Kindermund tut Notfall kund
Verschluckte Magneten und Knopfzellbatterien können binnen Minuten lebensgefährliche Schäden verursachen. Ein Gastroenterologe zeigt, wann sofort endoskopiert oder operiert werden muss und warum sogar Münzen tückisch sein können.
Was ist schlimmer als ein verschluckter Magnet? Zwei verschluckte Magneten. Wenn diese in verschiedenen Abschnitten des Magen-Darm-Trakts liegen, kann durch die Anziehungskraft das dazwischenliegende Gewebe durchwandert werden, wie Prof. Dr. Kai Hensel vom Helios Universitätsklinikum Wuppertal anhand eines Fallberichts verdeutlichte. In seiner Klinik wurde ein fünf Monate altes Kind wegen einer Sepsis behandelt. Wegen eines akuten Abdomens bekam es zur Druckentlastung einen Pigtail-Katheter eingelegt. Bei der röntgenologischen Lagekontrolle fielen dann zwei metalldichte Fremdkörper auf. Wie sich herausstellte, hatte der dreijährige Bruder den Säugling mit Magneten gefüttert. „Bei multiplen Magneten im Darm dürfen Sie sofort die Chirurgen anrufen“, so der Kollege.
Schleimhautläsionen innerhalb weniger Minuten
Doch es gibt noch gefährlichere Objekte: Prof. Hensels persönlicher Endgegner sind die Knopfzellbatterien. Im Röntgenbild erkennt man diese am Halo-Zeichen, also einem hellen Ring am Rand, und lateral an der treppenförmigen Verjüngung. „Eine Knopfzellbatterie im Ösophagus ist ein absoluter, vital bedrohlicher Notfall“, mahnte der Referent. In den USA sterben laut Prof. Hensel jedes Jahr rund 60 neurologisch gesunde Kinder daran. Durch den Stromfluss bilden sich am negativen Pol Hydroxidionen, die eine Alkaliverätzung hervorrufen. Es dauert nur wenige Minuten, bis Schleimhautläsionen auftreten.
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Als bevorzugte Quelle auswählenDas Ausmaß der Gewebeschädigung lässt sich gut nachvollziehen, indem man eine Knopfzellbatterie für eine halbe Stunde zwischen zwei Scheiben Wurst legt und zusieht, wie das Fleisch an der Kontaktstelle schwarz wird. Zu den möglichen Folgen einer Ingestion zählen lebensbedrohliche Blutungen durch Verletzung der großen arteriellen Gefäße, Mediastinitis und ösophagotracheale Fisteln. „Da geht es immer um die Wurst und Sie haben es eilig“, lautete die Take-Home-Message des Kollegen. Als Erste-Hilfe-Maßnahme dient ein großer Löffel Honig. Verabreichen sollte man diesen aber nur, wenn das Kind mindestens ein Jahr alt ist (Säuglingsbotulismus!). Liegt die Ingestion mehr als zwölf Stunden zurück, ist kein protektiver Effekt mehr zu erwarten.
Verschluckte Münzen können lange symptomfrei bleiben
Münzen belegen Platz 1 der von Kindern verschluckten Fremdkörper und bleiben häufig asymptomatisch. Daher bleiben sie oft unentdeckt. Dr. Hensel stellte den Fall eines Mädchens vor, dem mehr als vier Jahre nach der oralen Aufnahme eine Münze herausoperiert wurde. Wie bei jedem ingestierten Gegenstand muss man sich zuerst fragen: Wo ist er? Die Durchleuchtung hilft bei der Entscheidung, was als Nächstes zu tun ist. Liegt das Geldstück im Magen oder weiter distal, kommt es darauf an, ob das Kind Symptome hat. Falls nein, bedarf es nur bei größeren Münzen (> 25 mm) in kleineren Kindern einer stationären Aufnahme. Falls ja, empfiehlt sich eine Endoskopie innerhalb von 24 Stunden, sobald das Kind nüchtern ist. Ein gestresstes Kind mit Münze in der Speiseröhre, das vermehrt speichelt, sollte zügig endoskopiert werden, um Drucknekrosen zu vermeiden. Liegen keine Symptome vor und das Objekt im unteren Drittel des Ösophagus, beträgt laut Dr. Hensel die Wahrscheinlichkeit einer baldigen Passage in den Magen rund 20–25 %.
Etwas seltener als nichtscharfe Objekte verschlucken Kinder scharfe bzw. spitze Gegenstände. In diesen Fällen stellt sich zunächst die Frage, ob der Fremdkörper röntgendicht ist. Ist er es nicht, lässt sich seine Lage auch nicht nachverfolgen. Asymptomatische Kinder sollten dann über mindestens 48 Stunden stationär überwacht werden, bei Beschwerden ist ein Notfall-Eingriff zu erwägen. Röntgendichte Teile werden je nach Lage endoskopisch entfernt, im Ösophagus möglichst schnell. Bei einem scharfen oder spitzen Objekt distal des Ligamentum suspensorium duodeni sollten alle vier bis sechs Stunden Röntgenkontrollen erfolgen.