Fulminante Katatonie unter Aripiprazol
Ein 24-Jähriger, der sich gerade auf eine wichtige Prüfung vorbereitete, stellte sich wegen großer Unruhe und wahnhaft erscheinender Todesangst in der psychiatrischen Notaufnahme vor.
Ein 24-Jähriger, der sich gerade auf eine wichtige Prüfung vorbereitete, stellte sich wegen großer Unruhe und wahnhaft erscheinender Todesangst in der psychiatrischen Notaufnahme vor. Er habe seit mehreren Tagen nicht geschlafen und u. a. Cannabis konsumiert. Der junge Mann wurde stationär aufgenommen und mit Aripiprazol oral (zunächst 5 mg/d, dann 10 mg/d) behandelt, berichten Autorinnen und Autoren um PD Dr. Johanna Seifert von der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover.
Trotz Therapie zunehmende Desorganisation und Unruhe
Wegen seiner schweren Unruhe erhielt der Patient zusätzlich Pipamperon. Doch in den Folgetagen ging es ihm immer schlechter: Er entwickelte eine zunehmende Desorganisation, große innere Unruhe, Ambivalenz, Ambitendenz sowie raptusartige Bewegungsabläufe.
Ab dem dritten Tag erhielt der Patient deshalb zusätzlich Lorazepam – dennoch zeigte er an Tag fünf eine schwere Katatonie mit hypo- und hypermotorischer Symptomatik, mehrfachen Stürzen, Negativismus, Nahrungsverweigerung und qualitativer Bewusstseinsänderung. Hinzu kamen vegetative Veränderungen wie Einnässen und Tachykardien. In den Laboruntersuchungen fiel ein Anstieg der Kreatinkinase auf bis zu 543 U/l an Tag sechs auf, während eine zerebrale MRT und der Liquorbefund unauffällig blieben.
An Tag sechs wurden Aripiprazol und Pipamperon abgesetzt und es erfolgte ein kurzzeitiger Behandlungsversuch mit Olanzapin, was die psychopathologische Symptomatik allerdings nicht merklich verbesserte. Parallel dazu wurde die Lorazepam-Dosis allmählich auf bis zu 16 mg/d erhöht.
Elektrokrampftherapieals Ultima Ratio
Doch die Symptome ließen sich medikamentös nicht beherrschen. Daher stellte das Team an Tag neun die Indikation zur Elektrokonvulsionstherapie (EKT), die als Zwangsmaßnahme geplant wurde. Ab Tag 19 erfolgte dreimal wöchentlich eine EKT mit bitemporaler Elektrodenplatzierung, während die Hochdosis-Lorazepam-Therapie eine Antagonisierung mit Flumazenil erforderlich machte.
Die Elektrokonvulsionstherapie führte zu einer raschen und kontinuierlichen Besserung: Der Patient zeigte sich ab Tag 26 zunehmend orientierter, psychomotorisch geordneter und konnte wieder essen, trinken und einfache Alltagsaktivitäten durchführen. Nach 18 EKT-Sitzungen konnte er in ein Erhaltungsregime überführt werden.
Da inzwischen die Kriterien für eine katatone Schizophrenie erfüllt waren, leiteten die Ärztinnen und Ärzte ab Tag 42 vorsichtig eine erneute Behandlung mit Aripiprazol ein (beginnend mit 5 mg, unter noch laufender EKT). Kurz vor der Entlassung wurde die Therapie auf eine Depotformulierung umgestellt (400 mg alle 28 Tage). Seither ist der Verlauf des Patienten klinisch stabil; allerdings bestehen weiterhin eine Negativsymptomatik und kognitive Einschränkungen.
Katatone Syndrome sind eine potenziell lebensbedrohliche psychiatrische Notfallsituation, betont das Autorenteam. Sie können sich im Zusammenhang mit verschiedenen psychiatrischen oder somatischen Erkrankungen entwickeln, aber auch durch Antipsychotika begünstigt werden – wohl insbesondere solchen mit hoher Affinität zum D2-Rezeptor wie Aripiprazol.
War Aripiprazol ein zusätzlicher Trigger?
Im beschriebenen Fall wies der Mann eine Symptomatik mit ausgeprägter Unruhe auf – was vielleicht bereits ein erster Hinweis auf die Katatonie war, die sich in den Folgetagen rasch entwickelte. Ob sie Ausdruck der Erstmanifestation einer Schizophrenie war oder durch Aripiprazol getriggert wurde, könne nicht sicher beurteilt werden, so die Autorinnen und Autoren.
Seifert J et al. Psychopharmakotherapie 2026; 33: 72-77; doi: 10.52778/ppt20260004