Essstörungen erkennen und adäquat behandeln
Anorexie, Bulimie und die Binge-Eating-Störung zählen zu den gefährlichsten Erkrankungen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Entscheidend sind frühe Diagnose, engmaschige Kontrolluntersuchungen und eine bio-psychosozial basierte Therapie.
Pathologisches Essverhalten ist weit mehr als eine Frage der Ernährung. Ob Anorexia nervosa, Bulimia nervosa oder Binge-Eating-Störung: Hinter den Essstörungen stecken stets psychosoziale Konflikte, die die Betroffenen auf anderem Wege nicht lösen können, beschreibt ein Autorenteam um Prof. Dr. Eva Wunderer von der Fakultät für Soziale Arbeit an der Hochschule Landshut.
Anorexie nervosa: Gefährlicher Weg ins Untergewicht
Die umgangssprachlich oft als Magersucht bezeichnete Anorexia nervosa weist zwar vordergründig gewisse Ähnlichkeiten mit Abhängigkeitserkrankungen auf, ist diesen aber nicht zuzurechnen, schreiben Prof. Wunderer et al. Infolge der geringen Energieaufnahme verlieren die Betroffenen massiv an Körpergewicht; Hunger und Appetit bleiben indes oft erhalten.
Für Erwachsene nennt die ICD-11-Klassifikation einen Body-Mass-Index < 18,5 kg/m² als Kriterium für Anorexie, für Kinder und Jugendliche muss der BMI unterhalb der 5. Altersperzentile liegen. Ein rascher Gewichtsverlust von > 20 % innerhalb von sechs Monaten kann diese Grenzwerte ersetzen. Typisch bei Anorexie ist die Angst der Kranken vor einer Gewichtszunahme. Zugleich verkennen viele die Schwere ihrer Erkrankung.
Bei Anorexie unterscheidet man im Allgemeinen zwei Formen:
Beim Binge-Eating-/Purging-Typ kommt es regelmäßig zu Essanfällen mit nachfolgender Kompensationshandlung, etwa Erbrechen.
Beim restriktiven Typ beschränkt sich die Nahrungsaufnahme auf nur sehr wenige Nahrungsmittel oder Speisen.
Körperliche Folgen bei beiden Formen sind Frieren, Schwindel, gastrointestinale Beschwerden, Haarausfall, Osteoporose, Amenorrhoe und Libidoverlust.
Bulimia nervosa: Kreislauf aus Essen und Erbrechen
Die Bulimia nervosa ist durch wiederholte Essattacken mit nachfolgender Kompensationshandlung gekennzeichnet. Beides muss mindestens einmal wöchentlich und über mehrere Wochen hinweg erfolgen. Essen, Körperfigur und -gewicht haben wie bei der Anorexia nervosa einen übermäßigen Einfluss auf die Selbstbewertung.
Zwischen den einzelnen Essanfällen ernähren sich die Erkrankten oft sehr restriktiv und versagen sich süße und fettreiche Nahrung. Viele ziehen sich zurück, sodass dem Umfeld die Störung jahrelang verborgen bleiben kann. Das vermehrte Erbrechen kann Zahnschäden und Magen-Darm-Beschwerden auslösen, zudem drohen lebensgefährliche Hypokaliämien.
Binge-Eating-Störung: Essanfälle werden zur Routine
Bei der Binge-Eating-Störung kommt es durch die übermäßige Kalorienzufuhr häufig zu einem erhöhten Körpergewicht. Für die Diagnose müssen die Essanfälle mindestens einmal in der Woche und über mehrere Monate hinweg auftreten. Die Betroffenen nehmen regelmäßig große Mengen Nahrung innerhalb kurzer Zeit zu sich, meist für sich allein, sie essen hastig, ohne Hungergefühl und bis zu einem störenden Völlegefühl.
Typisch ist der Kontrollverlust beim Essen. Zudem kommt es nach den Attacken oft zu einem ausgeprägten schlechten Gewissen und der Beeinträchtigung psychosozialer Funktionen. Der Leidensdruck ist groß. Körperliche Folgen sind gastrointestinale Beschwerden, Adipositas, kardiovaskuläre Erkrankungen und Typ-2-Diabetes.
Oft übersehen, potenziell tödlich
In den westlichen Industrienationen leiden bis zu 18 % der jungen Frauen und 2 % der jungen Männer bis zum Erwachsenenalter an Essstörungen. Die niedrige Prävalenz bei Männern ist wohl darauf zurückzuführen, dass die Erkrankung bei ihnen oft übersehen wird, schreibt das Autorenteam.
Die Mortalitätsrate von Menschen mit Anorexia nervosa ist gegenüber der Allgemeinbevölkerung fast sechsfach erhöht. Insgesamt zählen die Störungen des Essverhaltens zu den gefährlichsten Erkrankungen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Sie treten aber auch im höheren Lebensalter auf, dann vor allem bei Frauen rund um die Menopause.
Den Weg zum normalen Essverhalten zeigen
Die Therapie der Essstörungen sollte immer auch bio-psychosoziale Aspekte berücksichtigen, raten Prof. Wunderer et al. Eine Ernährungstherapie hilft den Erkrankten, wieder auf Hunger- und Sättigungsgefühl zu achten und die Mahlzeiten angstfrei einzunehmen. Das lässt sich im Rahmen einer voll- oder auch teilstationären Behandlung durch feste Mahlzeiten in der Gruppe und gemeinsames Kochen fördern.
Ein wichtiges Instrument sind Essprotokolle, um Nahrungsaufnahme und begleitende Emotionen zu erfassen. Wichtig ist eine intensive medizinische Betreuung vor allem bei niedrigem Körpergewicht und schweren Begleit- und Folgeerscheinungen. Dazu gehören regelmäßige Kontrollen von Körpergewicht und Laborwerten sowie die Überwachung der Herz- und Nierenfunktion.
Kognitive Verzerrungen auflösen, Rückfälle verhindern
Häufig werden in der Behandlung dysfunktionale Kognitionen, Selbstwert, Körpererleben und psychosoziale Konflikte angesprochen. Entscheidend ist die gezielte Rückfallprophylaxe. Als Alternative zur stationären Therapie der Essstörungen wird in Deutschland derzeit die familienbasierte Therapie (Family-Based Treatment, FBT) erprobt. Eine Pilotstudie lieferte unlängst vielversprechende Ergebnisse, so das Autorenteam.
Digitale Angebote ermöglichen vor allem jungen Hilfesuchenden einen einfachen Zugang zu professioneller Versorgung. Die textbasierte Online-Beratung gestattet es Menschen mit Essstörungen, anonym über ihre Erkrankung zu sprechen. Als alleinige Option reicht das in der Regel aber nicht aus.
Wunderer E et al. Ernährungs Umschau 2026; 73: M158-164; doi: 10.4455/eu.2026.011