Nur so viel deeskalieren wie nötig

So kann die Therapie von Kopf-Hals-Tumoren im Alter aussehen

32. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie
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Die Hälfte der Patient:innen mit Kopf-Hals-Tumor ist bei Erstdiagnose mindestens 65 Jahre alt.

Senior:innen mit lokal fortgeschrittenen Kopf-Hals-Tumoren drohen potenziell sowohl Unter- als auch Übertherapien. Ein Kollege gab konkrete Empfehlungen für eine individualisierte Behandlungsentscheidung bei betagten Patient:innen.

„Allein das chronologische Alter führt dazu, dass wir Patient:innen signifikant häufiger keine leitliniengerechte Therapie anbieten, unabhängig von ECOG und Tumorkategorie“, kritisierte PD Dr. Alexander Rühle vom Universitätsklinikum Leipzig. Statt des reinen Alters sollten bei älteren Betroffenen mit Kopf-Hals-Tumoren ein geriatrisches Screening und individuelle Therapieziele den Ausschlag geben – im Geiste eines Shared-Decision-Making. Er erörterte mögliche Optionen für Senior:innen mit lokal fortgeschrittenem Plattenepithelkarzinom von Oro-/Hypopharynx oder Larynx ohne Fernmetastasen.

Für fitte Ältere bleibt die kurative Therapie realistisch

Aus Sicht des Experten profitieren fitte ältere Patient:innen oftmals von einer leitliniengerechten kurativen Therapie, einschließlich einer simultanen Chemotherapie. Einer Analyse zufolge besteht ein Zusatznutzen der Chemo besonders für Personen unter 80 Jahren, mit gutem Allgemeinzustand und wenig Komorbiditäten. Eine Radiochemotherapie mit Cisplatin wöchentlich 40 mg/m2 empfiehlt Dr. Rühle für Erkrankte, die folgende Kriterien erfüllen:

Unklarer ist, wie Ärzt:innen mit fitten Erkrankten (ECOG 0–1) umgehen sollen, die spezifische Kontraindikationen gegen Cisplatin aufweisen, etwa Nierenfunktions­einschränkungen oder ausgeprägte Schwerhörigkeit. Grundsätzlich lässt sich eine Chemoradiotherapie auch mit Carboplatin erfolgreich durchführen (AUC 1,5; +/- Paclitaxel 35–40 mg/m2 wöchentlich). Das OS fällt ähnlich aus, allerdings kommt es zu mehr Lokalrezidiven als nach cisplatinhaltigen Therapieschemata.

 

DAHANCA-Regime als Alternative zur Chemotherapie

„Wenn wir keine Chemotherapie dazugeben wollen, dann ist die Akzelerierung mit sechs Fraktionen pro Woche eine gute Alternative“, ergänzte Dr. Rühle. Beim DAHANCA-Regime handelt es sich um eine solche akzelerierte Strahlentherapie mit 70 Gy in 35 Fraktionen. In der DAHANCA-6/7-Studie verbesserten sechs statt fünf Fraktionen pro Woche lokale Kontrolle und krankheitsspezifisches Überleben. Der Vorteil ging aber mit dem Alter zurück.

Weitere Tipps für ältere Erkrankte

  • engmaschige Ernährungsberatung vor und während der Therapie

  • intensive Schmerztherapie (Nicht-Opioid-Analgetika, Opioide, Koanalgetika wie Pregabalin)

  • intensive Hydrierung v. a. bei Chemotherapie, Dysphagie und fehlender PEG; Cave: Herzinsuffizienz

  • im Zweifel elektive Zielvolumina deeskalieren; z. B. kontralaterale Lymphabflusswege oder retropharyngeale Lymphknoten

Für Patient:innen ab 80 Jahren und/oder mit einem ECOG von 2 bietet sich für den Referenten neben dem DAHANCA-Regime vorrangig eine moderat hypofraktionierte RT mit 50–55 Gy in 20 Fraktionen an. Dadurch entstanden in einer Studie keine klinischen Nachteile gegenüber einer voll dosierten RT.

Radiotherapie lässt sich auch palliativ nutzen

Befinden sich Erkrankte in noch schlechterer Verfassung (ECOG ≥ 3), stehen verschiedene palliative Bestrahlungskonzepte zur Verfügung. In einem Split-Course-Konzept pausieren die Mediziner:innen beispielsweise die Radiotherapie nach der Hälfte der Gesamtdosis für zwei Wochen, um Toxizitäten zu reduzieren. „Die Auswahl des Schemas basiert etwa darauf, wie mobil der Patient ist, wo er lebt und was das wichtigste palliative Therapieziel ist“, beschrieb der Referent.

Ältere Patient:innen mit Kopf-Hals-Tumoren stellen eine wachsende und heterogene Gruppe dar, resümierte Dr. Rühle. Künftig sollten Ergebnisse prospektiver Studien wie SENIOR-2 die Evidenzbasis verbessern.

Rühle A. 32. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie; Vortrag „Deeskalation der Strahlentherapie bei älteren und vulnerablen Patienten – wie weit ist weit genug?“

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