Wie sich mehr Jugendliche gegen HPV impfen lassen könnten
90 % der 15-jährigen Mädchen sollen laut WHO bis 2030 gegen Humane Papillomaviren geimpft werden. Dieses Ziel scheint für Deutschland unerreichbar. Woran liegt das?
Sie gilt als sicher, wurde weltweit bereits mehr als 500 Millionen mal verabreicht und ist sehr wirksam, wenn sie vor dem ersten sexuellen Kontakt zum Einsatz kommt — die Vakzinierung gegen HPV. Die STIKO empfiehlt sie für Mädchen und Jungen im Alter zwischen 9 und 14 Jahren. Das WHO-Ziel, dass bis 2030 90 % der 15-jährigen Mädchen immunisiert sind, scheint unerreichbar, so stagnieren hierzulande die Impfquoten seit einigen Jahren. Das Robert Koch-Institut hat im Jahr 2024 55 % Mädchen und 36 % Jungen mit einer vollständigen Impfung verzeichnet. Die Unterschiede schwanken bei Ersteren von 42 % in Baden-Württemberg bis zu 70 % in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt.
S3-Leitlinie empfiehlt Schulimpfung
Dr. Anja Takla vom RKI, Berlin, bemängelte, dass die Gründe der geringen Quote bislang unzureichend erforscht sind. Umso schwieriger sei es, Strategien zu entwickeln, die die Impfbereitschaft erhöhen.
Dr. Nobila Ouédraogo, DKFZ Heidelberg, sieht hier eindeutig die Schulen in der Pflicht. „Es besteht ein erheblicher und dringlicher Handlungsbedarf.“ Denn das Verfehlen der Zielwerte deute auf strukturelle Grenzen des bestehenden Modells hin.
Wie in der S3-Leitlinie „Impfprävention HPV-assoziierter Neoplasien“ steht, solle deshalb eine Schulimpfung implementiert werden. Sein Argument bekräftigte er mit weiteren Stimmen, etwa aus der Politik und vom Lehrerverband, die diese Strategie befürworten.
Strategien im globalen Vergleich
Bislang zählt Deutschland zu den 21 % der Länder weltweit, die die Vakzinierung gegen HPV ausschließlich in medizinischen Einrichtungen vornehmen. Mit 63 % setzen die meisten Länder auf eine Immunisierung in der Schule und der Rest auf eine Mischform.
Die Vorteile der Schulstrategie liegen für Dr. Ouédraogo klar auf der Hand: Durch die Schulpflicht
erreicht man fast alle Kinder der entsprechenden Alterskohorte
unabhängig vom sozioökonomischen Hintergrund,
die Gesellschaft akzeptiere solche Angebote
und langfristig sei dies ein kosteneffektiver Weg.
Auch regionale und
geschlechtsspezifische Unterschiede in der Anspruchnahme könnten so umgangen werden.
Die explizite Einwilligung der Eltern sei natürlich Voraussetzung.
Nicht zuletzt würde ein schulisches Angebot die Hürden, die das aktuelle Prozedere mit sich bringe, umgehen. Selbst ihm als Mediziner fiel es logistisch schwer, seine beiden Kinder vollständig impfen zu lassen.
Als Positivbeispiele nannte der Experte Länder wie Island, Norwegen und Schweden, die ausschließlich auf ein schulisches Angebot setzen und die — Stand 2023 — mit 85 % bis 96 % die international höchsten Impfquoten aufweisen.
Daten aus Deutschland bekräftigen laut Dr. Ouédraogo dieses Vorgehen: In einem Pilotprojekt im Landkreis Bergstraße (Hessen) erhöhte sich die Quote einer abgeschlossenen Impfserie um 10 Prozentpunkte.
„10 Prozentpunkte mehr reichen nicht aus“
Dr. Takla sieht eine Schulimpfung und die Pilotprojekte hingegen kritisch. Zwar sei der Equity-Gedanke, den dieses Angebot biete, relevant. Jedoch sei eine Erhöhung der Impfquote um 10 Prozentpunkte gut, aber eben nicht ausreichend.
Die Auswertung weiterer deutscher Pilotprojekte aus Leipzig und Bremen zeige, dass nur 33-40 % der Ungeimpften ein Schulangebot annehmen. „Das Angebot ist also da, genutzt wird es aber nur begrenzt.“
Vielmehr belegen die Daten der Expertin zufolge, dass die Vakzinierungen nicht häufiger, sondern vor allem früher in Anspruch genommen werden. „Wenn diese Alterskohorte das Alter von 15 erreicht, ist sie kaum mehr geimpft als der Durchschnitt.“
Und auch im Ausland funktioniere diese Strategie nicht überall gut, etwa in Slowenien oder Österreich, die nur auf 46 % bzw. 53 % kommen. Wichtiger als die Strategie gewichtete Dr. Takla das Ansehen der Impfung. So wurden im JitsuVAX-Projekt wahrgenommene Impfstoffsicherheit, Vertrauen in die Gesundheitsbehörden und Commitment gegenüber Impfungen unter medizinischem Personal erhoben. In Deutschland fiel keiner dieser Messwerte wirklich hoch aus.
Überzeugt die Vakzine nicht genug?
Die Allgemeinbevölkerung bleibt ebenfalls kritisch: In der Studie InveSt HPV gaben rund ein Drittel der 1.500 Eltern mit Kindern im Alter von 9 bis 14 Jahren an, impfskeptisch zu sein. Fake-News etwa auf TikTok, dass die HPV-Vakzinierung unfruchtbar macht, wiegen schwer und sind nicht mit Gegenkampagnen aufzuholen, bedauerte Dr. Takla. Deshalb ist für sie eindeutig: „Ein flächendeckendes Schulprogramm kann in Deutschland nicht zu Impfquoten über 90 % führen.“
Eine zusätzliche Struktur führe eben nicht automatisch zu einer Akzeptanz und ersetze keine Impfentscheidung. Hinzu kämen ein immenser logistischer Aufwand und hohe Kosten für das Gesundheitssytem. Dr. Takla spricht sich deshalb dafür aus, genauer zu erforschen, warum diese unzureichende Impfbereitschaft besteht.
Ouédraogo N., Takla A. 37. Deutscher Krebskongress; Debatte: HPV-Impfung in Deutschland?