Chronische induzierbare Urtikaria gezielt behandeln
Vollständige Symptomfreiheit ist das Ziel in der Behandlung der chronischen induzierbaren Urtikaria. Doch viele Betroffene sprechen auf Antihistaminika nicht ausreichend an. Dann rücken Omalizumab und später Ciclosporin A in den Fokus.
Chronische induzierbare Urtikarien lassen sich durch bestimmte Trigger provozieren; sie zählen zu den komplexeren Urtikariaformen und können den Alltag der Betroffenen erheblich einschränken, schreibt Prof. Dr. Eckhart Kämpgen vom Dermatologikum Berlin. Zu den häufigsten Typen gehören die cholinergische Urtikaria, die Kälteurtikaria und der symptomatische Dermographismus. Für diese drei (und weitere) wird in aktuellen Leitlinien folgende Stufentherapie empfohlen:
Triggervermeidung
Gabe von nicht sedierenden H1-Antihistaminika der zweiten Generation (sgAH) in Standarddosis und bei unzureichender Wirkung Steigerung auf bis zum Vierfachen der Dosis
bei persistierenden Symptomen Zusatztherapie mit Omalizumab, gefolgt von Ciclosporin A
Dabei sollte man als Therapieziel eine vollständige Beschwerdefreiheit der Betroffenen fest im Blick behalten. Bei schweren Exazerbationen dürfen kurzfristig auch systemische Glukokortikoide eingesetzt werden, in der Langzeittherapie ist von diesen aber wegen der bekannten Nebenwirkungen abzuraten.
Was den therapeutischen Antikörper Omalizumab anbelangt, so ist dieser für die chronische spontane Urtikaria zugelassen. Die aktuelle S3-Leitlinie zur Urtikaria weist jedoch ausdrücklich darauf hin, dass Omalizumab in klinischen Studien auch bei chronischen induzierbaren Formen wie Kälteurtikaria, cholinergischer Urtikaria und symptomatischem Dermographismus eine gute Wirksamkeit gezeigt hat, sodass der Antikörper (off-label) bei diesen empfohlen werden kann, wenn die Therapie mit Antihistaminika nicht erfolgreich war.
Ciclosporin A als Option bei refraktären Verläufen
Falls Omalizumab nicht verabreicht werden kann oder nicht ausreichend wirkt, kommt bei schweren, antihistaminikarefraktären Verläufen auch Ciclosporin A als Add-on-Therapie infrage. Allerdings ist die Evidenzlage (s. Kasten) zu dem Immunsuppressivum dünner, weshalb die S3-Leitlinie es im Algorithmus hinter Omalizumab einordnet. Der Einsatz erfordert zudem engmaschige Kontrollen von Blutdruck und Nierenfunktion.
Wie steht es um die Evidenz der chronischen induzierbaren Urtikaria?
Randomisierte kontrollierte Studien mit H1-Antihistaminika der zweiten Generation zeigen eine dosisabhängige Besserung auch bei induzierbaren Urtikariaformen. Insgesamt ist die Datenlage aber dürftiger als bei der chronischen spontanen Form. Daher beruhen viele Empfehlungen auf Expertenkonsens.
Auf Antihistaminika in Standard- und hoher Dosierung spricht die cholinergische Urtikaria oft nicht ausreichend an. Laut Leitlinien und klinischen Daten können Omalizumab und ggf. Ciclosporin A nützlich sein.
Bei der Kälteurtikaria sind nicht sedierende H1-Antihistaminika der zweiten Generation oft wirksam, besonders in vierfacher Dosierung. Persistiert die Symptomatik, werden Omalizumab und (bei Versagen) Ciclosporin A empfohlen.
Auch für den symptomatischen Dermographismus zeigen Studien und Fallserien zu Omalizumab eine deutliche Besserung der Beschwerden. Teilweise kommt es auch zu einer vollständigen Remission.
Häufig sprechen Patientinnen und Patienten nicht zufriedenstellend auf die Standardtherapie an. Umso wichtiger ist die konsequente Umsetzung der leitlinienkonformen Stufentherapie, betont Prof. Kämpgen. In Urtikaria-Zentren funktioniert das bereits recht gut, doch in der hausärztlichen und allgemeinen dermatologischen Versorgung werden die Antihistaminikadosissteigerung und der Einsatz von Omalizumab/Ciclosporin A nur zögerlich umgesetzt. Stattdessen greift man nach wie vor recht frühzeitig zu systemischen Glukokortikosteroiden, obwohl diese langfristig nicht empfohlen werden.
Für Betroffene ist eine individualisierte Therapieplanung entscheidend. Die Behandlungsstrategie muss die Krankheitsaktivität und Lebensqualität der Patientin oder des Patienten ebenso berücksichtigen wie Begleiterkrankungen und Expositionsmuster. Eine große Rolle spielen auch Patientenwünsche und praktische Gesichtspunkte für die Therapieplanung, beispielsweise die Motivation hinsichtlich Symptomfreiheit und die Einstellung zu einer Injektionstherapie.
Kämpgen E. Arzneiverordnung in der Praxis 2026; 53: 90-94