Stammzellen für seltene neurologische Fälle
Japanische Forschende nutzen induzierte pluripotente Stammzellen in der Behandlung seltener neurologischer Erkrankungen. Wobei kann die Technik schon helfen und wo geht die Reise hin?
An der japanischen Keio-Universität werden Körperzellen in pluripotente Stammzellen umgewandelt, um seltene neuronale Krankheiten nachzubilden. Der Leiter des neurologischen Instituts erklärt, wo seine Forschung aktuell steht.
Herr Professor Nakahara, an Ihrem Institut arbeiten Sie mit patientenspezifischen induzierten pluripotenten Stammzellen, um neurologische Erkrankungen zu verstehen. Welche Krankheiten lassen sich auf diese Weise am besten abbilden?
Prof. Dr. Jin Nakahara: Wir arbeiten an seltenen neurologischen Erkrankungen – an welchen genau, darf ich leider aktuell nicht verraten. Die Patientinnen und Patienten werden aber häufig als „hoffnungslose Fälle“ zu uns überwiesen. Eine dieser Krankheiten etwa wurde bislang weltweit nur in 70 Familien beobachtet. Über die Pathophysiologie derart seltener Erkrankungen ist meist nichts bekannt, Medikamente gibt es nicht. Die Betroffenen und ihr Krankheit existieren gewissermaßen außerhalb des Ökosystems der pharmazeutischen Industrie.
Wie helfen induzierte pluripotente Stammzellen den Betroffenen?
Mit iPS-Zellkulturen können wir besser verstehen, wie sich die Neuronen dieser konkreten Personen verhalten und welcher Pathomechanismus ihrer Krankheit zugrunde liegen könnte. Außerdem können wir in vitro ein Screening durchführen, auf welche Therapeutika die Zellen reagieren. Dabei helfen uns die Kommunikation mit den Erkrankten und klinische Hinweise: Liegt etwa eine autonome Dysfunktion vor, erstellen wir aus den iPS periphere Nervenzellen.
Transferieren Sie Stammzellen auch wieder zurück in die Patientinnen und Patienten?
Das wird an unserem Haus zur Behandlung von Rückenmarksverletzungen praktiziert, hierzu gibt es eine abgeschlossene Phase-2-Studie. In unserer Arbeit mit seltenen neurologischen Erkrankungen ist das bislang nicht vorgesehen.
Wie schätzen Sie das Potenzial von Stammzellbehandlungen in der Neurologie ein?
Bei der Therapie der amyotrophen Lateralsklerose gibt es eine erste Erfolgsgeschichte. Bereits 2016 haben wir gezeigt, dass sich iPS von Patientinnen und Patienten mit ALS dazu eignen, das Ansprechen der Betroffenen auf Ropinirol zu testen. Dieser für Parkinson entwickelte Wirkstoff zeigt bei etwa 70 % der ALS-Erkrankten vielversprechende neuroprotektive Effekte. Bis Stammzellen standardmäßig zum Einsatz kommen, liegt aber noch viel Arbeit vor uns.
Bei der direkten therapeutischen Nutzung von iPS gibt es Sorgen wegen möglicher tumorgenetischer Eigenschaften dieser Zellen. Zu Recht?
Diese Sorge basiert vor allem auf Beobachtungen aus präklinischen Studien, insbesondere in Mausmodellen, in denen unvollständig differenzierte iPS-Zellen Tumoren bildeten. In klinischen Studien wurde bislang keine verstärkte Tumorgenese durch iPS beobachtet, weder nach einer Retinatransplantation bei Makuladegeneration, die seit 2014 durchgeführt wird, noch bei der Behandlung von Rückenmarksverletzungen bei uns im Institut. Daher sind wir mittlerweile zuversichtlicher, was diese Gefahr angeht. Aber natürlich brauchen wir noch deutlich umfangreichere Daten, bevor wir eine Entwarnung geben können.