Was die KI in der Koloskopie wirklich bringt
Über 40 randomisiert-kontrollierte Studien haben gezeigt, dass KI in der Koloskopie zwar die Adenomdetektion steigert, jedoch keinen relevanten Zugewinn bei fortgeschrittenen Läsionen liefert. Der Einfluss auf Krebsdiagnosen und Mortalität bleibt gering, während Hinweise auf De-Skilling zunehmen.
Nach anfänglichem Hype zeigt sich langsam, dass Künstliche Intelligenz (KI) die Früherkennungskoloskopie nicht automatisch besser macht. Inzwischen wird klar: Sie macht die Untersuchenden womöglich schlechter.
Mittlerweile gibt es über 40 randomisierte, kontrollierte Studien (RCT) mit über 35.000 Patientinnen und Patienten zum Thema KI-gestützte Polypendetektion in der Koloskopie. Mit KI werden zwar mehr Adenome entfernt, aber darunter sind viele kleine Polypen ohne klinische Relevanz. Fortgeschrittene Adenome werden nicht häufiger entdeckt, betonte Prof. Dr. Alexander Meining vom Uniklinikum Würzburg. Und wenn es um die Differenzierung von „gut“ und „böse“ bei kleinen Polypen geht, sind erfahrene Untersuchende ohne die Assistenz in den RCT ebenso gut wie KI-unterstützte Untersuchende.
Geringer Effekt auf die Häufigkeit von Diagnosen
Eine Modellrechnung ergab, dass innerhalb von zehn Jahren die KI-Assistenz zu elf Karzinomdiagnosen pro 10.000 Untersuchte mehr führt und in der Folge zwei Todesfälle durch Darmkrebs pro 10.000 Untersuchte verhindert werden können. Die European Society of Gastrointestinal Endoscopy spricht deshalb von einem geringen Effekt und führt den Patientenwunsch nach KI mit ins Feld als Argument für den Einsatz. Dagegen kommt aus Großbritannien das klare Statement, der Effekt auf Krebsneudiagnosen sei so gering, dass man den Einsatz solcher Systeme nicht empfehlen könne, und auch die American Gastroenterological Association empfiehlt die Unterstützung durch KI bei der Vorsorgekoloskopie explizit nicht.
Zudem droht ein Verlust der Kompetenz durch die KI-Assistenz. Eine Verringerung, nicht eine Verbesserung der Adenomdetektionsrate (ADR) wurde schon 2022 nach der Einführung eines solchen Systems in einem US-amerikanischen Zentrum berichtet und nachfolgend in einer Auswertung eines Qualitätssicherungsprogramms bestätigt.
KI kann zum „Deskilling“ der Untersuchenden führen
Kürzlich kamen entsprechende Hinweise auch aus Polen: In einer retrospektiven Beobachtungsstudie zeigte sich nach Einführung der KI-Unterstützung eine signifikante Reduktion der ADR von 28,4 % auf 22,4 %. Die multivariate Analyse bestätigte KI als relevanten Einflussfaktor für die Verschlechterung – es kam zu einem „Deskilling“ der Untersuchenden.
Womöglich schaut die untersuchende Person im Rahmen einer KI-gestützten Koloskopie nur noch die Foci genauer an, auf die das System aufmerksam macht – und übersieht dabei andere Läsionen, die die KI nicht gefunden hat, bspw. eine flache sessile serratierte Läsion, erläuterte Prof. Meining. Die Konzentration auf das, was die KI findet, könnte die Urteilsqualität der Koloskopierenden bei längerem Gebrauch immer weiter einschränken, befürchtet der Experte.
KI sollte nicht dort verwendet werden, wo Ärztinnen und Ärzte ohnehin schon sehr gut sind, lautete Prof. Meinings Plädoyer. Besser wäre es seiner Meinung nach, Systeme mit Künstlicher Intelligenz da einzusetzen, wo sie notwendige, aber zeitraubende Arbeiten abnehmen können, beispielsweise bei der Workflow-Optimierung.
52. Deutscher Koloproktologen-Kongress