Amyotrophe Lateralsklerose lässt sich weiterhin kaum bremsen
Frühe Muskelschwäche, Sprachstörungen und Atemprobleme bestimmen den Verlauf bei amyotropher Lateralsklerose. Die therapeutischen Optionen bleiben begrenzt, Medikamente können die Erkrankung nur um wenige Monate aufhalten.
Die amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine im Erwachsenenalter beginnende neurodegenerative Erkrankung, die insbesondere in der Altersgruppe der 55- bis 75-Jährigen auftritt. Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen. Der Erkrankung liegt eine Degeneration der oberen Motoneurone im Gehirn sowie der unteren Motoneurone in Hirnstamm und Rückenmark zugrunde, was zu einer progredienten schmerzlosen Muskelschwäche führt.
Bei den meisten Patientinnen und Patienten endet die Erkrankung etwa drei bis fünf Jahre nach Diagnosestellung aufgrund einer Schwäche der Atemmuskulatur tödlich, schreibt die Arbeitsgruppe um Prof. Dr. John Ravits von der University of California, San Diego. Da die Erkrankung fortschreitet und keine hocheffektiven Therapien zur Verfügung stehen, ist die Diagnose für die Betroffenen und ihre Angehörigen nur schwer zu verkraften.
Bulbärer Beginn in 20–25 % der Fälle
Klinisch macht sich die ALS anfangs durch eine fokale Muskelschwäche bemerkbar, die meist einseitig beginnt und sich dann auf andere Muskelgruppen ausbreitet („Spreading“). Ca. 60–65 % der Betroffenen zeigen zunächst eine Muskelschwäche in den Armen oder Beinen, bei 20–25 % beginnt die Erkrankung mit bulbären Störungen, nämlich einer Schwäche der Zungen-, Kehlkopf- und Gesichtsmuskulatur, was zu Schwierigkeiten beim Sprechen oder Schlucken führt. In manchen Fällen manifestiert sich die ALS durch eine Schwäche der Rumpf- oder Atemmuskulatur. Als typische ALS-Frühsymptome gelten z. B. eine geringfügige, schmerzlose Fußheberschwäche oder manuelle Probleme, z. B. bei der Benutzung eines Schlüssels oder anderer Utensilien. Betroffenen kann es auch schwerfallen, Gepäckstücke in eine Gepäckablage oberhalb des Sitzes im Flugzeug oder Zug abzulegen. Auch eine verwaschene Sprache kann ein Frühsymptom einer ALS sein. Die Muskelschwäche breitet sich innerhalb von Monaten bis Jahren auf den gesamten Körper aus.
Sporadisch oder vererbt?
Bei etwa 85 % der Betroffenen liegt eine sporadische ALS (sALS) vor, die nicht mit bekannten genetischen oder Umweltfaktoren assoziiert ist. 15 % haben eine familiäre ALS (fALS), wobei es sich oft um autosomal-dominant vererbte Genvarianten handelt. Bei fALS findet man häufig Defekte in den Genen C9orf72, SOD1, FUS oder TARDBP.
Die Erkrankung wird klinisch diagnostiziert, und zwar anhand von motorischen Defiziten, die Merkmale einer Beteiligung der oberen und der unteren Motoneurone zeigen. Wenn sich an einem Arm Auffälligkeiten wie Muskelschwäche und -atrophie sowie Faszikulationen (unwillkürliche Muskelkontraktionen) manifestieren, spricht dies für eine Beteiligung des unteren Motoneurons, während hyperaktive Reflexe auf eine Beteiligung des oberen Motoneurons hinweisen. Zum Zeitpunkt der Diagnosestellung weisen rund 10–15 % der ALS-Betroffenen kognitive und Verhaltensstörungen auf bzw. sie erfüllen die Kriterien einer frontotemporalen Demenz.
Bildgebung bei Verdacht auf zerebrale Tumoren
Elektrophysiologische Tests können Funktionsstörungen der unteren Motoneurone aufdecken. Zudem kann die elektrophysiologische Diagnostik andere neuromuskuläre Störungen wie etwa Myopathien, Störungen der neuromuskulären Übertragung oder Nervenkompressionen ausschließen. Eine wichtige Differenzialdiagnose sind Tumorgeschehen, die durch bildgebende Verfahren wie eine zerebrale oder zervikale MRT erkennbar sind.
Die primäre Behandlung der ALS besteht aus supportiver Therapie, die von multidisziplinären Teams durchgeführt wird. Der Fokus liegt dabei auf einer Behandlung der verschiedenen Symptome und auf dem Erhalt der Lebensqualität. Zum Einsatz kommen u. a. Physiotherapie, Logopädie, Ergo-, Atem- und Ernährungstherapie.
Von der Food and Drug Administration (FDA) sind die beiden oralen Medikamente Riluzol und Edaravon zugelassen, die bei Menschen mit sporadischer ALS die Krankheitsprogression um zwei bis vier Monate verzögern können. Zudem ist Tofersen zugelassen, eine intrathekal zu verabreichende Therapie für Menschen mit SOD1*-assoziierter familiärer ALS. Das Antisense-Oligonukleotid bindet an die SOD1-Messenger-RNA, führt zu deren Abbau und damit zu einer Verlangsamung des Krankheitsverlaufs.
* Superoxiddismutase 1
Ravits J et al. JAMA 2026; 335: 1970-1982; doi: 10.1001/jama.2026.6385