Warum der Blick über Fachliteratur und Leitlinien hinaus wertvoll ist

Empfehlung: Diese Bücher bereichern Ihre Sichtweise

Buchrezension
|Erschienen am: 
Eine Rezension zu vier Büchern über Krebs – persönlich, nahbar und aus unterschiedlichen Perspektiven.

Vier Bücher, vier Zugänge zum Thema Krebs: vom bewussten Sterben über elterliche Hoffnung, stille Mutgeber:innen im Gesundheitswesen bis zur Graphic Novel zum Mammakarzinom.

Inhaltsverzeichnis

Sterben als bewusster Teil des Lebens

Ohne Pathos, ohne große Gesten nähert sich Ulf Nilsson dem Lebens­ende – und gerade dadurch mit großer Kraft. Der schwedische Autor, der nach seiner Diagnose Zwölffingerdarm- und Bauchspeicheldrüsenkrebs nur noch zehn Wochen zu leben hatte, beschreibt in knappen, präzisen Textminiaturen seine letzten Wochen. Ursprünglich hatte er seine Gedanken nur für den engeren Familien- und Freundeskreis festgehalten, posthum wurden sie dann aber von seiner Frau veröffentlicht.

Nilsson beobachtet seinen Körper, seine Gedanken, seine Beziehungen und hält fest, was bleibt, wenn Zeit plötzlich begrenzt ist. Der Ton ist ruhig, zart und ehrlich: Schmerz, Liebe, Müdigkeit und Dankbarkeit stehen ganz selbstverständlich nebeneinander.

Die Stärke dieses schmalen Bandes liegt in seiner Einfachheit. ­Nilsson­ schreibt in seinen undatierten Einträgen nicht über den Tod, sondern über das konkrete Erleben des Sterbens. Die kurzen Gedankensplitter vermitteln Nähe, Fürsorge und kleine Routinen, aber auch unerwartete humorvolle Momente. Etwa, wenn er festhält: „Ich schreibe eine Mail und sage meine Termine bei der Zahnhygiene ab. Und schließe mit: ‚PS: In den Zahnzwischenräumen putze ich nicht mehr.‘“

Die persönliche Perspektive und die Tatsache, dass Nilsson seinen bevorstehenden Tod offensichtlich ohne Angst erwartet, kann Trost spenden. Es zeigt, was den letzten bewussten Lebensabschnitt abseits von medizinischen Details für einen Menschen ausmacht, samt seiner Ambivalenzen, aber auch voller Sinn.

Für die Beratung onkologischer Patient:innen kann dieses Buch deshalb wertvolle Impulse geben. Es öffnet einen Raum für Gespräche über Wünsche und Bedürfnisse am Lebensende, vermittelt eine respektvolle Haltung gegenüber Angst und Verletzlichkeit und stärkt die Idee, Sterben nicht nur als Verlust, sondern auch als bewussten Teil des Lebensprozesses zu betrachten.

Ulf Nilsson. „Ein kleines Buch über die Kunst zu sterben“; weissbooks; ISBN: 978-3-86337-232-3


Sie geben Krebspatient:innen Halt

Der vorliegende Titel rückt eine Berufsgruppe in den Mittelpunkt, die für den Verlauf einer Krebserkrankung entscheidend ist – und dennoch oft im Hintergrund bleibt. Das Buch porträtiert zwölf Menschen, die Krebspatient:innen tagtäglich begleiten: Pflegekräfte, Therapeut:innen, Psycho(onko)log:innen und weitere Fachpersonen, die Halt geben, Orientierung schaffen und Lebensqualität sichern, wenn medizinische Behandlung allein nicht ausreicht.

