Untrennbar verbunden: Nephrologie & Diabetologie
In der DGfN gibt es derzeit 38 Kommissionen. In dieser Ausgabe stellen wir die Kommission Diabetes, Adipositas und Stoffwechselerkrankungen vor.
Wie andere Wissenschaftliche Fachgesellschaften auch, setzt die DGfN Kommissionen und Arbeitsgruppen ein, die sich mit spezifischen Themen und Aufgaben innerhalb des Fachgebietes befassen. In bereits erschienenen Ausgaben von Nierenarzt/Nierenärztin wurden die Kommissionen Genetik und seltene Erkrankungen (5/25) sowie Frau und Niere (1/26) vorgestellt. Die Kommission Diabetes, Adipositas und Stoffwechselerkrankungen beschäftigt sich vorrangig mit der diabetischen Nephropathie als mit Abstand häufigste Ursache einer sich verschlechternden Nierenfunktion bis zur Dialysepflichtigkeit. Darüber hinaus geht es u. a. um die Interessenvertretung des Fachgebietes, Vernetzung, Qualitätsentwicklung und Forschungsförderung. Vorsitzender dieser Kommission ist Prof. Dr. Jan Peter René Mertens, Direktor der Universitätsklinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten Magdeburg. Wie er gemeinsam mit seiner Stellvertreterin Frau Prof. Dr. Martina Guthoff, Tübingen, die Kommissionsarbeit koordiniert und warum die Nephrolog:innen und Diabetolog:innen „in einem Boot sitzen und gemeinsam rudern müssen“, erklärt er im Interview.
Herr Professor Mertens, wann und warum wurde diese Kommission gegründet?
Mertens: Diese Kommission gibt es schon seit Gründung der Fachgesellschaft im Jahre 2008. Sie wurde, lange bevor ich in die nephrologische Fachgesellschaft eingetreten bin, aus dem Grundverständnis heraus gegründet, dass die Nieren und Diabetes medizinisch nicht voneinander zu trennen und eines der zentralen Themen der Nephrologie sind. Bei sehr vielen Patienten treten Nierenkrankheiten, Adipositas und Stoffwechselerkrankungen gleichzeitig auf. Von Beginn an bis 2020 wurde die Kommission, damals noch DGfNKommission Niere und Diabetes benannt, von Prof. Dr. Gunter Burkhard Wolf, Jena, geleitet. Frau Prof. Guthoff als meine Stellvertreterin und ich leiten jetzt als seine Nachfolger gemeinsam die Kommission Diabetes, Adipositas und Stoffwechselerkrankungen.
Wie viele Mitglieder hat die Kommission und wie setzt sie sich zusammen?
Diese Kommission ist mit Experten besetzt, die zum größten Teil Nephrolog:innen sowie Diabetolog:innen sind, und sie ist sehr lebendig. Diese Lebendigkeit wird zwar getragen von Einzelpersonen, aber es entsteht gerade ein Netzwerk, wie man es sich wünscht. Neben den beiden Vorsitzenden sind u. a. Frau Dr. Gabriele Schott, Duisburg, sehr aktiv, und der DGfN-Präsident Herr Prof. Kuhlmann, Berlin. Er ist auch Kommissionsmitglied. Hierüber ist der Weg zum Vorstand sehr kurz. Es sind durchschnittlich 25 Personen, zunehmend viele junge DGfN-Mitglieder, die sich bei der Bearbeitung bestimmter Themenbereiche beteiligen. Nicht immer nehmen alle regelmäßig an den Treffen teil. Das liegt möglicherweise daran, dass vielen nicht bewusst ist, dass bei diesen persönlichen Treffen viel entschieden wird und viel bewegbar ist. An dieser Stelle auch mein Aufruf: Jeder ist eingeladen mitzumachen. Wenn jemand ein aktuelles Thema oder Anliegen hat, kann hierzu kurzfristig referiert werden. Wir setzen es auf die Agenda.
Wie gestaltet sich der Arbeitsmodus der Kommission?
Wir haben neben der Vorortssitzung beim jährlichen Nephrologenkongress eine Halbjahressitzung als Zoom-Treffen. Das dauert ungefähr eine Stunde, in der wir die wichtigsten Themen, die in der DGfN anstehen und für unsere Kommission relevant sind, besprechen und abstimmen.
Welche Ziele verfolgt die Kommission?
