Polyendokrines metabolisches Ovarialsyndrom
Das polyendokrine metabolische Ovarialsyndrom (PMOS), früher als polyzystisches Ovarialsyndrom (PCOS) bezeichnet, gehört mit einer Prävalenz von etwa 8–13 % zu den häufigsten endokrinen Störungen bei Frauen im reproduktiven Alter. Die hormonelle Störung bleibt meist lange unerkannt und gilt oft als Ursache für Anovulation und Infertilität. Das Syndrom manifestiert sich in der Regel zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr.
Symptomatik: Wie äußert sich PMOS?
Das klinische Bild des PMOS ist heterogen. Zu den typischen Symptomen gehören:
Zyklusstörungen
Oligomenorrhö oder Amenorrhö
häufig assoziiert mit unerfülltem Kinderwunsch (Infertilität)
klinische Zeichen des Hyperandrogenismus
Akne vulgaris
androgenetische Alopezie
Hirsutismus
Mit welchen Komplikationen und Komorbiditäten ist PMOS assoziiert?
Für das polyendokrine metabolische Ovarialsyndrom zeigt sich ein enger Zusammenhang mit dem metabolischen Syndrom und damit ein erhöhtes Risiko für
Adipositas,
arterielle Hypertonie,
Dyslipidämie,
gestörte Glukosetoleranz und
Typ-2-Diabetes.
Zudem steigt bei PMOS die Gefahr für
Schwangerschaftskomplikationen (z. B. Gestationsdiabetes, Präeklampsie, Fehl- und Frühgeburtlichkeit),
Endometriumkarzinom,
obstruktives Schlafapnoe-Syndrom und
psychische Komorbiditäten (z. B. Angststörungen, depressive Symptome und Essstörungen).
Diagnostik gemäß (modifizierten) Rotterdam-Kriterien: Wann liegt PMOS vor?
Gemäß der S2k-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie soll die Diagnose gestellt werden, wenn mindestens zwei der drei modifizierten Rotterdam-Kriterien erfüllt sind:
klinischer und/oder biochemischer Hyperandrogenismus
ovulatorische Dysfunktion
polyzystische Ovarien im Ultraschall und/oder erhöhte Anti-Müller-Hormon-Konzentration im Serum (und Ausschluss relevanter Differenzialdiagnosen)
Nach dieser Definition können auch Frauen ohne polyzystische Ovarien an einem PMOS leiden. Für Jugendliche gelten diagnostische Besonderheiten (siehe Kasten „PMOS in der Adoleszenz“).
Labordiagnostik: Welche Paramter sollten zum Nachweis einer Hyperandrogenämie bestimmt werden?
Der laborchemische Nachweis einer Hyperandrogenämie erfolgt anhand folgender Parameter:
vorzugsweise Gesamttestosteron, sexualhormonbindendes Globulin (SHBG), freier Androgenindex (FAI)
ggf. Androstendion und Dehydroepiandrosteron-Sulfat (DHEAS)
Wann spricht man anamnestisch von einer Zyklustempostörung?
Eine ovulatorische Dysfunktion liegt i.d.R. bei einer
wiederholten Zyklusdauer von < 21 Tagen oder ≥ 35 Tagen und/oder
< 8 Zyklen pro Jahr vor.
Wie lassen sich polyzystische Ovarien nachweisen?
Eine polyzystische Ovarmorphologie kann mittels Transvaginalsonografie anhand folgender Kriterien beurteilt werden:
Ovarvolumen ≥ 10 ml und/oder
antrale Follikelzählung ≥ 12 (mittels 5-MHz-Sonde) bzw. ≥ 20 Follikel (mittels 8-MHz-Sonde), jeweils Durchmesser von 2–9 mm
Die Ultraschalluntersuchung ist zur Diagnosestellung erst ab acht Jahren nach der Menarche geeignet.
