Was bringt der Diabetes Kongress 2026? Die Kongresspräsidentin im Interview
Neues lernen, kontrovers diskutieren, Evidenz einordnen – das sind für Professorin Dr. Barbara Ludwig entscheidende Dimensionen eines gelungenen Kongresses. Warum sind ihr diese Aspekte so wichtig, woran forscht sie gerade und was hat sie sich für den Diabeteslauf vorgenommen?
Prof. Dr. Barbara Ludwig
Die Präsidentin des Diabetes Kongresses 2026 ist Fachärztin für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie. Sie arbeitet in der Diabetologie der Medizinischen Klinik III des Dresdner Uniklinikums und leitet dort sowohl die Spezialambulanz Diabetologie als auch den Bereich Inseltransplantation. Bei der Planung des Kongresses steht ihr als Kongresssekretär ihr Kollege Professor Dr. Nikolaos Perakakis zur Seite.
Wann waren Sie zum ersten Mal auf dem Diabetes Kongress?
Prof. Ludwig: Das war 2008. Das war das Jahr, nachdem ich aus den USA nach Deutschland zurückgekehrt war. Zu dieser Zeit wurde mir klar, dass die Diabetologie in meinem beruflichen Leben künftig wahrscheinlich eine wichtige Rolle spielen wird. Seither war ich mit wenigen Ausnahmen jedes Jahr dabei. Ein ganz besonderer Anlass war natürlich die Verleihung des Ernst-Friedrich-Pfeiffer-Preises im Jahr 2014.
Was macht für Sie einen gelungenen Kongress aus?
Prof. Ludwig: Erstens die fachliche Substanz, die ist sicher ganz entscheidend. Wir alle möchten Neues lernen, wir möchten Kontroversen hören und die Evidenz einordnen können. Dann geht es natürlich immer um persönliche Begegnungen. Wissenschaft entsteht ja eben nicht nur auf Slides, sondern vor allen Dingen im Diskurs und im Gespräch zwischen Menschen. Das ist ein ganz, ganz wichtiger Aspekt des Diabetes Kongresses, den wir alle sehr schätzen.
Und dann geht es auch um die Erweiterung des Horizonts. Man tendiert ja dazu, immer dorthin zu gehen, wo man sich schon auskennt. Aber ein guter Kongress führt einen eben auch zu Themen, die nicht das eigene Kerngebiet sind. Beim Diabetes Kongress gibt es die Möglichkeit, dass z. B. Kliniker in Grundlagen-Sessions gehen, aber auch umgekehrt Grundlagenwissenschaftler die klinische Realität erleben. So werden wichtige Fragen generiert und so kann wirkliche Translation entstehen. Man sollte sich trauen, aus der Komfortzone rauszugehen, auch wenn man nicht alles versteht. Niemand versteht immer alles!
Ein neuer Horizont tut sich schon während der Eröffnung auf …
Prof. Ludwig: Die Idee war, dass wir – was ja auch das Motto ausdrücken soll – den menschlichen Aspekt und auch die Komplexität, mit der wir es in der Diabetologie zu tun haben, in den Mittelpunkt stellen. Ganz bewusst wollten wir jemand Fachfremdes als Keynote-Speaker haben, dieses Jahr übrigens zum ersten Mal eine Frau. Wenn man das Motto „Revolution der Mittel – Realität der Menschen." hört, klingt das ein bisschen überfordernd und zumindest sehr herausfordernd. Deshalb war die Idee, mit dem Thema Glück einen etwas leichteren Einstieg zu finden. Es wird außerdem eine Videogrußbotschaft von Forschungsministerin Dorothee Bär zu sehen sein.
Sie haben das Motto schon genannt. Was steckt dahinter?
Prof. Ludwig: Wir erleben derzeit parallel mehrere Revolutionen: inkretinbasierte Therapien mit völlig neuen Optionen und metabolischen Effekten, die wir zum Teil noch gar nicht verstehen, beim Typ-1-Diabetes Closed-Loop-Systeme, digitale Datenauswertung und KI-gestützte Entscheidungsunterstützung, die Immuntherapien und auch die neuen Ansätze in der Betazellersatztherapie. All das hat eine ungeheure Dynamik, die man als historisch bezeichnen kann.
