Gesundheit entsteht, wo die Menschen Kunst machen – Streetart und Urban Public Health im Dialog
Kann Farbe an einer Hauswand auf ein Stadtviertel medizinisch präventiv wirken? Und wenn die Medizin bildlich gesehen die Menschen vor dem Ertrinken rettet – wer muss dann die Frage stellen, warum sie immer wieder ins Wasser fallen?
Claudia Walde alias MadC hat eine eigene Beziehung zum Konzept des Paradigmenwechsels. Denn die künstlerische Entwicklung der heute international arbeitenden Graffiti- und Streetart-Künstlerin ist eine Geschichte des Umdenkens: vom schnellen Graffiti an Hauswänden hin zur abstrakten Kunst. „Diese ganze Dynamik, die man braucht, um in der Straße zu arbeiten, das schnelle Arbeiten, der physische Einsatz mit dem ganzen Körper – das wollte ich umsetzen in Kunst.“ Darüber seien ihre Werke immer abstrakter geworden. „Aber sie fangen eben trotzdem die Energie der Straße ein“, erklärt die Künstlerin, deren Arbeiten heute in Galerien und Museen wie etwa dem Wiesbadener Museum Reinhard Ernst zu sehen sind und die auch das Kongressbild der DGIM 2026 mit dem Motto Paradigmenwechsel stellte.
Claudia Walde alias MadC
Die „Straße“ ist auch das Thema von Prof. Susanne Moebus, Direktorin des Instituts für Urban Public Health an der Universitätsmedizin Essen. Denn Gesundheit entsteht eben nicht nur im Wartezimmer, sondern dort, wo Menschen leben, arbeiten, lieben und Kunst machen – also im Stadtquartier, im Wohnblock, auf der Straße, erklärt sie. Wer die Rahmenbedingungen dort klug gestaltet, braucht niemanden in Sachen Gesundheit zu belehren: Tempo 30 senkt Unfälle, sichere Radwege fördern Bewegung, bezahlbarer Wohnraum schützt vor chronischem Stress.
Und während die Medizin einzelne Erkrankte behandelt, richtet Public Health den Blick auf die gesamte Bevölkerung, erklärt sie weiter. Dabei frage Public Health nicht: Wie heilen wir?, sondern: Warum werden Menschen überhaupt krank? Eine Metapher, die zur Beschreibung gerne angeführt wird, beschreibt, wie die Medizin zwar sehr gut darin ist, Menschen aus dem Wasser zu retten. Public Health hingegen frage, warum sie überhaupt hineinfallen und welche Stolperfallen dafür verantwortlich sind. In dieser Ursachensuche liegt der Kern von Public Health. Und in der Entwicklung von Abhilfe, erklärt Prof. Moebus.
Prävention bringt wenig politische Lorbeeren
Doch wer verhindert, dass Menschen krank werden, wird dafür selten gefeiert. Prof. Moebus spricht vom Präventionsparadox: Wenn Prävention wirkt, sieht man sie nicht. Das mache es so schwierig, Gesundheitsförderung in der Politik zu verankern. Schöne Worte bekomme man schnell mal, so Prof. Moebus, aber wenn es konkret wird, brauche es breite Koalitionen: mit Menschen aus dem Klimaschutz, der Nachhaltigkeit, der Stadtplanung – und auch aus der Kunst.
Einer der Zugänge von Kunst auf den Menschen beruht auf der Wirkung von Farben. Die Künstlerin Walde setzt diese gezielt ein. Beispielhaft nennt sie die Gestaltung einer Schulfassade inmitten eines Plattenbauviertels. Die Fassade war durchaus schön begrünt – in den langen Wintermonaten allerdings nur noch grau und trist. „Es gab keinen einzigen Farbklecks in der ganzen Umgebung. Also habe ich bewusst entschieden, diese Wand grün zu machen – ein saftiges, gelbes Grün, gemischt mit Rosa-Nuancen. Grün wirkt entspannend, Pink ist gut für die Seele.“
ch über die darüber entstehenden sozialen Kontakte und Netzwerke. Wer sich in seinem Viertel wohlfühlt, wer das Gefühl hat, dazuzugehören, lebt gesünder. Streetart kann dieses Gefühl über das gemeinsame Entstehenlassen, durch Partizipation und Selbstwirksamkeitserfahrung stärken. Man könne sehen, was das mit den Leuten macht, sagt MadC. „Wie die Mundwinkel nach oben gehen, wie die Menschen locker werden, wie sie Stress abbauen.“
Aber nicht nur die visuellen Reize, auch Gerüche und Akustik nehmen Einfluss auf menschliches Befinden. Dabei gehe es nicht nur um Lärmbekämpfung, so Prof. Moebus. Es brauche neues Bewusstsein, wie Städte klingen sollen. Welche Materialien schlucken Schall? Wie können Skulpturen und Fassaden nicht nur schön aussehen, sondern auch klingen? Die Streetart-Künstlerin MadC begeistert die Idee: Sie hat bereits erste Erfahrungen mit skulpturalen Elementen und sieht hier enormes Potenzial für interdisziplinäre Zusammenarbeit.
Wo sich neue Wege in der Gesundheitsfürsorge auftun
Wenn Sie mehr darüber wissen möchten, wie eine neue Treppe in einer U-Bahn-Station 80 % der Menschen dazu bringt, die Rolltreppe links liegen zu lassen, dann hören Sie unsere neue Folge von O-Ton Innere Medizin. Außerdem: Was Streetart mit dem Abbau von Stigmatisierung zu tun haben könnte – und warum Prof. Moebus das wissenschaftlich gerne genauer untersucht hätte.
Anouschka Wasner
Mehr zum O-Ton Innere Medizin
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