Pneumokokken und Impfschutz

Pneumokokken: Neue Typen, alte Impflücken

27. Forum Reisen und Gesundheit
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Zu wenige Personen ab 60 Jahren lassen sich gegen Pneumokokken impfen – und das, obwohl die Pneumokokken­pneumonie nach wie vor eine der Haupttodesursachen bei älteren Menschen ist.

Die Pneumokokken-Impfung wirkt – doch das Erregerfeld verschiebt sich. Andere und neue Serotypen drängen nach, während die Impfquoten in Deutschland stagnieren. Experten fordern konsequente Immunisierung und lückenlose Surveillance.

Invasive Pneumokokkenerkrankungen sind in erster Linie ein Problem bei jüngeren Kindern und älteren Erwachsenen, erklärte PD Dr. Mark van der ­Linden, Abteilung für Medizinische Mikrobiologie am Universitätsklinikum RWTH Aachen. Bei den Erwachsenen sei schon ab dem Alter von 50 Jahren eine merkliche Zunahme der Fallzahlen festzustellen.

Laut den Daten des Robert Koch-Instituts waren hierzulande im Jahr 2022 gerade einmal 74 % der Zweijährigen vollständig gegen Pneumokokken geimpft (Impfempfehlungen siehe Infobox). „Damit liegen wir im internationalen Vergleich weit, weit, weit unten“, beklagte Dr. van der Linden. „Ganz Afrika impft deutlich über 90 %.“

Bei Personen ab 60 Jahren sind die Raten mit 20–30 % noch einmal deutlich niedriger – und das, obwohl die Pneumokokken­pneumonie nach wie vor eine der Haupttodesursachen bei älteren Menschen ist, so der Experte.

Mehr Serotypen, mehr Schutz

Seit Juli 2006 gilt in Deutschland eine generelle Impfempfehlung für Kinder unter zwei Jahren mit einem Pneumokokken-Konjugatimpfstoff (PCV). Anfangs wurde viermal mit PCV7 geimpft, später mit höhervalenten PCV. Die aktuelle Empfehlung ist, reif geborenen Kindern dreimal PCV13 oder PCV15 zu geben.Für Erwachsene ab 60 Jahren galt seit 1998 eine Empfehlung für die Standardimpfung mit dem Pneumokokken-Polysaccharid­impfstoff (PPSV23), die im Jahr 2023 auf PCV20 geändert wurde.

Pneumokokken verfügen über 107 Kapselserotypen, die sich allein durch ihren Polysaccharidmantel unterscheiden. Dieser Mantel bestimmt den Phänotyp des Erregers und beeinflusst, wie effektiv sich Pneumokokken ansiedeln, überleben und verbreiten. Wie Dr. van der Linden erläuterte, sind von den 107 Typen nur 24 für etwa 95 % der invasiven Pneumokokkenerkrankungen verantwortlich.

Die PCV*-Kinderimpfung – die anders als Polysaccharid-Impfstoffe sowohl systemische als auch mukosale Immunität vermittelt – hat seit ihrer Einführung zu einem deutlichen Rückgang der Erkrankungen mit den Impfstoffserotypen geführt. An deren Stelle traten allerdings Infektionen mit Nicht­impfstofftypen – ein Phänomen, das man als ­Replacement bezeichnet, so der Referent. Auch nach Einführung von PCV15 war ein solches Replace­ment festgestellt worden.

Daraufhin wurden zwei weiterentwickelte Pneumokokken-Konjugatimpfstoffe auf den Markt gebracht: PCV20 deckt gegenüber dem Vorgänger fünf zusätzliche Kapseltypen ab, während PCV21 gezielt neu aufgetretene Varianten einschließt, dies jedoch auf Kosten einiger bislang berücksichtigter Typen.

Die Entwicklung könnte eine Ausweitung der Impfempfehlung notwendig machen

Mit Beginn der Kinderimpfungen sanken auch die Erkrankungszahlen bei den Erwachsenen. Angesichts der in dieser Altersgruppe deutlich niedrigeren Impfquote ist dieser Effekt jedoch weniger auf eine eigene Immunität zurückzuführen, sondern vor allem auf den Herdenschutz durch die geimpften Kinder. Dieser Schutz ist allerdings begrenzt und wirkt nicht bei allen Varianten gleichermaßen, erläuterte der Referent.

Pneumokokkenerkrankungen durch Serotyp 3 sind bei Erwachsenen immer noch häufig. Zudem sind die Fallzahlen mit dem Typ 4 in den letzten Jahren, vornehmlich unter Männern im Alter bis 49 Jahren, stark angestiegen, obwohl dieser Kapseltyp bei Kindern mittlerweile selten ist. Möglicherweise macht diese Entwicklung eine Ausweitung der Impfempfehlungen notwendig, meinte Dr. van der Linden.

In den Saisons nach der SARS-CoV-2-Pandemie sind die PCV7- und PCV13-Serotypen erneut in invasiven Pneumokokkenerkrankungen aufgetreten. Derzeit ist unklar, ob dies mit Veränderungen bei der Impfstoffaufnahme, Änderungen im Impfplan oder einem nachlassenden Schutz durch die Vakzinen zusammenhängt.

Als echte Überraschung bezeichnete der Referent das Aufkommen des an sich seltenen Kapseltyps 38, der in der Saison 2023/24 zur häufigsten Variante bei den unter Zweijährigen avancierte. Auch bei den älteren Erwachsenen war er überaus oft zu finden. „Das alles zeigt, wie wichtig eine gut funktionierende und vor allem komplette Surveillance ist, die wirklich alle Serotypen analysiert“, betonte der Pneumokokkenexperte.

Tobias Stolzenberg

Tobias Stolzenberg

Redakteur Medical Tribune
Nach dem Studium an der Universität Mainz war Tobias Stolzenberg für verschiedene Fachverlage und Unternehmen der Pharma-, Chemie- und Biotechbranche tätig. Seit 2015 arbeitet er für Medical Tribune, zunächst als freier Mitarbeiter, später als festangestellter Medizinredakteur. Seine Artikel behandeln medizinische und wissenschaftliche Themen, mit besonderem Schwerpunkt auf der Allgemeinmedizin. Tobias Stolzenberg ist auch Redakteur und Interviewer für den Podcast O-Ton Allgemeinmedizin.

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