PMOS in der Adoleszenz – Welche Besonderheiten bei Jugendlichen zu beachten sind
Die modifizierten Rotterdam-Kriterien eignen sich nicht für die Diagnosestellung in der Adoleszenz. Stattdessen sollten die beiden folgenden Kriterien erfüllt sein:
anhaltende Zyklusstörung in Relation zur Pubertätsentwicklung und
Hyperandrogenismus
Um Zyklusauffälligkeiten in der Adoleszenz zu beurteilen, muss der zeitliche Abstand zum Pubertätsbeginn berücksichtigt werden. Im ersten Jahr nach der Menarche ist ein unregelmäßiger Menstruationszyklus physiologisch. Als Zyklusstörungen gelten:
1–3 Jahre nach der Menarche: Zykluslänge < 21 Tage oder > 45 Tage
> 3 Jahre nach der Menarche: < 21 Tage oder > 35 Tage oder < 8 Zyklen pro Jahr
primäre oder sekundäre Amenorrhö
Welche Differenzialdiagnosen müssen vor der PMOS-Diagnose ausgeschlossen werden?
Zu den Differenzialdiagnosen zählen:
Adrenogenitales Syndrom (AGS)
Hyperprolaktinämie
Morbus Cushing
gonadotrope Hypophysenfunktionsstörung
androgenproduzierende Nebennierentumoren
androgenproduzierende Ovarialtumoren
primäre Ovarialinsuffizienz
Hyper-/Hypothyreose
Schwangerschaft
Begleitdiagnostik: Welche Risikoabklärung ist wichtig?
Bei allen Frauen mit PMOS sollten regelmäßig Gewichtskontrollen erfolgen. Kardiovaskuläre Risikofaktoren wie Rauchen, Hypertonie, Dyslipidämie sowie gestörter Glukosetoleranz und Typ-2-Diabetes müssen im Auge behalten werden. Bei Symptomen wie Schnarchen oder Tagesmüdigkeit sollte zudem ein obstruktives Schlafapnoe-Syndrom ausgeschlossen werden. Angeraten ist es auch, nach psychischen Begleiterkrankungen zu fahnden.
Therapie: Wie sich PMOS-Symptome behandeln lassen
Allen Frauen mit PMOS sollte eine gesunde, ausgewogene Ernährung sowie regelmäßige körperliche Aktivität empfohlen werden. Bei Übergewicht oder Adipositas ist eine Gewichtsabnahme anzustreben; bereits eine 3–5%ige Reduktion kann laut der Patientenleitlinie zu Zyklusverbesserungen führen. Ggf. können die Frauen durch eine entsprechende Verhaltenstherapie unterstützt werden.
Welche medikamentöse Behandlung infrage kommt, hängt von den Leitsymptomen, dem kardiometabolischen Risikoprofil und der Frage ab, ob ein Kinderwunsch besteht. Außerdem sollten Präferenzen und Wertvorstellungen der Patientin bei der Wahl der Pharmakotherapie berücksichtigt werden. Mögliche Optionen sind:
kombinierte orale Kontrazeptiva: Besteht kein Kinderwunsch, lassen sich zur Behandlung von Zyklusstörungen und/oder Hyperandrogenismus kombinierte orale Kontrazeptiva einsetzen, sofern keine Kontraindikationen vorliegen.
Antiandrogene: Zeigt sich unter den Kontrazeptiva (ggf. in Kombination mit lokaler Therapie) keine ausreichende Wirkung, können Antiandrogene zur Behandlung des Hyperandrogenismus erwogen werden. Eine zuverlässige Kontrazeption ist dabei obligat.
Metformin: In Kombination mit Lebensstilmaßnahmen kann Metformin bei übergewichtigen/adipösen Patientinnen und/oder bei hohem metabolischem Risiko eingesetzt werden. Es lässt sich mit hormonellen Kontrazeptiva kombinieren. Außerdem ist der Einsatz zur Behandlung der Hyperandrogenämie möglich.
GLP1‑Rezeptoragonisten: Bei PMOS und Übergewicht/Adipositas können GLP1‑Rezeptoragonisten zur Gewichtsreduktion bzw. kardiometabolischen Risikomodifikation in Betracht gezogen werden. Unter Therapie ist auf eine sichere Kontrazeption zu achten.
Bei Frauen mit PMOS und Adipositas kann eine bariatrische Operation empfohlen werden, wenn konservative Maßnahmen nicht ausreichen.
Behandlung der Infertilität bei Kinderwunsch
Häufig wird ein PMOS erst bei unerfülltem Kinderwunsch diagnostiziert und erfordert dann teils eine spezifische Behandlung, um den Eisprung zu fördern. Grundsätzlich sollten betroffene Frauen alles vermeiden, was einer Schwangerschaft zusätzlich im Wege stehen könnte. Wichtig sind daher Rauchverzicht, Gewichtsreduktion bei Übergewicht bzw. Adipositas, ausreichender Schlaf und Vermeidung von Stress.
