Plötzlicher Tod bei Epilepsie

Neue Biomarker für SUDEP entdeckt

Aus der Fachliteratur
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Neue Studien identifizieren Biomarker für SUDEP – von Atemstillständen bis Schlafmustern. Helfen sie künftig, den plötzlichen Tod zu verhindern?

Zwei große Kohortenstudien liefern neue Erkenntnisse zum plötzlichen Tod bei Epilepsie (SUDEP). Neben bekannten Risikofaktoren rücken nun Biomarker wie zentrale Apnoen und die Schlafarchitektur in den Fokus – ein möglicher Schlüssel zur Prävention.

Jedes Jahr stirbt mindestens einer von 1.000 Menschen mit Epilepsie plötzlich und unerwartet. Bislang sind nur wenige Risikofaktoren für diese Ereignisse bekannt. Nun haben Forschende neue Biomarker identifiziert, die in der Zukunft eine bessere Prävention des SUDEP erlauben könnten.

Plötzliche und unerwartete Todesfälle bei Epilepsie lassen sich bislang kaum verhindern. Zwar kennt man einige Risikofaktoren, denen man möglichst entgegenwirkt: u. a. das Alleinleben, die Nonadhärenz zur medikamentösen Therapie sowie nächtliche und schlecht kontrollierte tonisch-klonische Anfälle. Diese Erkenntnisse reichen jedoch nicht aus, um den Sudden Unexpected Death in Epilepsy (SUDEP) vorhersagen zu können oder gezielt präventiv tätig zu werden. Weiterhin stirbt jedes Jahr mindestens einer von 1.000 Menschen mit Epilepsie plötzlich und unerwartet.

Im Jahr 2025 wurden gleich mehrere Studien publiziert, in denen Forschende neue Biomarker identifiziert haben. Perspektivisch sollen sie eine bessere Prävention erlauben. Eine Arbeitsgruppe um Dr. Manuela­ Ocho-Urrea­ von der McGovern Medical School, University of Texas, berichtet über die Ergebnisse einer Langzeitstudie an acht US-amerikanischen sowie einem britischen Zentrum.1 In die Auswertung eingeschlossen waren die Daten von 2.468 Kindern und Erwachsenen mit Epilepsie, die im Anschluss an eine initiale Untersuchung länger als sechs Monate nachbeobachtet werden konnten. Im Follow-up-Zeitraum von rund zehn Jahren starben 38 der Teilnehmenden an einem gesicherten, wahrscheinlichen oder möglichen SUDEP. In zwei weiteren Fällen kam es „beinahe“ zu einem solchen Ereignis.

Alleinleben und vorherige Anfälle sind Risikofaktoren

Als signifikante Risikofaktoren bestätigte die Autorengruppe das Alleinleben (Hazard Ratio, HR, 7,62) und mindestens drei generalisierte Anfälle im vorangegangenen Jahr (HR 3,1). Neu identifizierten sie zudem eine postiktale zentrale Apnoe, die länger als 14 Sekunden anhielt (HR 1,32). Zentrale Atemstillstände während der Anfallsphase, die länger als 17 Sekunden andauerten, erwiesen sich dagegen nur dann als signifikanter Risikofaktor, wenn jeder SUDEP-ähnliche Fall, also auch die möglichen und die Fast-Ereignisse, berücksichtigt wurden.

Schon zuvor hatte die Arbeitsgruppe eine Analyse der gleichen Kohorte publiziert. Darin ergaben sich Hinweise auf eine gestörte Schlafhomöostase vor einem SUDEP: Die Betroffenen zeigten im Non‑REM‑Schlaf in anfallsfreien Nächten eine fehlende Abnahme der Slow-Wave-Aktivität. Stattdessen war sogar eine Zunahme der Steigung dieser Wellen zu verzeichnen. Eine größere Variabilität der Atemfrequenz in Non-REM-Phasen trat bei Teilnehmenden, die später an SUDEP verstarben, ebenfalls häufiger auf.

Die zweite große Multizenterstudie schloss 1.074 Patientinnen und Patienten ab 15 Jahren mit therapieresistenter fokaler Epilepsie ein. In 16 französischen Zentren hatten sie sich einem Langzeit-EEG-Monitoring unterzogen, um die Indikation zur Epilepsiechirurgie zu prüfen, berichten Prof. Dr. ­Philippe ­Ryvlin von der Universitätsklinik Lausanne und weitere Kolleginnen und Kollegen.2 Im Beobachtungszeitraum von insgesamt 6.828 Patientenjahren starben 18 der Teilnehmenden sicher oder wahrscheinlich an einem SUDEP. Ihre Daten wurden mit denen von jeweils vier Kontrollen, d. h. überlebende Patientinnen und Patienten aus jeweils dem gleichen Zentrum, verglichen.

Die Auswertung bestätigte bereits bekannte Risikofaktoren wie einen BMI ≥ 30 kg/m2 (Odds Ratio, OR, 26,0), männliches Geschlecht (OR 12,6) und überwiegend nächtliche Anfälle (OR 6,0). Als hochrelevant stellte sich außerdem eine extratemporal lokalisierte epileptogene Zone heraus (OR 37,8). Dies galt vor allem, wenn die perisylvische Region oder der Frontallappen betroffen waren. Sollte sich dieser Zusammenhang in größeren Kohorten bestätigen, könnte der Chirurgie dieser extratemporalen Regionen eine wichtige präventive Bedeutung zukommen, schreibt das Studienteam. Keinen eindeutigen Einfluss hatten unter anderem eine periiktale Sauerstoffsättigung < 80 %, die Häufigkeit tonisch-klonischer Anfälle, die Herzfrequenzvariabilität oder die Zahl der eingenommenen Anfallssuppressiva.

Ergebnisse lassen sich nicht unbedingt verallgemeinern

Mehrere Faktoren könnten erklären, warum extratemporale Epilepsien mit einem erhöhten SUDEP-Risiko einhergehen, schreibt der Neurologe Prof. Dr. ­Daniel ­Friedman von der New York University in einem Kommentar.3 Dazu zählten u. a. häufigere nächtliche und generalisierte tonisch‑klonische Anfälle sowie die dichte Vernetzung der Insula mit autonomen Kontrollzentren im Hirnstamm. Er schränkt jedoch ein, dass in der Studie nur wenige SUDEP‑Fälle aufgetreten waren, was die Identifikation relevanter Risikofaktoren erschwere. Zudem hätten ausschließlich jüngere Erkrankte mit medikamentenresistenter fokaler Epilepsie teilgenommen.

Die Veröffentlichung von gleich zwei großen, multizentrischen Kohortenstudien innerhalb eines Jahres  unterstreiche, dass es beim Verständnis von SUDEP Fortschritte gebe, so Dr. Friedman. Noch sei die zuverlässige Aufzeichnung physiologischer Biomarker in der Praxis schwierig. In der Zukunft jedoch könnten tragbare Sensoren, die verschiedene physiologische Signale einschließlich der Atmung aufzeichnen, die Risikostratifizierung verbessern.

Quellen:
1.    Ochoa-Urrea M et al. Lancet 2025, 406: 1497-1507; doi: 10.1016/S0140-6736(25)01636-8
2.    Ryvlin P et al. Lancet Neurol 2026, 25: 50-60; doi: 10.1016/S1474-4422(25)00379-5
3.    Friedman D. Lancet Neurol 2026, 25: 3-5; doi: 10.1016/S1474-4422(25)00423-5

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