Diabetes- gleich Tumorprävention

Die AG Diabetes & Krebs will Früherkennung und Forschung voranbringen

Interview
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Die DDG-Arbeitsgruppe „Diabetes & Krebs“ setzt verstärkt auf Aufklärung und Prävention, um Krebs als häufigste Todesursache bei Typ-2-Diabetes zu verringern.

Krebs ist seit einigen Jahren die häufigste Todesursache bei Menschen mit Typ-2-Diabetes – und genau deshalb wurde 2021 die DDG AG Diabetes & Krebs gegründet. Die beiden Sprecher der AG wollen ihre Anliegen in der Diabetologie und Onkologie, in der Forschung, bei Hausärzt*innen und in der Bevölkerung bekannter machen. Neue Therapieansätze sind wichtig – aber noch wichtiger ist ihnen, auf die großen Chancen hinzuweisen, die die Prävention bietet.

Herr Prof. Herzig, warum sind Tumorerkrankungen mittlerweile die häufigste Todesursache bei Menschen mit Typ-2-Diabetes?

Professor Stephan Herzig: Das hat zwei Gründe. Zum einen die Tatsache, dass die Kolleginnen und Kollegen in der kardiovaskulären Medizin sehr erfolgreich gewesen sind in der Verbesserung der Prognose von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die ja immer die Haupttodesursache bei Patientinnen und Patienten mit Diabetes waren.

Aber inzwischen ist es natürlich so, dass viele der stoffwechselinduzierten Tumorerkrankungen auf dem Vormarsch sind. Das liegt schlicht und ergreifend auch daran, dass es immer mehr Menschen gibt, die übergewichtig sind, die Diabetes bekommen. Die Zahlen, so ist es prognostiziert, werden steigen – bis 2050 erwarten wir fast eine Milliarde Menschen auf der Welt mit Diabetes, trotz aller neuen Medikamente. Ein Beispiel: Leberkrebs ist eine Krebsart, die früher eher selten war. Leberverfettung, ein Hauptmerkmal von Übergewicht, ist ein Haupttreiber von Leberkrebs. Man kann sich gut vorstellen, dass aufgrund der Vielzahl von Menschen, die mit Stoffwechselerkrankungen belastet sind, die übergewichtig sind und Dia-betes haben, die Anzahl der Krebserkrankungen, die damit zu tun hat, in Zukunft zunehmen wird.

Wird genug gesprochen über Dia-betes und Krebs – in der Fachwelt und bei den Menschen mit Diabetes?

Prof. Herzig: Die AG wurde gegründet, weil wir in der Tat das Gefühl hatten, dass nicht genügend darüber gesprochen wird und nicht genügend darüber bekannt ist. Glücklicherweise haben über die letzten Jahre viele Fachgesellschaften auf diese Thematik reagiert, sodass es jetzt eigentlich auf jedem großen Diabetes-Kongress ein oder zwei Sitzungen dazu gibt und auf den großen Fachtagungen der Onkologen auch immer mindestens eine Sitzung zum Zusammenhang zwischen Krebs und Stoffwechselerkrankungen auf dem Programm steht.

Wir dringen langsam in die Fachwelt vor – aber noch nicht in die breite Öffentlichkeit. Vielen ist nach wie vor unbekannt, welches Risiko besteht, an Krebs zu erkranken, wenn man übergewichtig ist, wenn man Diabetes hat. Was uns ganz wichtig ist: Man möchte natürlich den Krebs behandeln können, aber ganz essenziell ist doch die Prävention. Professor Scherübl und ich sind der festen Überzeugung, dass alles, was getan wird, um Übergewicht und Diabetes zu verhindern und zu behandeln, gleichzeitig auch Tumorprävention ist. Und genau das ist noch nicht ins Allgemeinwissen übergegangen.

Gehört zur Vorsorge auch, dass Menschen mit Diabetes intensiver gescreent werden sollten?

Prof. Scherübl: Menschen mit Typ-2-Diabetes haben ein erhöhtes Krebsrisiko, und man würde erwarten, dass sie deshalb eher an der Krebsvorsorge und der Früherkennung teilnehmen. Leider nehmen sie seltener an Krebsvorsorgeuntersuchungen teil als die Allgemeinbevölkerung. Dabei sollten sie noch gezielter und eher früher und vielleicht auch in kürzeren Abständen daran teilnehmen – das wäre wissenschaftlich gesehen wünschenswert. Die Realität sieht anders aus, deshalb müssen wir in Kontakt mit den Menschen mit Diabetes und den Hausärzten kommen. Dort müssen wir das Wissen platzieren, wie wichtig und gut die Möglichkeiten der Krebsvorsorge sind. Inzwischen haben auch die Krankenkassen und die Gesundheitspolitik erkannt, dass Prävention auch in der Tumormedizin der erfolgreichere Weg wäre. 40 bis 50 % der Tumoren sind prinzipiell vermeidbar, wenn man den Lebensstil ändern würde. Das ist eine viel effektivere Krebsmedizin als zu warten, bis der Patient erkrankt und er dann behandelt werden muss.

