Ein gesunder Lebensstil könnte das Risiko verringern

Altersbedingte chronische Polyneuropathien nicht ohne Einflussfaktoren

98. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie
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Beim Coiling werden über einen Mikrokatheter feine Platinspiralen in das Aneurysma eingebracht.

Ein 68-jähriger Rentner wurde in der neurologischen Ambulanz des Universitätsklinikums Würzburg vorstellig. Bereits vor etwa fünf Jahren hatte der Mann erstmals Taubheit und Missempfindungen zunächst in den Zehen, dann den Füßen bemerkt.

Diese Symptome beeinträchtigten ihn mittlerweile immer mehr und gingen teilweise auch mit Schmerzen einher, berichtete Prof. Dr. ­­Claudia­ ­­Sommer. Ein Bekannter des Mannes war an einer Polyneuropathie erkrankt und hatte im Verlauf schwere Lähmungen entwickelt. Der Patient hatte nun Angst vor einer ähnlichen Verschlimmerung, weshalb er sich zur Untersuchung begeben hatte.

In der klinischen Untersuchung war das Gangbild unauffällig und es zeigten sich keine Paresen. Der Achillessehnenreflex war beidseits abgeschwächt, die kleinen Fußmuskeln waren mäßig atrophiert. Zudem zeigte sich eine strumpfförmige Hypästhesie für Berührung und Wärme und ein reduziertes Vi­bra­tions­em­pfin­den distal. In der Elektrophysiologie waren N. medianus und N. ulnaris motorisch und sensorisch unauffällig. Insgesamt ergab sich eine milde, chronische, bein- und distal betonte, überwiegend sensible sensomotorische axonale Polyneuropathie, die über fünf Jahre wenig progredient gewesen war. Aus der Anamnese ergab sich kein Hinweis auf eine Ursache der PNP, auch das Labor war diesbezüglich unauffällig. Daraufhin wurde die Diagnose einer chronisch idiopathischen axonalen Polyneuropathie gestellt (CIAP, s. Kasten).

Altersleiden CIAP

Die chronisch idiopathische axonale Variante macht bis zu 30 % aller Polyneuropathien aus. Sie ist sehr langsam progredient und führt meist nicht zu Funktionsausfällen. Bei rund 30 % der Betroffenen wird allerdings innerhalb von zwei Jahren doch eine Ursache gefunden.

Der Befund sei häufig bei „erfolgreich“ Alternden und betreffe damit potenziell alle, die ein höheres Lebensalter erreichen, betonte Prof. Sommer. Bei den über 65-Jährigen sind etwa 20 % betroffen. Es gibt allerdings Risikofaktoren, die beeinflusst werden können: das metabolische Syndrom (etwa dreifach erhöhtes Risiko), Hypertonie (auch behandelt, fast fünffach erhöhtes Risiko), erhöhtes Nüchterninsulin und vermehrte Triglyceride.

Adipositas erhöht den Einfluss von Umweltrisiken

Auch Umweltbedingungen spielen nach der KORA-Studie eine Rolle: Temperaturabnahme in der warmen Jahreszeit, wenig Grün in der Umgebung, hohe nächtliche Verkehrsbelastung und Feinstaubbelastung. Ein Faktor alleine war in der Kohortenstudie nicht mit einem erhöhten CIAP-Risiko assoziiert, wohl aber wenn zwei oder mehr dieser Faktoren zusammenkamen. Die Auswirkungen waren vor allem ausgeprägt bei Menschen mit Adipositas: Eine Verdopplung des PNP-Risikos bei vierfacher Exposition fand sich nur in dieser Gruppe. 

Metabolische Faktoren und Adipositas spielen also eine wichtige Rolle bei der „idiopathischen“ PNP, betonte Prof. Sommer. Die Umweltbelastung ist vor allem im Zusammenhang mit Adipositas relevant. Dies sind wichtige Punkte für die Prävention der CIAP, betonte sie. Sie sind ein weiteres gutes Argument für gesunde Ernährung und Bewegung in der Beratung von Patientinnen und Patienten.