So werden Studienpopulationen vielfältiger
Sprachbarrieren, Querschnittslähmung oder Transidentität – Viele Hindernisse einer Studienteilnahme, vor denen Ärzt:innen zurückschrecken, sollten keine absoluten Ausschlussgründe sein. Auch auf struktureller Ebene lassen sich Studien noch besser an Bedürfnisse Erkrankter anpassen.
„Nur bei denen, die wir heute in Studien einschließen, wissen wir morgen, wie wir sie behandeln sollen“, mahnte Prof. Dr. Birgit Grünberger, Universitätsklinikum Wiener Neustadt-Hochegg. Filter verschiedenster Art trügen allerdings zur übermäßigen Homogenität von Studienpopulationen bei (Interview zum Thema: Warum Diversität zählt).
Da gibt es zum einen die Einschlusskriterien, die teilweise medizinisch sinnvoll, aber manchmal auch historisch gewachsen oder unnötig breit seien. Die Expertin warf die Frage auf, welche Kriterien die Kohorte nur „sauber“ halten sollen: „Was ist wirklich sicherheitsrelevant?“ Denn letztlich bestimmen Studienkriterien, für wen Evidenz entsteht.
Von erweiterten Einschlusskriterien profitieren unterrepräsentierte Gruppen
In einer retrospektiven Analyse von über 200.000 Krebserkrankten aus dem US-amerikanischen Versorgungsalltag erfüllten nur 48 % die studienüblichen strengen Grenzwerte für Performance Status, Nierenfunktion, Leber- und Blutwerte. Tolerierte man geringe Abweichungen von den Standards, kamen 37 % zusätzlich für Studien infrage. Besonders darunter: Ältere, Frauen, Schwarze Menschen und Erkrankte mit niedrigem sozioökonomischen Status. Tendenziell lebten die Patient:innen, die unter die erweiterten Kriterien fielen, etwas kürzer, „das besagt aber nicht, dass sie nicht genauso von einer Studie profitiert hätten.“
Der zweite Faktor betrifft, wer eine Studie im Klinikalltag überhaupt angeboten bekommt. Prof. Grünberger bilanzierte, dass Studien nicht aus der gesamten Klinikpopulation rekrutieren, sondern nur aus dem Teil, der aktiv erkannt wird. Insbesondere Zeitdruck und Routinen begünstigten „einfache“ und vertraute Rekrutierungswege. „Die Rekrutierungsrate allein sagt noch nicht alles darüber aus, wer in die Studie hineingepasst hätte.“
Zuletzt beinhaltet der Studienablauf selbst mögliche Hindernisse. Wer kann sich die Anreise leisten – zeitlich, körperlich und finanziell? Wie weit ist der Anreiseweg und wie lange dauern Termine? Gibt es flexible Zeitfenster für Personen mit Sorgeverpflichtungen? Gerade für Senior:innen kann es außerdem laut Erfahrung der Referentin eine Hürde darstellen, wenn Daten ausschließlich digital erhoben werden, z. B. über Onlinefragebogen oder Wearables: „Es gibt viele Ältere, die mittlerweile gut damit umgehen können, aber manche können es nicht. Eigentlich dürfen wir auch nicht für sie klicken.“
„Wer medizinisch infrage kommt, sollte ein Angebot erhalten“, forderte Prof. Grünberger. Sie gab drei Beispiele, in denen Ärzt:innen oft vorschnell ausschließen.
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