Welche Fachrichtungen und Berufsgruppen engagieren sich beim Thema Diabetes und Krebs?    

Prof. Scherübl: Die AG ist momentan noch sehr stark orientiert an die ärztliche Ebene. Allgemein gibt es da durchaus Interesse, sich weiter zu qualifizieren – sowohl bei Diabetologen im Bereich Tumormedizin als auch umgekehrt Onkologen in der Diabetologie, denn sie sehen, dass 20 oder 30 % ihrer Patienten Diabetes haben. Bislang sind die beiden Ausbildungswege getrennt und überlappen sich wenig, dabei braucht es übergreifende Fachkompetenz, um dem Thema gerecht zu werden. In der AG haben wir Mitglieder aus der Gastroenterologie und der Onkologie. Wir haben viele Fortbildungsveranstaltungen für Diabetesassistenten und Diabetesberaterinnen gemacht. Auch in den Apotheken waren wir aktiv und z. B. in der auflagenstarken Apotheken-Rundschau präsent.

Prof. Herzig: Wir haben kürzlich neue Mitglieder aufgenommen, die sich mit einem extrem wichtigen Aspekt der Verbindung zwischen Stoffwechsel und Krebs befassen, der Tumorkachexie, die wir neuerdings als Langzeitfolge auch von Diabetes identifiziert haben. Sowohl von klinischer als auch wissenschaftlicher Seite sind wir offen für jeden, der sich für die Zusammenhänge zwischen Tumor und Stoffwechsel interessiert.

Noch einmal zur Prävention: Welche Rolle spielen Hyperglykämie und Insulinresistenz?

Prof. Herzig: Insulinresistenz ist die zentrale Komponente bei Übergewicht und Typ-2-Diabetes und führt ja meist zu einer Hyperinsulinämie. Insulin kann als Wachstumsfaktor wirken. Hyperinsulinämie wie auch Hyperleptinämie – hohe Leptinspiegel, wie sie bei Übergewicht auftreten – sind als zwei wesentliche Mechanismen identifiziert worden, wie Tumoren schneller wachsen, proliferieren und früher auftreten können. Insofern spielen diese Störungen bei Übergewicht und Diabetes eine ganz zentrale Rolle.

Bezüglich der Hyperglykämie zeigen Studien, dass über bestimmte Rezeptoren Tumorzellen stärker wachsen, wenn sie sich in einem Milieu von erhöhtem Zucker befinden. Ich bin ehrlich gesagt immer etwas skeptisch, ob eine Hyperglykämie per se tatsächlich einen Tumor so treiben kann, wie das vielleicht in einer Zellkulturschale geschieht, wo Tumoren hauptsächlich Zucker verstoffwechseln, denn im Körper reagieren sie eigentlich immer sehr flexibel auf das Angebot von Nahrungsbestandteilen. Das heißt, Hyperglykämie würde ich immer mehr als Ausdruck der Stoffwechselerkrankung ansehen. 

Nicht vergessen dürfen wir die  Entzündungsreaktionen bei Übergewicht und Diabetes, von denen wir wissen, dass sie ganz wichtige Treiber sind für die Entwicklung von Tumoren und für die gesteigerte Aggressivität von Tumoren.

Prof. Scherübl: Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass das erhöhte Krebsrisiko sinkt, wenn man diese Mechanismen umkehren kann und die Hyperinsulinämie zurückgeht. Es gibt dazu inzwischen Langzeitdaten, zum einen aus Schweden, wo Menschen mit Übergewicht und Typ-2-Diabetes fast 30 Jahre lang nachverfolgt wurden. Angeschaut hat man sich eine Gruppe, die entweder durch eine Lebensstiländerung oder infolge einer Magen-Bypass-Operation signifikant Gewicht verloren und zudem eine langfristige –10 Jahre und länger – Remission des Typ-2-Diabetes erreicht hat. Sie konnte so ihr erhöhtes Krebsrisiko auf das Niveau der Allgemeinbevölkerung senken.

Es gibt außerdem Daten aus der Adipositaschirurgie, die zeigen: Wenn die Gewichtsreduktion frühzeitig –in diesem Fall durch eine Magen-Bypass-Operation – erreicht wird, sinkt das erhöhte Risiko für Leberkrebs oder Bauchspeicheldrüsenkrebs auf das Niveau der Allgemeinbevölkerung. Diese Umkehrbarkeit zeigt, wie die Mechanismen zusammenhängen. Es gibt Hoffnung und es lohnt sich, zu intervenieren – natürlich je früher, umso besser.

Günter Nuber (Interview) und Nicole Finkenauer (Interview und Zusammenfassung)

Aktuelle Zahlen und Fakten zu Diabetes und Krebs finden Sie im Deutschen Gesundheitsbericht Diabetes 2026: ddg.info/politik/veroeffentlichungen/gesundheitsbericht

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