Wann türkischstämmige Frauen die Brustkrebsnachsorge wahrnehmen
Nicht alle Mammakarzinom-Patient:innen nutzen nach Ende der Behandlung vorhandene Nachsorgeangebote. Forschende identifizierten nun Einflussfaktoren auf die Beteiligung - und prüften, inwiefern sich diese bei türkischstämmigen Frauen unterscheiden.
Internationale Studien deuten darauf hin, dass Menschen mit Migrationshintergrund seltener Gesundheitsleistungen wahrnehmen. Ein Team um Dr. Svetlana Puzhko von der Universität Bielefeld ging nun konkret der Frage nach, wie Mammakarzinompatient:innen mit und ohne türkischen Migrationshintergrund die Nachsorge nutzen. Was beeinflusst die Teilnahme an Nachsorgeangeboten, spielt die Migrationshintergrund eine Rolle und welche Erfahrungen berichten türkischstämmige Frauen?
Die Forschenden kombinierten Einzelinterviews und Fokusgruppenkonsultationen mit einer groß angelegten, quantitativen Umfrage. Für Letztere erhielten 1.650 an Brustkrebs erkrankte Frauen einen Fragebogen mit 46 Fragen, den 1.424 Personen vollständig beantworteten.
Das Team konnte verschiedene Hindernisse identifizieren (s. Kasten), aber auch Faktoren, die eine Teilnahme begünstigen. Wichtig schienen ein guter Zugang zu Informationen und Unterstützung während der Nachsorge, ob durch das soziale Umfeld, Selbsthilfegruppen, medizinisches Personal oder den eigenen Glauben. Speziell unter Migrant:innen wirkten sich Deutschkenntnisse positiv auf die Inanspruchnahme von Nachsorgeleistungen aus, ebenso Leistungserbringende mit einem gemeinsamen kulturellen Hintergrund.
Barrieren für die Teilnahme
limitierter Zugang zu Informationen beim Übergang in die Nachsorge
unzureichende Koordination zwischen Behandelnden; v. a. unzureichende Unterstützung im Umgang mit Langzeitfolgen und Nebenwirkungen
Schwierigkeiten bei der Terminvergabe (insbesondere Psychotherapie)
psychische und emotionale Belastungen
bürokratische und finanzielle Probleme
Migrationsspezifisch kamen hinzu
Sprachbarrieren beim Umgang mit Gesundheitsinformationen und beim Sprechen über gesundheitliche, besonders psychische, Probleme
Schwierigkeiten beim Verständnis des deutschen Gesundheitssystems
Die Referentin hob speziell für türkischstämmige Patient:innen die Bedeutung von Selbsthilfegruppen hervor: „Alle Frauen berichteten, dass Selbsthilfegruppen sehr hilfreich sind, aber für jene mit türkischem Migrationshintergrund waren sie manchmal die einzige Informationsquelle.“ Außerdem bieten sie emotionale und soziale Unterstützung. Unter sämtlichen Befragten nahmen Personen, die in Selbsthilfegruppen aktiv waren, signifikant häufiger an einer Reha (OR 2,24), einer Anschlussheilbehandlung (AHB, OR 1,95) und einem Disease-Management-Programm (OR 1,72) teil.
Aus Sicht der Expertin stellt Sprache eine zentrale strukturelle Barriere dar. 19,8 % äußerten den Wunsch nach Beratung in einer anderen Sprache. Gute oder sehr gute Deutschkenntnisse verdoppelten wiederum die Wahrscheinlichkeit, dass die betreffende Person eine Reha erhielt.
Zusammenfassend beeinflusst laut Dr. Puzhko weniger der Migrationshintergrund selbst als vielmehr strukturelle Barrieren die Inanspruchnahme von Nachsorgeleistungen: „Türkischer Migrationshintergrund alleine war kein Prädiktor.“ Informations- und Zugangshindernisse treffen türkischstämmige Frauen mit eingeschränkten Sprachkenntnissen allerdings überproportional.
Welche Informationen helfen weiter?
In einer Reihe leitfadengestützter Einzelinterviews mit insgesamt 43 Angehörigen, Patient:innen und Interessenvertreter:innen mit Migrationshintergund kam ein Forschungsteam zu folgenden Schlüssen:
Informationsbedarfe beziehen sich v. a. auf allgemeine Strukturen, Abläufe und die Orientierung im deutschen Gesundheitssystem, weniger auf die konkrete Erkrankung.
Bedarf an wegweisenden Informationen für den Therapieverlauf, auch zu sektoralen Übergängen
Informationen sollten in einfacher Sprache und der jeweiligen Muttersprache zur Verfügung stehen
niedrigschwellige Verfügbarkeit der Informationen auf mehreren Kanälen und in verschiedenen Formaten (analog, digital, audiovisuell), visuelle Unterstützung hilfreich
Kulturelle Sensibilität (z. B. hinsichtlich familiärer Entscheidungsstrukturen)
Schilling L et al. 37. Deutscher Krebskongress 2026; E-Poster „Optimizing care for cancer patients with a migrant background—how can informed decisions be facilitated? Exploration of needs and preferences.“
Verbesserungsbedarf für alle Patient:innen
Die Kollegin sieht einen Bedarf, die Brustkrebsnachsorge für alle Patient:innen zu optimieren, unabhängig von deren Migrationsgeschichte. Dazu brauche es unter anderem eine bessere Koordination zwischen den beteiligten Ärzt:innen und mehrsprachige, leicht zugängliche Informationen zu den Angeboten. Insgesamt wünschten sich ein Drittel der türkischstämmigen Patient:innen und immerhin fast 20 % derer ohne Migrationshintergrund bessere Informationen. Eine ausgeprägtere Gesundheitskompetenz ging wiederum mit höheren Teilnahmeraten an AHB, Reha sowie einer Psychotherapie einher.
Nicht zuletzt gelte es, einen Mangel an psychoonkologischer Versorgung zu beheben. Fast ein Viertel der Befragten hatte keinen Zugang zu Psychotherapie, wobei Sprachbarrieren diesen zusätzlich erschweren.
Puzhko S. 37. Deutscher Krebskongress; Vortrag „Brustkrebsnachsorge bei türkischstämmigen Frauen: Einflussfaktoren der Inanspruchnahme (Bruna+)“