Eiweiß, Quark & Co: So heilen Wunden schneller
Chronische Wunden brauchen mehr als moderne Verbände – sie brauchen Energie. Expertin Dr. Mirja Katrin Modreker erklärt, wie Protein, Fett und Mikronährstoffe die Heilung antreiben und warum Mangelernährung oft übersehen wird.
Bei der Versorgung chronischer Wunden konzentrieren sich viele auf eine optimale Wundauflage. Doch ohne ausreichende Nährstoffzufuhr verzögert sich die Heilung. Dr. Mirja Katrin Modreker, Leitung der AG Ernährung und Stoffwechsel der Deutschen Gesellschaftfür Geriatrie, erklärt im Interview, wie man eine Mangelernährung erkennt und welche therapeutischen Optionen zur Verfügung stehen.
Wie verändert sich der tägliche Nährstoffbedarf einer Person, wenn sie eine chronische Wunde hat?
Dr. Modreker: Der Energie-, aber vor allem auch der Proteinbedarf steigt. Gesunde Erwachsene benötigen täglich 0,8 g/kg Eiweiß, Menschen ab 70 Jahren 1 g/kg. Kommt ein Wundheilungsgeschehen hinzu, geht man von einem Tagesbedarf von 1,2–1,5 g/kg aus. Es reicht aber nicht aus, viel Protein zu geben. Ebenso spielen Mikronährstoffe eine wichtige Rolle. Es ist ein Zusammenspiel aller Grund- und Mikronährstoffe.
Gerade bei mangelernährten Wundpatientinnen und -patienten kann der erhöhte Nährstoffbedarf zum Problem werden. Was ist der häufigste Fehler in der Behandlung dieser Personen?
Dr. Modreker: Dass man nicht an Mangelernährung denkt. Man konzentriert sich darauf, wie man die Wunde am besten versorgt. Aber das funktioniert nur, wenn ausreichend Nährstoffe für die Wundheilung zur Verfügung stehen. Man sollte sich daher die Fragen stellen: Ist die Ernährung ausreichend? Dieser Aspekt wird häufig nicht bedacht.
Haben Sie einen Tipp, wie man das im Praxisalltag schnell abklärt?
Dr. Modreker: Eine einfache Markerfrage lautet: „Haben Sie ungewollt an Gewicht verloren?“ Diese Frage kann man den Patientinnen und Patienten initial stellen, bevor man weitere Schritte einleitet.
Gibt es Fragebogen, die bei der Diagnose helfen?
Dr. Modreker: Je nach Setting stehen unterschiedliche Screening-Tools zur Verfügung. Im ambulanten Bereich empfiehlt sich der MUST*. Für geriatrische Patientinnen und Patienten ist der MNA** – auch in der Kurzform – sowohl ambulant als auch im Heim- und Klinikbereich validiert und etabliert. Für die stationäre Versorgung gibt es den NRS 2002***, der für alle Altersgruppen geeignet ist. Eine Übersichtstabelle mit allen Tools findet sich z. B. auf der Website der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin.
Welche Rolle spielen Laborparameter?
Dr. Modreker: Es gibt nicht den einen Parameter, der auf Mangelernährung hinweist. Laborwerte eignen sich als Ergänzung, um verschiedene Fragen zu klären: Liegt ein Infektgeschehen vor? Wie ist das Blutbild? Gibt es spezifische Nährstoffdefizite, beispielsweise bei Vitamin D oder Vitamin B12? Auch Albumin ist ein guter Marker und kann als Parameter für einen Proteinmangel dienen, wobei es auch hier Einschränkungen gibt.
Schaffen Betroffene es überhaupt, ihren erhöhten Bedarf über normale Mahlzeiten zu decken?
Dr. Modreker: Um zu überprüfen, wie viel und welche Nahrung Patientinnen und Patienten aufnehmen, sind Tellerprotokolle hilfreich. Darüber lässt sich bereits gut erkennen, wie viel die Person insgesamt isst. Wenn man dann die Energie- und Proteinzufuhr berechnet, zeigt sich schnell, dass die meisten Menschen gerade im Krankheitsfall kaum ihren täglichen Bedarf erreichen. Der Appetit ist dann ohnehin schon reduziert.
Wie lässt sich die Nährstoffzufuhr in solchen Fällen verbessern?
Dr. Modreker: Als erste Stufe kann man versuchen, die Nahrung mit Quark oder Sahne anzureichern. Ansonsten empfiehlt es sich, ergänzend zur Standardernährung bilanzierte Trinknahrung zu geben. Mittlerweile gibt es die Supplemente von vielen verschiedenen Firmen in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen. Die Patientinnen und Patienten sollten einfach durchprobieren, was ihnen am besten schmeckt. Es gibt auch neutrale Varianten, die man unter das Essen rühren kann.
Trinksupplemente sättigen stark. Was raten Sie in Bezug auf die Einnahme?
Dr. Modreker: Am besten bietet man sie in kleinen Portionen an. Die Patientinnen und Patienten können immer wieder kleine Schlucke nehmen oder die Trinknahrung mit etwas Wasser verdünnen. Wichtig ist, dass die Betroffenen die Trinksupplemente nicht direkt vor den Mahlzeiten zu sich nehmen, da sie sonst nicht weiter essen. Auch kann es sich anbieten, die Supplemente nach dem Abendessen zu geben, um die Pause bis zum Frühstück zu überbrücken.
Sind die nährstoffangereicherten Mittel verordnungsfähig?
Dr. Modreker: Trinksupplemente sind bei Wundheilungsstörungen nicht verordnungsfähig, da sie als diätetische Lebensmittel gelten. Anders ist es, wenn eine Mangelernährung nachgewiesen wird. Dann lassen sich solche vollbilanzierten Supplemente verschreiben.
Wann ist bei der Gabe von Trinksupplementen Vorsicht geboten?
Dr. Modreker: Für Patientinnen und Patienten mit schweren Magen-Darm-Störungen gibt es spezielle ballaststoffreiche oder ballaststoffarme Produktlinien. Gerade bei älteren Menschen muss man zudem kontrollieren, ob eine Schluckstörung vorliegt und ob sie die Supplemente gut trinken können. Auch Lebensmittelunverträglichkeiten gilt es zu berücksichtigen. Außerdem ist bei sehr fortgeschrittener Niereninsuffizienz Vorsicht geboten, wobei man bei der Gabe mittlerweile großzügiger ist als früher. Gerade bei Älteren zeigt sich, dass Mangelernährung den Funktionsverlust verstärkt – daher sollte ein gesunder Mittelweg gefunden werden.
Ab wann ist eine künstliche Ernährung nötig?
Dr. Modreker: Wenn die orale Ernährung unzureichend ist und die Patientinnen und Patienten massiv in ihrer Lebensqualität eingeschränkt sind – gerade bei ausgedehnten, schmerzhaften Wundgebieten –, sollte man diese Variante erwägen, um den Nährstoffbedarf decken zu können. Die parenterale oder enterale Ernährung ist natürlich nicht die erste Option. Vorrang hat immer die orale Aufnahme, auch aus Gründen der Lebensqualität.
* Malnutrition Universal Screening Tool
** Mini Nutritional Assessment
*** Nutritional Risk Screening