirkstoffmenge vor der Schwangerschaft zurückgefahren werden. Hat man mit der Therapie erst in der Schwangerschaft begonnen, kommt je nach TSH-Wert nach der Entbindung ggf. auch ein vollständiges Absetzen in Betracht. Allerdings ist zu beachten, dass auch eine latente Hypothyreose Milchbildung und -einschuss beeinträchtigen kann. Frauen, die stillen möchten, sollte man also im Zweifel substituieren. Neu in den ATA-Leitlinien ist außerdem, dass bei Schwangeren mit positiven TPO-Antikörpern und Euthyreose keine Levothyroxintherapie mehr empfohlen wird. Entsprechende Studien konnten keinen Benefit belegen.

* American Thyroid Association

Messner J et al. internistische praxis 2026; 70: 36-45

Dr. Vera Seifert

Dr. Vera Seifert

Dr. Vera Seifert ist approbierte Ärztin mit Berufserfahrung im Medizinbereich (Kinderklinik und Praxen niedergelassener Pädiater und Allgemeinärztinnen/Allgemeinärzte). Seit 2024 als freie Autorin tätig.

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