Neuer Antikörper stoppt HIV im Labor

Aus der Fachliteratur
|Erschienen am: 
Eine effektive Impfung gegen HIV ist nach wie vor nicht in Sicht.

Ein Kölner Forschungsteam isolierte einen Antikörper, der in vitro über 300 HIV-Varianten neutralisiert – und das Virus in infizierten Mäusen vollständig unterdrückte. Die Hoffnung: Prävention und Therapie könnten neu gedacht werden.

Eine effektive Impfung gegen HIV ist nach wie vor nicht in Sicht. Gegenwärtig setzt die Forschung daher große Hoffnungen in virusneutralisierende Antikörper (broad neutralizing antibodies, bnAb). Einer Arbeitsgruppe um Dr. Lutz Gieselmann vom Institut für Virologie am Universitätsklinikum Köln gelang es, einen vielversprechenden Kandidaten zu isolieren.

Immunglobulin stammt von Elite-Neutralisierer

Der unter dem Namen 04_A06 geführte monoklonale Antikörper stammt von einem sogenannten HIV-Elite-Neutralisierer. Mit diesem Begriff bezeichnet man HIV-Infizierte, die eine besonders starke und breite (d.h. gegen verschiedene HIV-1-Stämme und Virussubtypen gerichtete) Antikörperantwort entwickeln und deren Immunsystem das Virus besonders effektiv bekämpft. Aus Blutproben von 32 solchen HIV-Elite-Neutralisierern isolierte das Forscherteam antikörperproduzierende B-Zellen. Die exprimierten 831 verschiedenen monoklonalen Antikörper unterzog das Team einer Reihe funktioneller Tests. Variante 04_A06 – isoliert aus den Zellen einer Frau aus Tansania – zeigte dabei eine außerordentliche antivirale Aktivität, berichten die Forschenden. Der Antikörper neutralisierte in vitro mehr als 300 HIV-1-Pseudovirusvarianten, darunter alle zwölf Stämme des HIV-1 global panel, und unterdrückte in vivo das Virus (Stamm HIV-1YU2) in infizierten humanisierten Mäusen vollständig.

Aufgrund seiner molekularen Struktur kann 04_A06 u. a. an einen schwer zugänglichen und vermutlich hochkonservierten Bereich binden, vermuten die Forschenden. Dadurch stellten die klassischen Fluchtmutationen im Gen der viralen Hüllenproteine (env) für den Antikörper kein Problem dar – zumindest im Rahmen der Analysen aller funktionsfähigen Varianten des untersuchten Stamms HIV-1BF520.

In Modellierungen zum Präventionseffekt des Antikörpers zeigte sich eine bemerkenswerte antivirale Aktivität gegenüber verschiedenen zirkulierenden HI-Viren. Bereits unter der konservativen Annahme einer zweieinhalbfachen Eliminationshalbwertszeit lassen diese auf einen Präventionseffekt von bis zu 93 % schließen.

Antikörper könnte präventiv und therapeutisch wirken

Angesichts der Ergebnisse halten Dr. Gieselmann und sein Team 04_A06 für einen vielversprechenden Kandidaten sowohl zur Prävention als auch zur Therapie der HIV-Infektion. Auch Prof. Dr. Christoph Spinner vom Klinikum rechts der Isar der TU München und Prof. Dr. Alexandra Trkola vom Institut für Medizinische Virologie der Universität Zürich sehen ein hohes theoretisches Potenzial des Antikörpers. Zunächst muss er sich jedoch in Tests in vivo bewähren – im Tiermodell und am Menschen, gefolgt von den weiteren üblichen klinischen Tests zu Verträglichkeit und Wirksamkeit.

1. Gieselmann L et al. Nat Immunol 2025; 26: 2016-2029; doi: 10.1038/s41590-025-02286-5

2. Pressemitteilung Science Media Center