Die Ziele der Kommission Diabetes, Adipositas und Stoffwechselerkrankungen der DGfN sind neue Ansätze zur Pathophysiologie und auch Therapie der diabetischen Nephropathie kritisch zu begleiten und die DGfN über bahnbrechende Entwicklungen zeitnah, aber auch kritisch zu informieren und entsprechende Kongresssymposia, Weiterbildungsveranstaltungen, Publikationen sowie Übersichtspublikationen zu organisieren. Unser vorrangiges Ziel ist dabei, der Agenda Diabetes und Niere auf der jährlichen DGfN-Tagung gegenüber „konkurrierenden“ Kommissionen einen adäquaten Stellenwert einzuräumen. Denn es wird von vielen jüngeren Ärzt:innen, Internist:innen und selbst Nephrolog:innen noch unterschätzt, wie viele Patient:innen von Nierenkrankheiten und Diabetes gleichzeitig betroffen sind, und dass diese Klientel einer ganzheitlichen Behandlung bedarf. Es geht darum, allen Mitgliedern die Vielfalt der Themen innerhalb unseres Fachbereichs aufzuzeigen.
Zu den jährlichen Kongressen kommen viele Besucher, alle wollen wissen, was ist „auf dem Jahrmarkt“ der Nephrologie aktuell los, was ist die neueste Sensation und was ist das Wichtigste. Man möchte insgesamt den Puls der Zeit erspüren. Das greift unsere Kommission mit dem Ziel auf, Personen im Programm zu integrieren, die über kardio-renalmetabolische Themen reden können, ganz gleich, ob es um die Nieren im Kontext von Typ 1-, Typ 2-, Posttransplantations- oder andere Diabetesformen geht. Oder über neue Medikamente, die sowohl für die Einstellung des Diabetes gut sind, als auch für die Verhinderung einer Progression der Nierenkrankheit oder über Anpassungen der antidiabetischen Therapie bei einer chronischen Nierenkrankheit. Auch das Thema Ernährung bei Nierenkrankheit und Diabetes gehört dazu. Und nicht zuletzt geht es, neben vielen weiteren Themen, um die Frage der psychologischen Situation unserer Patient:innen. Denn chronisch Kranke müssen die Last tagtäglich tragen und besondere Wege zur Resilienz finden. Wir versuchen, dieses ganze vielfältige Spektrum „in kleinen Paketen“ attraktiv zu gestalten, etwas tiefer ins Detail zu schauen, um die Komplexität der Problematik darzustellen. Diese Komplexität spiegelt sich auch darin wider, dass die Kommission Diabetes & Niere umbenannt wurde und der Begriff Adipositas aufgenommen wurde. Es ist aber nicht nur eine Umbenennung, sondern eine inhaltliche Erweiterung. In anderen Fachgesellschaften, bei den Gastroenterolog:innen oder auch in der Kardiologie hat die neue „metabolische“ Sichtweise schon länger Einzug gehalten. Und in der Nephrologie werden wir das jetzt auch stärker betonen. Denn es geht um viel mehr als Diabetes. Besonders vor dem Hintergrund einer zunehmenden Zahl von Menschen mit Adipositas, bei denen bestimmte Krankheiten gehäuft auftreten, ist die inhaltliche Erweiterung unserer Arbeit hin zum metabolischen Syndrom überfällig. Das macht total Sinn. Inhaltlich passt das alles. Es bleibt jedoch die Herausforderung, die Beteiligten aus beiden Disziplinen zusammen zu bringen. Frau Professorin Guthoff und Frau Dr. Schott, das möchte ich noch einmal betonen, sind dabei ganz großartige Mitstreiterinnen.
Worin bestehen die konkreten Aufgaben der Kommission?
Die eigentliche Aufgabe unserer Kommission sehen wir darin, die Schnittmengen zwischen Nephrologie und Diabetologie zu identifizieren. Es gibt leider nur wenige Mediziner:innen, die sich parallel der Nephrologie und der Diabetologie widmen. Frau Guthoff und ich vereinen die Inhalte beider Fachgebiete und sind entsprechend auch in beiden Gesellschaften aktiv. Das macht für uns einen besonderen Reiz aus. Einmal im Jahr, während der jeweiligen Fachtagungen der DGfN und der Deutschen Diabetesgesellschaft (DDG) haben wir gemeinsame Sitzungen. Darin werden auch die Leitlinien der jeweils anderen Fachgesellschaft diskutiert und wir sehen, wo der Fokus und wo die Schnittmengen liegen.
