Hepatitis B und D: Fallzahlen sinken, Impflücken bleiben
Die gute Nachricht ist: Die Inzidenzen von Hepatitis B und Hepatitis D in Deutschland gehen zurück. Die schlechte: Die Krankheitslast bleibt erheblich – besonders bei zugewanderten Menschen und Drogenkonsumierenden.
Bei ansonsten gesunden Erwachsenen heilen 90 % der akuten Infektionen mit dem Hepatitis-B-Virus (HBV) spontan aus und hinterlassen eine dauerhafte Immunität. Eine Chronifizierung wird nur bei 5–10 % der Erkrankten beobachtet. Demgegenüber kommt es bei einer HBV-Infektion im frühen Kindesalter in rund 90 % der Fälle und bei immunkompromittierten Personen gehäuft zur Chronifizierung, schreibt ein Autorenteam des Robert Koch-Instituts (RKI).
Wer besonders durch HBV und HDV gefährdet ist
Infektionen mit dem Hepatitis-D-Virus (HDV) kommen nur als Koinfektionen mit HBV-Infektionen vor, da dieses Virus HBV zur Replikation benötigt. HDV kann gleichzeitig mit dem HBV übertragen werden (Simultaninfektion) oder eine bereits bestehende chronische Hepatitis B komplizieren (Superinfektion). Bei Koinfektion steigt das Risiko für schwere Verläufe erheblich, insbesondere bei Superinfektion. In 70–90 % der Fälle kommt es zur Chronifizierung.
Im Vergleich zu anderen Ländern ist die Hepatitis-B- und die Hepatitis-D-Prävalenz in Deutschland eher gering. Überproportional betroffen sind nach wie vor Menschen, die aus Ländern mit hoher Hepatitis-B-Prävalenz nach Deutschland gekommen, sowie Personen, die Drogen injizieren.
Während gegen HBV wirksame Impfstoffe zur Verfügung stehen, ist dies für HDV nicht der Fall. Indirekt schützt allerdings die HBV-Impfung auch gegen das HDV (der Grund hierfür: siehe oben). Mit Bulevirtid steht seit Juli 2020 eine zielgerichtete antivirale Therapie der chronischen Hepatitis D zur Verfügung. Die vollständige EMA-Zulassung folgte im Juli 2023, beschränkt auf Erwachsene mit chronischer HDV-Infektion und kompensierter Lebererkrankung.
Nach Änderung der Referenzdefinition und der Meldepflicht nahm die Zahl der Meldungen erwartungsgemäß zu, weil mehr Erkrankungen die Kriterien erfüllten (siehe Kasten). Einen tatsächlichen Anstieg der gemeldeten HBV-Infektionen im Vergleich zum Vorjahr beobachtete man seit 2022, wobei der Zuwachs von 2022 auf 2023 mit 36 % besonders markant ausfiel. Im Wesentlichen ist der Anstieg von 2021 bis 2023 wohl auf das 2021 eingeführte einmalige HBV-Screening im Rahmen des Gesundheits-Check-ups ab dem Alter von 35 Jahren zurückzuführen. Aber auch die Zuwanderung aus der Ukraine könnte sich ausgewirkt haben, heißt es im RKI-Bericht.
Was hinter den Meldezahlen steckt
In Deutschland wurde im Jahr 2015 die HBV-Referenzdefinition geändert, 2017 die Meldepflicht laut Infektionsschutzgesetz erweitert. 2019 wurden chronische HBV-Infektionen in die Referenzdefinition aufgenommen. Im Jahr 2025 wurde die Falldefinition erneut präzisiert: Seither erfüllen nur noch Erstdiagnosen die Referenzdefinition, und ein verbessertes elektronisches Meldesystem hilft, Doppelmeldungen besser zu erkennen. Meldepflichtig sind alle labordiagnostisch bestätigten HBV- und HDV-Infektionen, unabhängig von Klinik oder Stadium.
Im Jahr 2024 zeigte sich erstmals ein Rückgang (-5 %) der Fallzahlen. Dieser verstärkte sich im Jahr 2025 mit einer Abnahme um 22,5 % im Vergleich zu 2024. Als mögliche Ursachen gelten eine verbesserte Doppelmeldungserkennung im Meldesystem sowie die rückläufige Migration aus der Ukraine. Die tatsächlichen Gründe lassen sich anhand der Daten nicht abschließend klären, heißt es im RKI-Bericht.
Im Jahr 2025 wurden dem RKI insgesamt 17.547 HBV-Neuinfektionen gemeldet. Daraus ergibt sich eine Inzidenz von 21 pro 100.000 Einwohner. Darunter waren 43 % chronische und 4 % akute HBV-Infektionen. In den übrigen Fällen war das Stadium der Erkrankung unbekannt.
Regionale Hotspots: Wo Hepatitis B am häufigsten ist
Die gemeldeten Fälle waren mit einer Inzidenz zwischen 9 und 58 pro 100.000 Einwohner sehr unterschiedlich über Deutschland verteilt. Die Bundesländer Sachsen, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg zeigten mit < 11 pro 100.000 die niedrigsten Inzidenzen. An der Spitze lag Hamburg (58/100.000), gefolgt von Bremen (39/100.000), Berlin (33/100.000) und Bayern (24/100.000).
Jungen und Männer wiesen mit 25 Infektionen pro 100.000 Einwohner eine höhere Inzidenzrate auf als Mädchen und Frauen mit 17 pro 100.000. In beiden Geschlechtern war die Altersgruppe zwischen 40 und 49 Jahren am stärksten betroffen. Von den Personen mit Angaben zum Impfstatus (38 % aller gemeldeten Hepatitis-B-Fälle) waren 91 % der Betroffenen ungeimpft. Nur 88 Personen (1 % aller gemeldeten Fälle) hatten einen als ausreichend anzunehmenden Impfschutz mit mindestens drei Impfungen erhalten.
Die Zahl der gemeldeten HDV-Infektionen war zwischen 2022 und 2024 von 119 auf 136 gestiegen. Im Jahr 2025 bekam das Robert Koch-Institut 69 HDV-Infektionen übermittelt, also 43 % weniger als im Jahr zuvor. Daraus ergibt sich eine bundesweite Inzidenz von 0,08 pro 100.000 Einwohner. Die meisten Erkrankungen betrafen Männer bzw. die Altersgruppe der 30–59-Jährigen.
Mutevelli J et al. Epid Bull 2026; 29: 4-25; doi: 10.25646/14297