Mehr als eine Ausschlussdiagnose

Funktionelle Bewegungsstörungen mit spezifischen Techniken erkennen

Leitlinie
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Auf rutschigem Boden passen wir unseren Gang automatisch an. Bleibt ein ähnliches Bewegungsmuster funktionell bedingt dauerhaft bestehen, spricht man vom „Walking-on-Ice“-Gangbild.

Bei der Abklärung einer Bewegungsstörung solltewegen deren Häufigkeit immer an eine funktionelle Genese gedacht werden. Bei der Diagnostik sollte man sich an positiven klinischen Zeichen orientieren – und auch bei der Patienten­kommunikation gibt es einiges zu beachten.

Erwartet ein Mensch beim Gehen auf einem Weg Glatteis, passt sich sein Gangbild automatisch daran an – schon deutlich vor der kritischen Stelle. Dieser prädiktiven Verarbeitung kommt bei funktionellen Bewegungsstörungen eine wichtige Rolle zu. Das Signal gewinnt übermäßig an Bedeutung, sodass Betroffene z. B. ständig so gehen, als ob der Boden glatt wäre („Walking-on-Ice“-Gangbild). Aufmerksamkeit und Emotionen fokussieren sich übermäßig stark auf die unbegründete Erwartung, auszurutschen. Der Erstmanifestation einer solchen fehlgeleiteten Regulation kann ein reales Sturzereignis vorausgehen, heißt es in der S2k-Leitlinie Funktionelle Bewegungsstörungen der DGN*.

Definiert ist die Störung als anhaltende oder rezidivierende Beeinträchtigung der willkürlichen motorischen Kontrolle, unter anderem bedingt durch eine fehlerhafte prädiktive Verarbeitung. Eine große Metaanalyse mit knapp 5.000 Betroffenen ergab, dass 23 % mehr als ein Bewegungssymptom zeigen, 22 % litten unter einem funktionellen Tremor und 18 % unter funktioneller Schwäche. Seltener waren funktionelle Dystonie, Gangstörungen, Zuckungen und Verlangsamung. Die meisten Betroffenen befanden sich im mittleren Erwachsenenalter.

Manches zeigt sich in der funktionellen Bildgebung

Nach dem biopsychosozialen Modell sind funktionelle Bewegungsstörungen multifaktorielle Erkrankungen, die auf einer Interaktion von biologischen Vulnerabilitäten, psychologischen Prozessen und sozialen Faktoren beruhen. Dabei werden unterschiedliche prädisponierende, auslösende und aufrechterhaltende Faktoren wirksam. Manche dieser Prozesse lassen sich mittels funktioneller Bildgebung als Hyper- oder Hypoaktivitäten darstellen.

Der Begriff funktionell bringt die ätiologische Neutralität zum Ausdruck. Ältere Bezeichnungen, die einseitig auf Ursachen hinweisen, wie „psychogen“ oder gar „hysterisch“, sollten laut Leitlinie vermieden werden. Denn sie machen es Betroffenen unnötig schwer, die Störungsmechanismen für sich anzunehmen. Akzeptabel für die meisten Erkrankten ist die Vorstellung einer multifaktoriell bedingten komplexen Funktionsstörung des Nervensystems, die nicht auf nachweisbaren strukturellen Läsionen basiert, sondern auf gestörter Zusammenarbeit einzelner Hirnbereiche (s. Tabelle).