In den letzten Jahren hat sich ja immens viel getan in diesem Feld. Diese Entwicklung fördert und begleitet die Kommission aktiv. Lange Zeit war es ja so, dass man die Zusammenhänge zwischen Niere und Stoffwechsel eher nur beschrieben hat. Dann gab es eine Phase, in der man davon ausging, dass Eiweißausscheidung im Urin ein Frühmarker sein könnte. Bis man festgesellt hat, dass der einfache Test auf Eiweiß im Urin nicht ausreicht, um alle Risikopersonen mit Diabetes früh zu erkennen und zu behandeln. In den letzten Jahren ist dann die Prävention maßgeblich in den Vordergrund gestellt worden, und wir haben jetzt endlich entsprechende Leitlinien zum Management des Diabetes bei CKD, die unsere Kommission auch mit übersetzt hat. Wir haben zum Beispiel die amerikanische Leitlinie ins Deutsche übersetzt und auch in unserem Fachjournal publiziert.
Eine weitere Aufgabe sehe ich neben der konkreten Platzierung von Vortragenden auf den Kongressen der Diabetologie, der Endokrinologie und der Nephrologie für mich persönlich darin, Netzwerke zu schaffen und in der Fachgesellschaft die Personen zu identifizieren, die sich für das Thema interessieren. Vor allem auch für die Zukunft junge Leute in der Nephrologie zu inspirieren, an dem Netzwerk teilzunehmen.
Wo liegt aktuell Ihr Schwerpunkt der Kommissionsarbeit, auf den Sie sich besonders konzentrieren?
Der nächste Schwerpunkt wird die Übersetzung der Updates zu den Leitlinien aus dem Amerikanischen ins Deutsche sein und das, was wir aus den Leitlinien entnehmen können, für beide Fachgesellschaften in die Breite zu tragen. Das ist enorm wichtig. Kürzlich habe ich z.B. einen Vortrag zum Thema Diabetes bei Hausärzten gehalten, speziell mit Fokus auf eine individualisierte Therapie. Es hat mich sehr verwundert, wie viel Echo es gab. Insgesamt 60 Teilnehmer waren gekommen. Damit wird deutlich, dass ein Bedarf besteht, das Thema immer wieder zu bespielen und den aktuellen Stand zu vermitteln. Die Realität sieht leider so aus, dass viele der sinnvollen Empfehlungen aus Leitlinien am Regelwerk der Bürokratie und unseren Verordnungsmöglichkeiten scheitern. Gerade die Hausärzte haben da Limitationen. Vor zwei Jahren hatten wir eine Verschreibungshäufigkeit für SGLT2-Hemmer in der Bevölkerung von nur 8% bei chronischen Nierenkrankheiten und ca. 13% bei Diabetes und CKD. Das heißt, es besteht eine Lücke, die man schließen könnte.
Es gibt ja sehr viele übergreifende Aufgaben der wissenschaftlichen Fachgesellschaften − Forschungsförderung, Digitalisierung, Medizinstudium, Interessenvertretung gegenüber der Politik und Öffentlichkeit. Wie bringt sich Ihre Kommission mit ihren spezifischen Anliegen zum Thema Diabetes und Niere ein?
Es gibt in Deutschland zahlreiche regionale Verbünde, die sich mit solchen übergreifenden Themen im Bereich Diabetes beschäftigen. Um die Nephrologie, inklusive des Themas Niere & Diabetes, deutlich sichtbarer zu machen, ist die DGfN bereits vor fünf Jahren aktiv geworden und hat eine Initiative gestartet, die (Gesundheits)-Politik hinsichtlich eines Zentrums für Nierengesundheit zu sensibilisieren, mit dem die Nephrologie natürlich dann viel besser aufgestellt wäre. Nachdem die DGfN im März 2025 an die neue Bundesregierung appelliert hatte, Nierengesundheit in der medizinischen Versorgung der Bevölkerung mitzudenken und nochmals Argumente für die Gründung eines Deutschen Zentrums für Nierengesundheit (DZNG) formuliert hatte, setzt sich die DGfN auch weiterhin für ein DZNG ein, um wissenschaftliche Forschung zu bündeln, Innovationen zu fördern und Forschungsergebnisse in die Gesundheitsversorgung zu überführen. Zuletzt gab es meines Wissens nach auch Kontakte zu Bundestagsabgeordneten, bei dem Vertreter der DGfN nochmals persönlich dargelegt haben, wie solch ein Zentrum aussehen könnte und welche konkreten Anliegen es hat. Wie im Impulspapier 2025 der DGfN „Nierengesundheit 2040 - Herausforderungen begegnen, Chancen nutzen!“ formuliert ist, kann durch die Vernetzung von Forschung und Versorgung das Ziel, den Bedarf an Dialyse und Transplantation mittelfristig um 30% zu senken erreicht werden. Das Konzept ist erarbeitet und auf vielen Ebenen bereits besprochen, aber die (gesundheitspolitischen) Mühlen mahlen langsam…
Worin bestehen die besonderen Herausforderungen an der Schnittstelle Diabetologie und Nephrologie?
