Wenn Vorsorge an Kommunikation und Vertrauen scheitert
Trotz klarer Evidenz zur Wirksamkeit des Darmkrebsscreenings bleiben Menschen mit Migrationsgeschichte oft außen vor. Sprachbarrieren, Tabus und Misstrauen bremsen die Prävention – doch es gibt Ansätze, mit denen sich das ändern lässt.
Von den rund 4,7 Millionen Menschen mit einer Krebsdiagnose in Deutschland haben etwa 16 % einen Migrationshintergrund. Es ist bekannt, dass Vorsorgeprogramme wie das Darmkrebsscreening diese Patient:innengruppe schlechter erreichen. Es gibt jedoch keine differenzierten Routinedaten – auch nicht von den Krankenkassen –, wie viele Personen mit Migrationsgeschichte hierzulande an Darmkrebsvorsorgeuntersuchungen teilnehmen. „Es ist ein total vernachlässigter Aspekt in der Onkologie“, sagte Dr. Barbara John vom Bürgerspital Wertheim.
Migrant:innen der ersten Generation am stärksten unterversorgt
Besonders betroffen von kultureller Unterversorgung sind Menschen mit türkischer Herkunft oder aus der ehemaligen UdSSR. Bei in Deutschland geborenen Personen mit Migrationshintergrund hingegen unterscheidet sich die Teilnahmequote kaum von der Mehrheitsbevölkerung.
Des Weiteren lassen sich regionale Unterschiede feststellen. So nehmen im Osten weniger Menschen das Angebot wahr als im Westen – ein Hinweis darauf, dass systemische Effekte die Screeningrate beeinflussen.
Zahl der Erkrankungs- und Sterbefälle durch verbesserte Einladungsverfahren reduzieren
Die Evidenz zur Wirksamkeit der Vorsorgeuntersuchung ist eindeutig: Während in Gebieten ohne flächendeckende Programme Erkrankungszahlen steigen, lässt sich in Ländern mit strukturierten Programmen wie Deutschland, Tschechien und Österreich eine sinkende Darmkrebsinzidenz von bis zu 2,5 Prozentpunkten pro Jahr verzeichnen. Auch die Mortalität geht deutlich zurück. Laut Deutschem Krebsforschungszentrum sollte das Ziel sein, die Zahl der Erkrankungs- und Sterbefälle innerhalb von zehn Jahren zu halbieren, indem Einladungsverfahren verbessert werden. Denn ein Screening wirke nur dann, wenn man die Menschen erreiche, auch die Migrant:innen, so die Referentin.
Die Unterversorgung ist durch persönliche und strukturelle Barrieren bedingt. Zum einen kommen kulturelle, religiöse, sprachliche und wissensbezogene Faktoren zum Tragen. In manchen Kulturen – besonders in arabisch geprägten Gesellschaften – kann Krebs stark tabuisiert, schambehaftet und stigmatisiert sein, was Diagnostik und Therapie erschwert oder gänzlich verhindert. Auch Geschlechterrollen beeinflussen die Teilnahme. Manche Angehörige bestehen darauf, dass ihre Partnerinnen ausschließlich von Ärztinnen koloskopiert werden.
Es mangelt an Aufklärungsmaterial in der Muttersprache
Hinzu kommen Sprachbarrieren. Oft fehlt es an Aufklärungsmaterialien in der Muttersprache. Durch Laien als Dolmetschende kann es zu weiteren Missverständnissen kommen. Auch ein geringes Wissen über Darmkrebs und Vorsorge spielt in manchen Fällen eine Rolle. Misstrauen gegenüber der Wirksamkeit von Vorsorgemaßnahmen und kulturelle Vorurteile kommen als weitere Hürden hinzu.
Mitunter fällt es Betroffenen zudem schwer, sich im deutschen Gesundheitswesen zu orientieren. Zeitmangel im Ärzt:innen-Patient:innen-Kontakt sowie die sozioökonomischen Belastungen verschärfen die Situation. „Darmkrebsvorsorge scheitert selten an der Medizin, sondern an Kommunikation, Vertrauen und Systemstrukturen“, so die Expertin.
Informationsmaterial auf die Bedürfnisse der Zielgruppe zuschneiden
Um die Vorsorge von Migrant:innen zu fördern, brauche es mehrsprachige Aufklärungsmaterialien in Print, Audio und Video, betonte Dr. John. Das bestätigt auch eine qualitative Befragung von Menschen mit Migrationsgeschichte, die 2024 von Forschenden der Universität Witten/Herdecke durchgeführt wurde. Betroffene äußerten darin wiederholt den Wunsch nach audiovisueller Aufklärung. Zudem sei wichtig, dass Informationsmaterialien kulturell sensibel auf die Bedürfnisse der Zielgruppe zugeschnitten werden.
Darüber hinaus plädierte die Referentin dafür, Gesundheitsthemen in Integrations- und Sprachkurse einzubinden: Wer ohnehin einen A1- oder B1-Kurs besucht, könnte dort niedrigschwellig über Krebsvorsorge informiert werden – und das nicht nur in Bezug auf das kolorektale Karzinom. Professionelle medizinische Dolmetschende statt Laienhelfer:innen sowie interkulturelle Schulungen auf Arztseite würden die Kommunikation zusätzlich verbessern. Community Health Workers, die zwischen Versorgungssystem und Bevölkerung vermitteln, sowie Kooperationen mit Moscheen und Kulturvereinen könnten ebenfalls dazu beitragen, diese Patient:innengruppe besser zu erreichen.
„Versorgungsgerechtigkeit entsteht nicht zufällig. Sie ist eine politische Gestaltungsaufgabe“, resümierte Dr. John. Wo Sprache, Vertrauen und Zugang gemeinsam adressiert werden, steigt die Teilnahme – und das rechnet sich auch ökonomisch, denn Prävention vermeidet hohe Behandlungskosten.