Das empfiehlt die Leitlinie für die Kommunikation der Diagnose

Kommunikationsschritt

Empfehlung

Praxisbeispiel

Diagnose aktiv und klar ­benennen

Keine Verharmlosung oder ­Andeutung, keine veralteten Begriffe

„Sie haben eine funktionelle Bewegungsstörung, das ist eine behandelbare Funktionsstörung Ihres Nervensystems.“

Funktionsmodell erklären

Erklärung mit Funktions‑ statt ­Strukturstörung; ätiologisch neutral (nicht „eingebildet“)

„Ihr Nervensystem ist nicht geschädigt, aber die Zusammenarbeit zwischen ­manchen Hirnbereichen funktioniert im Moment nicht optimal.“

Gemeinsam das Erklärungsmodell erarbeiten

Einfache schematische Modelle unterstützen die Vermittlung der Wechselwirkung von Erwartung, ­Aufmerksamkeit und Bewegung

Zeichnung der Feedforward/Feedback‑Schleife anfertigen, Symptome ­nachvollziehbar machen

Therapiezuversicht vermitteln

Betonung der Reversibilität und der guten Prognose bei frühzeitiger Therapie

„Es gibt bewährte Therapieprogramme, die umso besser wirken, je früher man damit anfängt.“

 

Eine funktionelle Bewegungsstörung soll nicht durch den Ausschluss anderer Erkrankungen, sondern anhand positiver klinischer Zeichen mit spezifischen Untersuchungen diagnostiziert werden. Eine „endlose Ausschlussdiagnostik“ gilt es den Autorinnen und Autoren der Leitlinie zufolge zu vermeiden. Denn kein negatives Ergebnis wird den Wunsch nach weiterer Abklärung stillen.

Die Aufmerksamkeit beeinflusst die Symptome

In der klinisch-neurologischen Untersuchung lässt sich beobachten, dass die Bewegungsstörung immer dann besonders zutage tritt, wenn man den Betroffenen darauf aufmerksam macht. Verlagert man den Fokus der Aufmerksamkeit durch geeignete motorische, kognitive oder sensible Testverfahren, nehmen die Symptome ab (z. B. Hoover‑Test, Tremor‑Entrainment‑Test). Eine motorische Technik ist beispielsweise Finger- bzw. Fußtapping mit der nicht betroffenen Extremität; kognitive Techniken sind, Wörter rückwärts zu buchstabieren oder rückwärts zu zählen.

Hohen Stellenwert besitzt weiterhin die psychiatrisch-psychosomatische Abklärung. Psychopathologische Auffälligkeiten finden sich bei Menschen mit funktionellen Bewegungsstörungen relativ häufig. Sie müssen erfasst und im Behandlungskonzept berücksichtigt werden.

Die Therapie umfasst körperbezogene und psychotherapeutische Ansätze. In der Physiotherapie stehen Maßnahmen, die von den Erkrankten aktiv umgesetzt werden, im Fokus. Dazu gehören auf das Leitsymptom abgestimmte Bewegungsprogramme, Strategien zur Aufmerksamkeitslenkung und Entspannungsübungen. Um die Aufmerksamkeit vom Gang abzulenken, kann man z. B. vorwärts und rückwärts hüpfen, tanzen oder beim Gehen ein Tablett tragen. Bei funktionellem Tremor lässt sich die Aufmerksamkeit modulieren, indem man die Zitterbewegung mit der nicht betroffenen Hand nachahmt, Bälle fängt oder rhythmisch klatscht. Passive Maßnahmen wie Massage oder manuelle Techniken sind allenfalls ergänzend und gezielt angezeigt.

Psychiatrische Komorbiditäten fachgerecht mitbehandeln

Mit solchen Techniken lassen sich automatisierte Bewegungsabläufe fördern und dysfunktionale Verhaltensmuster abbauen. Dazu trägt auch eine Ergotherapie bei. Betrifft die funktionelle Störung das Schlucken, Sprechen oder die oberen Atemwege, ist eine logopädische Behandlung sinnvoll. Werden die Symptome nicht besser, kann eine Psychotherapie weiterhelfen. Außerdem müssen psychiatrische Komorbiditäten fachgerecht behandelt werden.

*Deutsche Gesellschaft für Neurologie

S2k-Leitlinie „Funktionelle Bewegungs­störungen“; AWMF-Register-Nr. 030/148; www.awmf.org

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