Rizin kann rasch tödlich wirken
Das Öl des Wunderbaums (Ricinus communis) wirkt bei Verstopfung und seine Blätter sind dekorativ. Doch die Samen enthalten das hochtoxische Ricin. Vergiftungen sind zwar selten, aber lebensbedrohlich– deshalb sollte man die Symptome kennen.
Ricinus communis stammt ursprünglich aus Afrika und Asien. Als Zier- und Ölpflanze wird der Strauch aber schon lange auch hierzulande kultiviert, berichten Dr. Sebastian Wendt, Universitätsklinikum Halle (Saale) und Koautorinnen und Koautoren. Wunderbaum wird er genannt, weil er so schnell wächst. Mitunter findet man ihn auch wild, insbesondere in wärmeren Regionen. Die rötlichen stacheligen Fruchtkapseln enthalten glänzende marmorierte Samen. Sie beherbergen das toxische Rizin. Dieses Protein blockiert nicht nur die Proteinbiosynthese, sondern sorgt auch für eine vermehrte Ausschüttung von Zytokinen wie TNF-α, IL-6 und IFN-γ und damit für eine systemische Entzündung.
In den Atemwegen wird das Alveolarepithel zerstört, es droht eine akute respiratorische Insuffizienz. In der Leber kommt es zu mitochondrialer Dysfunktion und Zellapoptose; Gefäßlecks führen zum toxischen Schocksyndrom. Wird das Gift oral aufgenommen, treten meist innerhalb von sechs Stunden zunächst unspezifische Symptome auf wie Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen. Es folgen eine hypovolämische Dehydratation, dann Leber- und Nierenschäden und ein potenziell tödliches Multiorganversagen. Auch Somnolenz und Krampfanfälle sind bei schweren Verläufen möglich.
Nach Inhalation ist oft eine invasive Beatmung nötig
Besonders gefährlich sind Inhalationen, in deren Folge sich schnell und ohne Initialsymptome ein toxisches Lungenödem entwickeln kann. Häufig sind invasive Beatmung und eine supportive Organersatztherapie erforderlich. Zu solchen Vergiftungen kann es beim illegalen Selbstbau von Rizinlösungen kommen: Es genügen schon geringe Mengen, die bei einer Vernebelung in geschlossenen Räumen frei werden.
Rizin wird als Biowaffe eingesetzt und unterliegt der Biowaffenkonvention. Besitz und Anwendung sind in Deutschland reguliert. Kontrollen sind aber schwierig, da es sich leicht aus handelsüblichen Samen gewinnen lässt. Hierzulande sind Fälle von Anschlägen dokumentiert, bei denen Rizin in Briefen, Pulvermischungen oder Sprengsätzen verwendet wurde. 1978 ist der bulgarische Dissident Georgi Marcov in London durch einen Anschlag mit einer Rizin enthaltenden Projektilkapsel ums Leben gekommen. Auch akzidentelle Vergiftungen sind möglich, wenn Rizinusschrot als Dünger oder Tierfutter verwendet wird.
Im Speziallabor lässt sich Rizinin im Urin nachweisen
Vermutet man eine Rizininvergiftung, helfen Laborwerte weiter. Typischerweise findet man eine deutliche Leukozytose, hohe Transaminasen, eine Laktatazidose und eine Hypokaliämie, bei Inhalation zusätzlich eine arterielle Hypoxie. In Speziallaboratorien lässt sich Rizinin im Urin nachweisen.
Die Therapie richtet sich nach den Symptomen und besteht aus Volumengabe, Korrektur der Elektrolyte und Unterstützung der Leber- und Nierenfunktion, ggf. auch invasiver Beatmung. Bei oraler Aufnahme sollte man zeitnah Aktivkohle verabreichen. An spezifischen Antiköpern wird derzeit geforscht, sie sind aber noch nicht zugelassen. Nach Abstimmung der beteiligten Fachdisziplinen ist aber ein individueller Heilversuch in Betracht zu ziehen. Auch an einem Impfstoff (RiVax) wird gearbeitet, im Tierversuch wurde er bereits erfolgreich getestet. Ein klinischer Verdacht auf eine Rizinintoxikation muss sofort den Gesundheitsbehörden gemeldet werden.
Wendt S et al. Dtsch Med Wochenschr 2026; 151: 520-522; doi: 10.1055/a-2807-7031