Parkinson-Schmerzen optimal behandeln
Schmerzen sind bei Parkinson häufig, sie resultieren aus komplexen peripheren und zentralen Mechanismen. Die Behandlungsoptionen reichen von Bewegung über die Anpassung der Dopaminergika bis zur tiefen Hirnstimulation.
Schmerzen bei Parkinson? Viele Erkrankte können ein Lied davon singen. Dennoch verläuft ihre Therapie oftsuboptimal. Was hilft: Die Beschwerden der Betroffenen exakt klassifizieren, um dann eine möglichst gezielte Behandlungeinleiten zu können.
Beim idiopathischen Parkinsonsyndrom entstehen Schmerzen durch periphere und zentrale Mechanismen. Peripher kommt es zur Degeneration bzw. Dysfunktion von Nozizeptoren, zur Hyperexzitabilität primärer Afferenzen und zum Verlust von Small fibers. Zentral kann eine Dysregulation von dopaminergen, nichtdopaminergen, serotonergen und noradrenergen Pathways auftreten. Dies führe dazu, dass die Schmerzhemmung etwas zurückgefahren wird und die Transmission von Schmerzen in den Vordergrund tritt, erläuterte Prof. Dr. Heidrun Krämer-Best von der Neurologischen Universitätsklinik Gießen. Betroffene seien durch die Neurodegeneration quasi prädisponiert dafür, Schmerzen zu entwickeln.
Zwei von drei Kranken betroffen
Es wundert daher nicht, dass mehr als zwei Drittel der Parkinsonkranken unter chronischen Schmerzen (≥ 3 Monate) leiden. In bis zu 83 % der Fälle stehen diese in direktem oder indirektem Zusammenhang mit der Erkrankung, heißt es in einem Review von Prof. Dr. Michele Tinazzi, Universität Verona, und weiteren Forschenden.1 Eine solche Assoziation gilt als sehr wahrscheinlich, wenn gemäß dem Parkinson’s Disease Pain Classification System (PD-PCS) mindestens eines der folgenden Kriterien erfüllt ist:
Die Beschwerden sind bei Manifestation des Morbus Parkinson neu aufgetreten.
Sie haben sich seit Beginn des Parkinsons verschlechtert.
Sie treten im Off auf.
Sie machen sich bei Dyskinesien im On bemerkbar.
Sie bessern sich unter einer dopaminergen Therapie.
Nozizeptiv? Neuropathisch? Neuroplastisch?
Etwa 55 % der Parkinsonkranken leiden unter nozizeptiven Schmerzen. Sie sind peripheren Ursprungs, zumeist muskuloskelettal bedingt, machen sich vor allem im Off bemerkbar und reagieren tendenziell auf eine Levodopa-Supplementierung. Klinisch imponieren sie als regionale Schmerzen von Knochen, Gelenken, Muskeln oder Sehnen, als myofasziales Schmerzsyndrom oder als sog. Kleiderbügelkopfschmerz. In 25 % der Fälle sind sie Frühzeichen motorischer Parkinsonsymptome, schreiben Prof. Tinazzi und seine Kolleginnen und Kollegen.
Neuropathische Schmerzen resultieren überwiegend aus einer peripheren Läsion oder Dysfunktion des somatosensorischen Systems. Von ihnen sind rund 16 % der Parkinsonkranken betroffen, beispielsweise durch Radikulo- oder Polyneuropathie.
An noziplastischen Schmerzen leiden 22 % der Patientinnen und Patienten . Sie beruhen auf einer veränderten Schmerzwahrnehmung durch Modulation der Reizverarbeitung und treten u. a. bei motorischer Unruhe der Beine, im nichtmotorischen Off und auch nach Absetzen von Dopaminagonisten auf.
Die Grundkrankheit selbst kann parkinsonassoziierte Schmerzen modulieren, z. B. durch Progression, Fluktuationen, axiale Symptome sowie weitere nichtmotorische Krankheitszeichen. Aber auch nichtparkinsonbedingte Erkrankungen (u. a. Arthrose, Schulterpathologien, degenerative Prozesse im LWS-Bereich) und biosoziale Faktoren wie Alter, Geschlecht, Schlafqualität und Gene spielen eine Rolle.
Zuerst dopaminerge Fluktuationen angehen
Schmerz und motorische Funktion gehen bei Parkinson Hand in Hand. Im Off sind die Beschwerden am schlimmsten, in Phasen mit Dyskinesien oft am geringsten, berichtete Prof. Krämer-Best. Im ersten Behandlungsschritt sollte man daher die Dopaminergikatherapie anpassen, um Fluktuationen entgegenzuwirken. Im Hinblick auf Schmerzen existieren keine großen Endpunktstudien, einige Arbeiten sprechen jedoch für einen positiven Effekt durch Levodopa oder Safinamid. Bewährt haben sich auch Rotigotin-Pflaster bei nächtlichen oder frühmorgendlichen Off-Schmerzen. Als nichtdopaminerge Optionen kommen Botulinumtoxin bei Dystonien etwa im Fußbereich, retardiertes Tapentadol, retardiertes Oxycodon/Naloxon und Duloxetin in Betracht.
Die tiefe Hirnstimulation kann zwar Schmerzen bei Parkinson verbessern, allerdings sind die Beschwerden per se keine klare Indikation für das Verfahren, so Prof. Krämer-Best. Zudem sei unklar, welche Patientinnen und Patienten davon profitieren und welche nicht. Ähnliches gelte für die transkranielle Stimulation.
Für wirklich wichtig hält es die Kollegin, dass sich die oder der Kranke mehr bewegt – idealerweise dreimal pro Woche Sport treibt, am besten Ausdauersport. Erfahrungsgemäß ist die Adhärenz besser, wenn die Betroffenen sich die Art ihres Trainings selbst aussuchen.
1.Tinazzi M et al. Lancet Neurol 2025; 24:331-347; doi: 10.1016/S1474-4422(25)00033-X