Die Texte stammen von ­Martina Löwe, Geschäftsführerin der Österreichischen Krebshilfe, die in sensiblen, ruhigen Porträts danach fragt, was diese Menschen antreibt, welche Erfahrungen sie geprägt haben und woher sie Kraft für ihre Arbeit schöpfen. Viele der Mutgeber:innen haben selbst früh Erfahrungen mit Krankheit, Verlust oder Abschied gemacht. Diese biografischen Prägungen fließen spürbar in ihre professionelle Haltung ein. Ergänzt werden die Texte durch eindrucksvolle Schwarzweiß-Porträts der Künstlerin Sabine ­Hauswirth, die mit dem Motiv eines Netzes arbeiten: als Symbol für Verbindung, Tragfähigkeit und gegenseitige Abstützung.

Das Buch ist Teil einer Reihe von Porträtbüchern, die zuvor allerdings ausschließlich den betroffenen Patient:innen selbst gewidmet waren. In diesem Buch mit Porträts der Medizinprofis zeigt sich, wie viel Beziehungsarbeit, emotionale Präsenz und fachliche Kompetenz notwendig sind, um Patient:innen durch existenzielle Krisen zu begleiten. Dabei wird deutlich, dass gute Krebsversorgung immer interdisziplinär ist – und dass Pflege, psychosoziale Betreuung und therapeutische Begleitung tragende Säulen des Systems darstellen.

Das Buch schärft den Blick für die Perspektive jener Berufsgruppen, die Patient:innen oft am nächsten sind. Es macht sichtbar, wie sehr Kommunikation, Zuhören und Kontinuität den Umgang mit einer Krebsdiagnose prägen. Ärzt:innen läd es ein, das eigene Handeln stärker als Teil eines gemeinsamen Versorgungsnetzes zu begreifen.„Mutgeber:innen“ ist damit weniger ein Buch über Krebs als über Menschlichkeit im Gesundheitswesen. Es würdigt jene, die täglich da sind, wenn Mut schwindet – und erinnert daran, dass professionelle Nähe, Empathie und Zeit zentrale Ressourcen in der Onkologie sind.

Martina Löwe. „Mutgeber:innen – Unser Netz für Krebs-Patient:innen“; echomedia buchverlag; ISBN: 978-3-903989-91-7


Verbindet Fakten mit Betroffenheit

Wie lässt sich Brustkrebs so erklären, dass Betroffene Fakten verstehen und sich zugleich emotional ernst genommen fühlen? Die Ulmer Gynäkologin Dr. Bärbel ­Grashoff hat darauf eine außergewöhnliche Antwort gefunden: In ihrer Graphic Novel „Das Ende der Unversehrtheit“ verbindet sie eigene Krankheitserfahrungen mit fundierter Onkologie und macht auf diese Weise ein hochkomplexes Thema niedrigschwellig zugänglich.

Dr. Grashoff kannte Brustkrebs lange nur als Ärztin – bis sie selbst erkrankte. Die Diagnose erlebte sie trotz ihres Fachwissens als Schock: Informationsflut, Angst, Kontrollverlust und Überforderung sind Gefühle, die sie heute ganz anders versteht. Gleichzeitig wurde ihr klar, wie wenig hilfreich lange Tabellen, nüchterne Fachsprache und gut gemeinte Aufklärungstexte in dieser Situation oft sind.

Gemeinsam mit Illustratorin Marie Luisa Kerkhoff entwickelte sie deshalb ein anderes Format: Mit einer erzählerisch und visuell kraftvollen Bildergeschichte erzählen sie die Geschichte zweier Frauen mit frühem Brustkrebs, die unterschiedliche Therapiewege durchlaufen. Anhand dieser Narrative erklären sie die verschiedenen Facetten von Brustkrebserkrankungen und welche Faktoren therapeutische Entscheidungen leiten. Tumorbiologie, Dia­gnostik und Therapien werden ebenfalls bildhaft und einfühlsam beschrieben. Ein zusätzlicher Teil widmet sich der Früherkennung und bietet u. a. eine Anleitung zur Selbstuntersuchung.