Wenn ich an beiden Kongressen, sowohl der Nephrologie als auch der Diabetologie, teilnehme, muss ich feststellen, dass weder bei der DGfN-Jahrestagung die Diabetologie noch beim Kongress der DDG die Nephrologie den Stellenwert haben, den sie haben sollten. Bei den Nephrolog:innen gibt es keine wirklich großen Sitzungen, in denen das Thema adressiert wird. Es besteht aus meiner Sicht nach wie vor ein Defizit in der Darstellung dessen, was der Nephrologe/die Nephrologin zu der Thematik wissen und können muss. Hier müssen wir ansetzen, denn ungefähr 40% unserer Patient:innen haben einen Diabetes und alle Internist:innen müssten damit umgehen können. Das heißt, ich würde erwarten, dass wenigstens 30% der Vorträge Diabetes und Niere behandeln. So ist es aber nicht.
Die Nephrologie ist relativ „vergeistigt“, weil die Niere ja das komplizierteste Organ im Körper ist. Man beschäftigt sich mit vielen kleinen „Hebeln“, jeder Kanal hat eine besondere Bedeutung. Ich habe Verständnis, dass auch diese Details Beachtung finden, die Diabetische Nephropathie sollte jedoch nicht als ein „Gebiet ohne Fortschritt“ abgetan werden.
Bei den Diabetes-Kongressen findet man im wissenschaftlichen Programm die Nephrologie kaum. Ich glaube, es ist vielleicht damit zu erklären, dass bei Betrachtung der einzelnen Disziplin untereinander dem jeweils anderen ein relevanter Fortschritt oder Neuerungen nicht zugetraut oder nicht wahrgenommen werden. Neuerungen, ja sogar medizinische „Revolutionen“, gibt es auf beiden Gebieten, nur die Verflechtung wird zu wenig gesehen. Dabei macht es sehr viel Spaß, gemeinsam mit dieser energiegeladenen Community aus der Diabetesszene zusammenzuarbeiten.
Eine weitere Herausforderung an der Schnittstelle ist die Frage der Nierenpunktion. Es wird nach wie vor kontrovers diskutiert, ob man einen Patienten mit Diabetes und Nierenschädigung punktieren sollte oder nicht. Viele Nephrolog:innen lehnen das ab und sagen, ich weiß ja, was der hat. Als ob das aus den Lehrbüchern, weil es seit 50 Jahren da so drin gestanden hat, nicht mehr rausgeht und in den Hirnen „kleben bleibt“. Aber wir wissen, dass 30% der Diagnosen nicht stimmen, wenn man an dieser Auffassung festhält. Man sollte vielmehr abwägen, ob der Nutzen die Risiken übersteigt, was häufig der Fall ist.
Wie ist die Kommission national und international vernetzt?
National kann man davon ausgehen, dass die Kommissionsmitglieder die key players in Deutschland kennen. Es gab sogar Initiativen aus der Kommission heraus eigene Sonderforschungsbereiche zu etablieren, in denen mehrere Projekte vernetzt sind. Internationale Vernetzung ist, denke ich, für die Kommission eher sekundär. Wir haben national so viele Aufgaben, und wenn wir diese Hausaufgaben gemacht bekommen, haben wir schon viel erreicht. Zumal die DGfN, die aus meiner Sicht eine der führenden Fachgesellschaften weltweit ist, international sehr gut vernetzt ist. Ich bin im Fachkollegium bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft und verfolge die Entwicklung in der wissenschaftlichen Community sehr genau, ob zur Genetik oder zu tubulären Krankheiten oder Podozyten oder tubulo-interstitiellen Krankheitsbildern. Die Nephrologie in Deutschland ist extrem stark in diesen Feldern aufgestellt. Das basiert auf einer langen Tradition und hat mit Persönlichkeiten zu tun sowie mit klugen Entscheidungen an den einzelnen Standorten.
Herr Prof. Mertens, ich danke Ihnen für das Gespräch.