Mehr Schaden als Nutzen?

Welcher Platz für die Ganzhirnbestrahlung bleibt

32. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie
|Erschienen am: 
In Studien wurden auch schon mehr als zehn Hirnmetastasen stereotaktisch behandelt.

Die Ganzhirnbestrahlung wurde in vielen Bereichen bereits durch gezieltere Verfahren abgelöst. Zwei Expertinnen waren uneinig, für welche Indikationen die WBRT noch infrage kommt und wie effektiv sich die Toxizität reduzieren lässt.

Inhaltsverzeichnis

Bei ausgewählten Indikationen hat die Ganzhirnbestrahlung (WBRT) immer noch einen Stellenwert, argumentierte PD Dr. Claudia Schmalz, UKSH, Campus Kiel.1 Dazu zählt sie eine Meningiosis carcinomatosa (MC), ein SCLC ab Stadium II (s. Kasten) und eine polytope Hirnmetastasierung bei gleichzeitig ausreichendem Allgemeinzustand.

Leitlinien zufolge kann die WBRT bei MC in Betracht gezogen werden, wenn ein intensiver nodulärer Befall, koexisterende zerebrale Metastasen und/oder eine symptomatische diffuse Meningiosis vorliegen. Die Expertin berichtete: „Es muss uns klar sein, es gibt wahrscheinlich keinen Überlebensvorteil.“ Allerdings konnte eine palliative Radiotherapie bei jeweils einem Drittel die Symptome verbessern oder stabilisieren, insgesamt profitierten etwa drei Viertel der Erkrankten klinisch.

 

WBRT bietet Meningiosisprophylaxe

Als Expert:innen wiederum in der Phase-2-Studie ESTRON nach Resektion von Hirnmetastasen eine hypofraktionierte stereotaktische RT mit der WBRT verglichen, fiel das mediane intrakraniale PFS mit der Ganzhirnbestrahlung dreimal so lang aus (15,0 Monate vs. 4,7 Monate). Ebenso schien das Ein-Jahres-Risiko für eine leptomeningeale Metastasierung signifikant geringer (8,7 % vs. 27 %; p = 0,03). Kein signifikanter Unterschied zeigte sich hingegen bei der intrakranialen Progressionsrate nach einem Jahr oder dem medianen OS. Personen der WBRT-Gruppe erlitten doppelt so häufig unerwünschte Ereignisse, davon 19 % gegenüber 11 % vom Grad 3.

Prophylaktische RT beim SCLC – wann und wie?

Bei SCLC erfolgt die Hirnbestrahlung als Besonderheit prophylaktisch und reduziert die Inzidenz von Hirnmetastasen. Im Stadium I beschränken sich Ärzt:innen auf regelmäßige Kontrolluntersuchungen. Für Dr. Schmalz besteht eine Indikation zur WBRT im Stadium II und III, wenn sich Erkrankte in gutem Allgemeinzustand befinden und gut auf die Behandlung ansprachen. Bei Extensive Disease brauche es Shared Decision Making, ob die Maßnahme noch Sinn ergibt oder man sich für regelmäßige MRT-Kontrollen entscheidet.

Wenn es um polytope Hirnmetastasen geht, besteht eine mögliche Indikation zur WBRT v. a. bei:

Wie Dr. Schmalz mahnte, bleibt aber auch dann die Prognose schlecht, mit einem medianen OS von 3–6 Monaten. Nach einem Jahr leben nur noch 10–15 %. Zudem verlängerte sich in einer Studie die qualitätsadjustierte Lebenszeit gegenüber bestmöglicher Supportivversorgung allein nur marginal.

Hippocampusschonung und Memantin senken Neurotoxizität der WBRT

Bezüglich der gefürchteten Toxizitäten lässt sich das Behandlungsschema der WBRT weiter optimieren, so die Kollegin. In mehreren Studien wirkte sich ein hippocampusschonendes Vorgehen positiv auf die Neurokognition aus. Die Expert:innen sahen aber keine signifikanten Effekte auf die Lebensqualität und das Gesamtüberleben. Außerdem kann Memantin als pharmakologische Option die Zeit bis zur kognitiven Verschlechterung verlängern und die Wahrscheinlichkeit dafür verringern. Die Referentin beschrieb, dass diese Option noch zu selten genutzt wird: In einer Umfrage gaben das nur knapp 30 % an. Hippocampusschonung und das Antidementivum lassen sich nicht zuletzt auch kombinieren.