Für die Beratung schließt das Buch eine Lücke zwischen Fachinformation und Betroffenheitsliteratur: Es strukturiert Wissen verständlich, erklärt Therapieentscheidungen nachvollziehbar und spricht auch auf der emotionalen Ebene an. Bildhafte Analogien machen Zusammenhänge greifbar und erleichtern den Gesprächseinstieg – besonders für Menschen, die textlastige Informationen nur schwer aufnehmen. Gleichzeitig setzt Dr. Grashoff klare Akzente gegen unseriöse Heilsversprechen und betont die Bedeutung leitliniengerechter Therapie.

Daneben ist „Das Ende der Unversehrtheit“ auch ein persönlicher Bewältigungsweg: Die Autorin beschreibt offen ihre Erfahrungen mit ihrer Brustkrebserkrankung von Nebenwirkungen wie Fatigue bis hin zum Versuch, Alltag und Krankheit zu vereinbaren. Damit möchte sie anderen Betroffenen Mut machen: Man kann schwer erkranken und dennoch weiterleben.

Bärbel Grashoff, Marie Luisa ­Kerkhof­f. „Das Ende der Unversehrtheit“; Ankerwechsel Verlag; ISBN: 978-3-947596-19-7


Pädiatrische Leukämie aus der Elternperspektive

Was im September 2020 mit der ersten Diagnose begann, entwickelte sich über Rezidive und erneute Therapien zu einer Familienrealität, in der sich die Eltern des kleinen Maarten ihre Zuversicht immer wieder neu erarbeiten mussten. Ihr Buch ist kein Ratgeber im klassischen Sinn, sondern ein sehr persönlicher und unverstellter Erfahrungsbericht: ­Victoria und ­Hauke Sohst erzählen die Geschichte ihres Sohnes, der innerhalb weniger Jahre dreimal an Leukämie erkrankte.

Die Stärke des Buches liegt in der Perspektive aus dem Inneren der Familie. Mutter und Vater beschreiben, wie sich Alltag, Partnerschaft, Geschwister- und Familienleben, Freundschaften und Zeitgefühl verändern, wenn Therapiepläne, Krankenhausaufenthalte und Kontrolltermine den Takt vorgeben. Es geht um den Versuch, in einer Situation maximaler Unsicherheit Handlungsfähigkeit zu bewahren: Entscheidungen zu tragen, Belastungsgrenzen zu erkennen, sich als Eltern nicht zu verlieren und für die Kinder präsent zu bleiben.

Hoffnung erscheint dabei nicht als naive Durchhalteparole, sondern als Haltung, die im Kleinen entsteht: in einem guten Moment, einem Lachen, einem gemeinsam geschaffenen Erinnerungsbild. Maartens Zustand ist nach seinem zweiten Rezidiv stabil, sodass seine Mutter resümiert: „Wir haben keine andere Chance als zu lernen, mit der Angst zu leben. Immer wieder aufs Neue. Der Übergang zwischen Akzeptanz und Kapitulation ist dabei fließend. Aber das ist okay.“

Insbesondere in der pädiatrischen Onkologie kann „Krebs³“ ein wertvoller Gesprächsanlass sein. Das Buch macht spürbar, wie Informationen, Wartezeiten, Rückschläge und neue Therapieoptionen emotional aufgenommen werden und warum Eltern oft zwischen Funktionieren und Überforderung pendeln. Wer Familien begleitet, findet hier verdichtete Einblicke in typische Spannungsfelder: Kontrollbedürfnis versus Ohnmacht, Hoffnung versus Angst, Nähe versus Erschöpfung.

Gerade weil Victoria und ­Hauke Sohst ihre Erfahrung nicht in Fachsprache übersetzen, sondern in eine alltagsnahe Erzählung, kann das Buch Angehörigen das Gefühl geben, mit ihren ambivalenten Gedanken nicht allein zu sein – und Behandlungsteams helfen, die psychosoziale Dimension noch bewusster mitzudenken.

Victoria Sohst, Hauke Sohst. „Krebs³ – Ein Buch über Hoffnung und das Leben im Moment“; tredition; ISBN: 978-3-384-63238-8

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