Gereizt, übermüdet, krank

Wie Lärm der Gesundheit schadet

Aus der Fachliteratur
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Umgebungslärm verursacht weit mehr als Hörschäden.Die Forschung zeigt deutliche Effekte auf Schlaf, Stresssystem und kardiovaskuläre Funktionen – mit erheblichen Risiken für Millionen Betroffene.

Umgebungslärm verursacht weit mehr als Hörschäden. Die Forschung zeigt deutliche Effekte auf Schlaf, Stresssystem und kardiovaskuläre Funktionen – mit erheblichen Risiken für Millionen Betroffene.

Lärm ist weit mehr als akustische Belästigung. Er beansprucht das vegetative Nervensystem, steigert das Risiko für Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen und kann auf Dauer zu vorzeitigem Tod führen. Schutz vor dem Krach sollte nicht erst am Ohr beginnen, sondern bereits bei der Wohnungs-, Büro- und Stadtplanung.

Unter Lärmbelästigung versteht man unerwünschte oder exzessive Geräusche, die Gesundheit und Wohlbefinden beeinträchtigen. Mehr als 100 Mio. Menschen in Europa sind dadurch belastet, jährlich sollen etwa 12.000 vorzeitige Todesfälle darauf zurückzuführen sein. Quellen gibt es viele: Umgebungslärm entsteht z. B. durch Straßen-, Schienen- und Flugverkehr, Industrie und Gewerbe, Freizeitaktivitäten oder Haushalts- und Nachbarschaftstrubel, schreibt ein Team um Mohammad Razai von der Universität Cambridge.

Lärm kann den Schlaf beeinträchtigen, die Kommunikation stören und negative kognitive und emotionale Reaktionen wie Ärger oder Reizbarkeit hervorrufen. Darüber hinaus ist Lärmbelästigung ein Faktor, der physiologische Reaktionen triggert und das Stresssystem aktiviert (Hypothalamus, Hypophyse und Nebenniere, Sympathikus). Diese Vorgänge sind in der Lage, kardiometabolische Risikofaktoren zu beeinflussen. So weiß man, dass z. B. nächtlicher Fluglärm den Blutdruck erhöhen kann, ohne dass die entsprechende Person aufwacht. Zudem wirkt sich Krach negativ auf kleine Blutgefäße und die Funktion von Arterien aus und verschlechtert die Herzleistung.

Maschinen und Straßen stören oft

Lärmbelästigung trifft v. a. Menschen, die im urbanen Raum oder in der Nähe vielbefahrener Straßen wohnen, ebenso diejenigen, die in einer Umgebung mit erheblichen Maschinengeräuschen arbeiten. Benachteiligte oder marginalisierte Personengruppen sind häufiger mit ausgeprägtem Umgebungslärm konfrontiert und verfügen über weniger Mittel, um sich davor zu schützen.

Menschen nehmen Geräusche sehr unterschiedlich wahr und bisher gibt es keine zuverlässige Methode, um sie als kausalen Faktor für die Symptomatik einer bestimmten Person zu identifizieren. Manche Menschen, insbesondere geräuschempfindliche, sagen von sich aus, dass Lärm zu ihren Beschwerden beiträgt. Wie empfindlich jemand ist, lässt sich mithilfe der Weinstein’s Noise Sensitivity Scale quantifizieren. Zum Erfassen der Lärmexposition fragt man danach, ob Betroffene an einer vielbefahrenen Straße oder Bahnlinie wohnen oder Flugverkehr ausgesetzt sind und wie stark sie sich durch den Geräuschpegel beeinträchtigt sehen.

Eine Frage der Wahrnehmung

Lautstärke wird auf einer lo­garithmischen Skala in Dezibel (dB) gemessen. Raschelnde Blätter verursachen etwa 10 dB, normaler Bürolärm 70 dB, ein Föhn bis 90 dB und ein Düsentriebwerk 110 dB. Das Ohr reagiert dabei frequenzabhängig: Niedrige Frequenzen nimmt es weniger intensiv wahr, höhere stärker. Ob Lärm stört, hängt auch von seiner Beschaffenheit ab, z. B. ob er unterbrochen oder kontinuierlich auftritt und wie lange er dauert. Etwa ein Drittel der Menschen gilt als besonders geräuschempfindlich. Geräuschempfindlichkeit ist assoziiert mit Depressionen und Angsterkrankungen sowie mit Autismus-Spektrum-Störungen.

Schutz vor Lärm von mehreren Seiten angehen

Um die Auswirkungen des Krachs auf die Gesundheit einzudämmen, ist ein mehrdimensionaler Ansatz erforderlich. Zum persönlichen Abschirmen kann z. B. im Straßenverkehr ein Gehörschutz (Ohrstöpsel, Noise-Cancelling-Kopfhörer) getragen werden. Hilfreich ist zudem, die Wohnumgebung durch Dämmung, schallreduzierende Einrichtung oder Schallschutzfenster anzupassen.

Im öffentlichen Raum könnte noch deutlich mehr getan werden, um Lärm abzumildern bzw. gar nicht erst entstehen zu lassen, betont das Autorenteam. So sollte bereits bei der Planung von Infrastrukturprojekten an die Vorsorge gedacht werden. Schutzmaßnahmen an bestehenden Straßen, Tempolimits sowie Nacht- und Sonntagsfahrverbote sind Beispiele dafür.

Razai MS et al. BMJ 2025; 391: e081193; doi: 10.1136/bmj-2024-081193