 

Multiple Hirnmetastasen: kein OS-Unterschied

„Indikationen wie eine Meningiosis sind nun wirklich der Ausnahmefall. Was wir im klinischen Alltag rauf und runter sehen, sind Hirnmetastasen“, merkte Prof. Dr. Dr. Yvonne Dzierma, Universitätsklinikum Rostock, an.2 Laut ihr sollten Ärzt:innen bei Letzteren eine stereotaktische Bestrahlung klinisch vorziehen, selbst im Fall multipler Filiae. Sie sei einer WBRT mindestens ebenbürtig, was das Gesamtüberleben betrifft. In randomisiert-kontrollierten Studien kam es nach der ausschließlichen gezielten Bestrahlung von Hirnmetastasen zwar zu mehr neuen zerebralen Läsionen, aber dies übertrug sich zumeist nicht in einen signifikanten OS-Unterschied.

„Wenn Metastasen aufgetreten sind und man konnte sie behandeln, ist das ja vielleicht für die Patient:innen kein Nachteil gewesen“, gab die Expertin zu bedenken. Darüber hinaus habe eine WBRT die Entstehung neuer Filiae nur verzögert, aber nicht ganz verhindert. Auch für bestehende Hirnmetastasen eines SCLC gelte Ähnliches und eine gezielte Bestrahlung erreiche gegenüber der WBRT eher Vor- als Nachteile.

Weniger neurologische Sequelae mit stereotaktischer RT

Die Stereotaxie lässt sich außerdem wiederholen und wirkt weniger toxisch als eine WBRT – selbst dann, wenn alle vorbeugenden Maßnahmen wie Hippocampusschonung und Memantin ergriffen werden. In einer Phase-3-Studie, in der Forschende Stereotaxie und WBRT bei 4–10 Hirnmetastasen verglichen, ergaben sich Unterschiede bei der Lebensqualität, obwohl nur zehn Erkrankte pro Arm ausgewertet werden konnten. Stereotaxierte Patient:innen schnitten nach drei Monaten bei Mobilität und Selbstversorgung signifikant besser ab. Außerdem hatten sie Vorteile hinsichtlich physischer, emotionaler und sozialer Funktionen sowie Fatigue und sozialer Folgeerscheinungen.

In einer weiteren Untersuchung, in der die WBRT-Gruppe Memantin und Hippocampusschonung erhielt, besserte sich die selbstberichtete Symptomlast nur unter der Stereotaxie und verschlechterte sich unter Ganzhirnbestrahlung weiter. Auch zeigte sich nach vier Monaten und einem Jahr ein signifikanter Unterschied bei diversen neurokognitiven Parametern wie Aufmerksamkeit, Wortflüssigkeit und Wiedererkennung.

Zahl der Metastasen kaum ein Hindernis für SBRT

Zusammenfassend könne man Patient:innen nach einer Stereotaxie schneller entlassen, erhalte bessere funktionelle Ergebnisse und erspare ihnen Neurotoxizitäten. „Und lassen Sie sich bitte auch von vielen Metastasen nicht abschrecken“, plädierte Prof. Dzierma. In einer großen SBRT-Studie mit über 1.000 Teilnehmenden gab es keine signifikanten Unterschiede zwischen Betroffenen mit 2–4 und bis zu 10 Herden, weder bei der Prognose noch beim Bedarf an Salvage-Behandlungen. Man muss aber nach Erfahrung der Referentin mit den Erkrankten besprechen, inwiefern sie das Prozedere mit MRT, Maskenfixierung und regelmäßigen Verlaufskontrollen ertragen können.

1. Schmalz C. 32. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie; Oxford-Debatte „Die Zukunft der palliativen Strahlentherapie - Hirnmetastasen - Pro - GHB“

2. Dzierma Y. 32. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie; Oxford-Debatte „Die Zukunft der palliativen Strahlentherapie - Hirnmetastasen - Contra - GHB“

Das könnte Sie auch interessieren