Bei gestörter Darm-Hirn-Interaktion ist der biopsychosoziale Ansatz entscheidend
Störungen der Darm-Hirn-Interaktion sind mehr als ein vordergründiges Bauchproblem. Stress, Komorbiditäten und soziale Faktoren sind für Diagnostik und Therapie von zentraler Bedeutung.
Wer Patientinnen und Patienten mit funktionellen Magen-Darm-Erkrankungen nur somatisch bewertet, greift zu kurz. Entscheidend bei der Beurteilung und der Behandlung dieser Erkrankungen ist ein biopsychosozialer Ansatz, schreibt eine Gruppe um Prof. Dr. Sigrid Elsenbruch vom Zentrum für Medizinische Psychologie und Translationale Neurowissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum. Die Grundlage für eine erfolgreiche Therapie bildet das Verständnis der Darm-Hirn-Achse: Biologische und psychosoziale Faktoren beeinflussen sowohl die Darmphysiologie als auch die zentralnervösen Mechanismen. Umgekehrt haben Reizdarmsyndrom, funktionelle Dyspepsie oder chronische Bauchschmerzen schwerwiegende Folgen für die Alltagsbewältigung und das Sozialleben der Betroffenen.
Über sogenannte Bottom-up-Bahnen werden kontinuierlich Signale über den physiologischen Zustand des Darms an das Gehirn gesendet, erläutert das Autorenteam. Dieses moduliert die Informationen über kognitive und affektive Netzwerke und schickt über Top-down-Bahnen Rücksignale an das Verdauungssystem. Das hat Auswirkungen sowohl auf die Darmfunktion als auch auf die Signalübertragung zwischen Gehirn und Darm.
Zwischenmenschliche und gesellschaftliche Faktoren sind bei Störungen der Darm-Hirn-Interaktion (Disorders of Gut-Brain Interaction, DGBI) von großer Bedeutung. Traumatische und belastende Erfahrungen sind mit dem Auftreten von DGBI assoziiert; zugleich leiden die Betroffenen regelmäßig unter krankheitsbezogener Stigmatisierung. Eltern, Partnerin oder Partner sowie das gesamte soziale Umfeld können die Symptome direkt beeinflussen. Soziale Unterstützung und die Berücksichtigung psychosozialer Faktoren in den Behandlungsplänen sind daher klinisch relevant, so die Autorengruppe.
Angst- und Essstörungen sowie andere psychiatrische Komorbiditäten sind bei DGBI-Betroffenen häufig und beeinflussen Lebensqualität sowie Therapieerfolg. Darüber hinaus wirken kognitive und emotionale Prozesse unabhängig von psychiatrischen Begleiterkrankungen auf die Wahrnehmung und Bewertung von Symptomen ein. Prof. Elsenbruch et al. empfehlen, die psychosoziale Beurteilung als festen Bestandteil in der Routineversorgung zu etablieren. Zentrale Bereiche sind:
gesundheits- und symptombezogene Ängste
Kognitionen, Verhaltensweisen
psychiatrische Komorbidität
Schlaf und Stress
Ein strukturiertes Assessment ermöglicht die gezielte Überweisung in eine multidisziplinäre Behandlung und verbessert die Therapieergebnisse sowie die Patientenzufriedenheit.
Die Versorgung sollte in drei Stufen erfolgen: Stufe 1 umfasst Psychoedukation zur Darm-Hirn-Achse und Selbstmanagement-Strategien (z. B. Stressmanagement, Bewegung, Ernährung, Lebensstil), die von allen medizinischen Fachkräften einschließlich Hausärztinnen und Hausärzten geleistet werden können. Für Verhaltenstherapien bei DGBI besteht eine solide Evidenzbasis. Sie können durch geschultes nichtpsychologisches Fachpersonal (Stufe 2) oder durch spezialisierte Gastropsychologinnen und -psychologen (Stufe 3) durchgeführt werden. Bei behandlungsresistenten oder psychologisch komplexen DGBI wird die vollständig integrierte Versorgung auf Stufe 3 empfohlen.
Zur medikamentösen Therapie stehen verschiedene zentrale Neuromodulatoren zur Verfügung. Bei Erwachsenen mit chronischen gastrointestinalen Schmerzen ohne Obstipation werden niedrig dosierte trizyklische Antidepressiva gegenüber selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern bevorzugt. Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer stellen eine weitere Option dar, für die jedoch nur begrenzte Evidenz vorliegt. Die Wahl des Wirkstoffs richtet sich nach Symptomprofil, Schweregrad, psychiatrischen Komorbiditäten, Therapieerfahrungen und den Präferenzen der Patientinnen und Patienten.
Frauen sind überproportional häufig von DGBI betroffen, berichtet eine Autorengruppe um Prof. Dr. Margaret Heitkemper, Department of Behavioral Nursing and Health Informatics, University of Washington in Seattle. Das gilt für alle Kategorien der DGBI, inklusive der Erkrankungen der Speiseröhre, des Magens und Duodenums, des Darms sowie des Anorektums. Frauen leiden zudem häufiger unter überlappenden Schmerzsyndromen als Männer. Gonadalhormone, Umweltstressoren im Lebensverlauf sowie soziale Determinanten der Gesundheit haben dabei Einfluss auf Symptomschwere und Krankheitsverlauf.
Prof. Heitkemper et al. weisen darauf hin, dass Männer in klinischen Studien zur Behandlung von Störungen der Darm-Hirn-Interaktion unterrepräsentiert sind. Die meisten der zugelassenen Therapien seien aber für beide Geschlechter geeignet.
Quellen:
1 .Elsenbruch S et al. Gastroenterology 2026; 170: 1205-1223; doi: 10.1053/j.gastro.2026.02.009
2. Heitkemper MM et al. Gastroenterology 2026; 170: 1171-1189;doi: 10.1053/j.gastro.2026.02.011