Hormonersatztherapie auf kardiovaskuläres Risiko abstimmen
Dass der Schutz für das kardiovaskuläre System mit dem sinkenden Östrogenspiegel in den Wechseljahren abnimmt, ist hinlänglich bekannt. Ob eine Hormonersatztherapie dabei nützt oder schadet, wird weiterhin diskutiert.
Ca. 9,3 Millionen Frauen in Deutschland befinden sich in den Wechseljahren, drei Viertel von ihnen leiden an klimakterischen Beschwerden, berichtete PD Dr. Lisa Dannenberg vom Universitätsklinikum Düsseldorf. Mit einer Hormonersatztherapie (HET) lassen sie sich wirksam lindern, doch wie steht es um das kardiovaskuläre Risiko unter der Behandlung?
Heutzutage starten Frauen früher mit der HET
In früheren Studien wurde eine deutlich erhöhte Gefahr durch die Hormongabe ermittelt. Dabei waren die teilnehmenden Frauen im Mittel 63 Jahre alt und wiesen eine hohe Rate an metabolischen und kardiovaskulären Risikofaktoren auf. Das entspricht nicht mehr dem Kollektiv, das heute typischerweise mit einer HET startet, betonte Dr. Dannenberg. Denn das sind jüngere Frauen in der frühen Menopause. Subanalysen haben auch gezeigt, dass für diese Gruppe ein deutlich geringeres Risiko von kardiovaskulären Komplikationen besteht – unabhängig davon, ob Östrogene als Monopräparat oder in Kombination mit Gestagenen eingenommen wurden.
Der Blutdruck in den Wechseljahren
Mit den Lebensjahren steigt bei Frauen der Blutdruck. Ist das dem Alter oder den Hormonen geschuldet? Dr. Julia Lueg vom Deutschen Herzzentrum der Charité Berlin präsentierte dazu Daten aus der SWAN-Studie. Bei 339 Teilnehmerinnen wurde die Pulswellengeschwindigkeit als Maß für die arterielle Steifigkeit gemessen. Mehr als ein Jahr vor der Menopause war sie um 0,9 % gestiegen, innerhalb des Jahres rund um die letzte Regelblutung um 7,5 % und nach mehr als einem Jahr danach sank sie um etwa 1 %. Das macht deutlich, dass die zwölf Monate rund um die Menopause für die kardiovaskuläre Gesundheit von Frauen eine kritische Phase darstellen, in der eventuell erforderliche Lebensstilmodifikationen intensiviert werden sollten.
Was den Einfluss einer HET auf den Blutdruck angeht, so sinkt er unter alleiniger Therapie mit Östrogen transdermal oder oral ebenso wie unter Estronsulfatpräparaten. Die Beigabe von Progesteron (oral) lässt ihn steigen. Die transdermale Kombi beider Hormone sowie die Einnahme von Östradiol oder Tibolon beeinflussen den Druck nicht.
Aktuellen Auswertungen zufolge besteht beim Start einer HET vor dem 60. Lebensjahr auch 20 Jahre später noch kein erhöhtes Risiko für das Herz-Kreislauf-System. Am günstigsten erwies sich die transdermale Applikation. Entsprechend der Datenlage fasste die Kardiologin die Empfehlungen zusammen: Eine systemische HET wird jüngeren Frauen in der Postmenopause mit niedrigem kardiovaskulärem Risiko (SCORE2 < 5 %) und Wechseljahresbeschwerden empfohlen, vor allem, wenn sie vasomotorischer Natur sind und die Lebensqualität beeinträchtigen. Abzuraten ist beschwerdefreien Frauen über 60 Jahren mit einem SCORE2 > 10 % oder einer KHK. Für alle Frauen „dazwischen“ fällt die Entscheidung für oder gegen eine HET individuell in Abhängigkeit von Symptomen und Risikoprofil.