Wichtig ist: Wenn diese Mittel und die Menschen aufeinandertreffen, ist eine Technologie ohne Beziehung zueinander unvollständig. Deswegen ist Fortschritt immer nur dann sinnvoll, wenn wir die Lebensrealität der Menschen verbessern – das soll ein Kern dieses Mottos sein. Fortschritt erzeugt nicht immer nur Hoffnung, sondern auch Überforderung. Wir müssen Mittel und Menschen zusammenbringen, und zwar so, dass sie für die Menschen zu einer Verbesserung führen.
Was reizt Sie an der Diabetologie?
Prof. Ludwig: Ich habe mich immer für die Diabetologie interessiert, aber zunächst nicht als Fach. Angefangen habe ich in der Chirurgie und mich dort speziell für den Bereich Transplantation interessiert, insbesondere die Pankreastransplantation. Einige Jahre habe ich ausschließlich wissenschaftlich gearbeitet und einiges gelernt. Aber ich habe vor allem gemerkt, dass ich zurück in die Klinik will, dass der Patientenkontakt doch ein ganz entscheidend wichtiger Aspekt der Arbeit sein sollte und auch die Translation sehr viel einfacher macht. Aber natürlich wollte ich die wissenschaftliche Arbeit auf einem einigermaßen hohen Niveau weiterführen. Da war der Weg in die Diabetologie dann praktisch eine Conditio sine qua non. Nichtsdestotrotz bin ich immer noch glücklich, wenn ich im Rahmen der Inseltransplantation in den OP-Saal darf. Das ist immer ein schöner Moment.
Woran forschen Sie – und was könnte die Zukunft bringen?
Prof. Ludwig: Mein großes Thema ist der biologische Betazellersatz. Hier kommen derzeit die klinische Realität und die Forschungsansätze in gewisser Weise kontrovers zusammen. Beim Typ-1-Diabetes haben wir unfassbare technologische Fortschritte, und das legt die Messlatte für den Betazellersatz immer höher. Trotzdem ist das Thema nicht obsolet, denn wir wissen alle: Technologie bringt Menschen mit Typ-1-Diabetes große Erleichterungen, aber es ist natürlich keine Heilung. Das 24/7-Management bleibt für viele eine große Herausforderung.
Deshalb besteht weiterhin diese große Vision, mit einem biologischen Betazellersatz wieder eine körpereigene Insulinsekretion herzustellen. Die klassische Inseltransplantation ist keine Therapieform, die in der Breite einsetzbar ist. Die Frage ist deshalb: Können wir zukünftig alternative Zellquellen verwenden, sei es stammzellbasiert oder auch xenogenen Ursprungs, und können wir sie so verändern oder vor dem Immunsystem verbergen, dass wir zumindest keine potente Immunsuppression mehr brauchen?
Welche Impulse kamen von Kongresssekretär Prof. Perakakis?
Prof. Ludwig: Nikolaos Perakakis hat bei klinischen Studien, Typ-2-Diabetes, metabolischen Erkrankungen und Komplikationen eine enorme Fachkompetenz und seine Professionalität in diesem Bereich hat dem Programm wichtige Impulse gegeben. Es hilft sehr, wenn man sich menschlich gut versteht – und das tun wir. Auch Humor ist immer hilfreich bei so einem Vorhaben …
Was erwartet die Teilnehmenden bei der DDG Night?
Prof. Ludwig: Jemand hat mir im Vorfeld gesagt: „Du weißt, was das Wichtigste ist, wenn du so ein Amt hast? Du musst eine gute Party organisieren!" Ich hoffe, dass das gelingt und es ein unterhaltsamer Abend, eine unterhaltsame Nacht wird und wir Spaß haben werden.
Der Diabeteslauf ist legendär. Werden Sie dabei sein?
Prof. Ludwig: Keine Frage! Medaillenambitionen hätte ich zwar schon und Ehrgeiz auch, aber dieses Jahr wird es wahrscheinlich nichts werden. Ich kann es ja auf den Stress während des Kongresses schieben, dass ich vielleicht nicht in Topform bin.
Was sollen die Teilnehmenden vom Kongress mitnehmen?
Prof. Ludwig: Ich würde mir wünschen, dass man mit einer fachlichen Inspiration rausgeht, dass man mit mehr kritischen Fragen rausgeht, als man reingekommen ist, dass man neue Kontakte geknüpft hat. Das wäre ein sehr schönes Outcome, außerdem natürlich das Gefühl, dass man Teil einer Community ist, die lebendig und dynamisch, aber auch verantwortungsvoll ist. Ich würde mich sehr freuen, wenn das gelingt!