Bei anovulatorischen Zyklen stehen zur Ovulationsinduktion folgende medikamentösen Optionen zur Verfügung:
Letrozol als Mittel der ersten Wahl
Clomifen (ggf. in Kombination mit Metformin) und/oder Gonadotropine als Mittel der zweiten Wahl
Metformin kann zur Verbesserung der Ovulationsrate eingesetzt werden
Eine mögliche Alternative bei weiter bestehender Infertilität ist eine künstliche Befruchtung. In ausgewählten Fällen kann bei einem Kinderwunsch ein Ovarian-Drilling erwogen werden, wenn die pharmakologische Ovulationsinduktion nicht zum Erfolg führt.
Häufige Fragen zum PMOS (FAQ): Was für Patientinnen wichtig ist
Was ist PMOS (früher PCOS) – und warum heißt es jetzt anders?
Das polyendokrine metabolische Ovarialsyndrom (PMOS) ist die häufigste hormonelle Störung bei Frauen im gebärfähigen Alter. Aufgrund eines Überschusses an männlichen Geschlechtshormonen (Androgene) kann es zu einer gestörten Follikelreifung kommen.
Früher bezeichnete man das PMOS als polyzystisches Ovarialsyndrom (PCOS). Der Begriff vermittelte allerdings den Eindruck, dass beim PMOS vor allem ovarielle Zysten eine Rolle spielen. Es handelt sich dabei aber nicht um Zysten, sondern um unreife Eiblässchen, die auch bei Frauen ohne PMOS auftreten können. Der neue Name betont, dass es sich um eine Hormon- und Stoffwechselstörung handelt.
Welche Symptome treten bei einem PMOS auf?
Die Symptome beim PMOS sind sehr vielfältig. So kann es zu einer seltenen, unregelmäßigen oder ausbleibenden Menstruation und einer eingeschränkten Fruchtbarkeit kommen. Oft geht das Syndrom auch mit einer verstärkten Körperbehaarung (Hirsutismus), Akne oder Haarausfall einher. Frauen mit PMOS sind zudem eher von Adipositas, Hypertonie und gestörte Glukosetoleranz betroffen. Auch psychische Symptome treten bei ihnen vermehrt auf.
Unregelmäßige Periode und Akne – spricht das für PMOS, auch wenn im Ultraschall keine „Zysten“ zu sehen sind?
Die Diagnose kann gestellt werden, wenn mindestens zwei der drei modifizierten Rotterdam-Kriterien zutreffen:
Zyklusstörungen
klinisch oder biochemisch nachgewiesene Hyperandrogenämie
polyzystische Ovarien und/oder hohe AMH-Konzentration
Nach dieser Definition können also auch Frauen ohne polyzystische Ovarien an einem PMOS leiden.
Kann PMOS Ursache eines unerfüllten Kinderwunsch sein?
Ja, die hormonelle Störung kann Grund für einen unerfüllten Kinderwunsch sein. Oft bleibt die Erkrankung lange unerkannt, und es kommt erst zur Diagnose, wenn Betroffene aufgrund von Zyklusstörungen nicht schwanger werden.
Ist eine Schwangerschaft trotz PMOS möglich?
Ja, auch Frauen mit PMOS können schwanger werden. Es kann sein, dass es bei ihnen etwas länger dauert, bis sich eine Schwangerschaft einstellt. Aber das Risiko, dass ein Kinderwunsch unerfüllt bleibt, ist nicht größer als bei Frauen ohne PMOS.
Bei PMOS und einem erhaltenen Zyklus mit Ovulation braucht es meist keine weitere Therapie, um schwanger zu werden. Bei einer Follikelreifungsstörung stehen verschiedene Optionen zur hormonellen Stimulation zur Verfügung.
Ist PMOS heilbar?
Nein, bislang ist PMOS nicht heilbar. Die einzelnen Symptome lassen sich aber behandeln. Zur Therapie von Zyklusbeschwerden stehen beispielsweise kombinierte orale Kontrazeptiva zur Verfügung. Diese können mitunter auch bei Akne oder Hirsutismus (Behaarung, die dem männlichen Verteilungsmuster folgt) helfen.
Quellen
S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie des polyzystischen Ovarsyndroms; AWMF-Register Nr. 089 - 004