RKI führt Studie zu Impfverhalten und Vorbehalten durch
Die meisten Menschen wissen grundsätzlich, dass Impfungen wirksam sind, dennoch hat ein Teil der Bevölkerung Bedenken hinsichtlich möglicher Nebenwirkungen und verbreiteter Impfmythen.
Was sind die Unterschiede im Impfverhalten und welche Gründe führen dazu, dass manche Menschen eine Immunisierung ablehnen? Für die Studie „IMPRESS“ des Robert Koch-Instituts (RKI) wurden 5.450 Erwachsene in Deutschland online zu ihrer Impfbereitschaft befragt, darunter auch Teilnehmende mit Impfempfehlungen für Influenza sowie Mütter und Väter mit Kindern unter sieben Jahren.
Die Studiengruppe testete zunächst verschiedene Faktoren (7C-Modell, siehe Kasten 1), die die Impfbereitschaft beeinflussen. 60 % der Befragten vertrauten einer Genehmigung von Impfstoffen durch staatliche Stellen und 50 % stuften Nebenwirkungen als eher selten ein. Das Vertrauen in wissenschaftlich begründete politische Entscheidungen zur Vakzinierung fiel dagegen deutlich geringer aus: Nur 40 % der Befragten waren davon überzeugt. Während den Ärztinnen und Ärzten mehr vertraut wird, fallen Institutionen insgesamt dahinter zurück, so das Fazit des Wissenschaftlerteams.
Ein bewusster Entschluss, sich impfen zu lassen
Das Risikobewusstsein in Bezug auf Infektionskrankheiten lag auf hohem Niveau. 70 % der Teilnehmenden betrachteten Impfungen als sinnvolle Schutzmaßnahme, um schwere Krankheitsverläufe und Ansteckungen zu vermeiden, nur 10 % der Befragten hielten Impfungen für verzichtbar. Mehr als 70 % der Teilnehmenden bemühten sich beizeiten um ihren Impftermin, allerdings standen nur für rund 30 % Impfungen oben auf der Prioritätenliste. Die Entscheidung zur Immunisierung erfolgte in der Regel bewusst: Die meisten Befragten gaben an, Indikation, Nutzen und Risiko gründlich abzuwägen und sich nur impfen zu lassen, wenn keine persönlichen Nachteile zu erwarten wären.
Der Entschluss zur Immunisierung beruhte bei 60 % der Teilnehmenden auf dem Verantwortungsbewusstsein anderen Menschen gegenüber, und etwa 80 % verstanden die Vakzinierung als kollektive Verpflichtung. Maßnahmen wie Sanktionen (z. B. Ausschluss von Veranstaltungen) und Kontrollen Ungeimpfter hielten jedoch nur 20 % aller Befragten für vertretbar. Bei Strafen fiel der Anteil noch geringer aus.
Verschwörungstheorien und Fehlinformationen zu Impfungen fanden in der befragten Kohorte insgesamt weniger Zustimmung, und auch die Annahme, Impfstoffe enthielten schädliche Bestandteile oder seien gefährlicher als die Krankheiten, gegen die sie eingesetzt werden, wurde von weniger als 10 % vollständig geteilt.
Das 7C-Modell der Impfentscheidung |
Das 7C-Modell beschreibt 7 Faktoren, die eine Impfentscheidung beeinflussen. |
1. Vertrauen (Confidence) Vertrauen in die Unbedenklichkeit und Effektivität von Impfungen sowie in medizinisches Fachpersonal und zuständige Behörden. |
2.Risikowahrnehmung (Complacency) Die Impfbereitschaft steigt, wenn das Risiko einer Infektionskrankheit als hoch eingeschätzt wird. |
3. Persönliche Hürden (Constraints) Alltägliche psychologische Hindernisse, die den Zugang zu einer Immunisierung erschweren oder mit mehr Aufwand verbunden machen. |
4. Kollektives Verantwortungsgefühl (Collective Responsibility) Motivation, andere Menschen zu schützen und die Ausbreitung von Infektionskrankheiten zu verhindern. |
5. Kollektives Verantwortungsgefühl (Collective Responsibility) Motivation, andere Menschen zu schützen und die Ausbreitung von Infektionskrankheiten zu verhindern. |
6. Compliance Befürwortung von gesellschaftlichen Maßnahmen zur Kontrolle und Sanktionierung von Ungeimpften. |
7. Verschwörungsglaube (Conspiracy) Glaube an Verschwörungstheorien und Fehlinfor-mationen rund um das Thema Impfung. |
modifiziert nach 1 |
Die Impfentscheidungen hängen in Deutschland stark von persönlichen Einstellungen ab, wie die Subauswertung von Menschen, die unter die STIKO-Grippeimpfempfehlung fallen, zeigte. Geimpfte hatten mehr Vertrauen in Vakzine, nahmen Risiken ernster und handelten oft aus Verantwortungsbewusstsein für andere. Ungeimpfte dagegen glaubten etwas häufiger an Verschwörungsmythen. Bei gängigen Impfmythen wie Autismus, Unbedenklichkeit von Inhaltsstoffen oder der Anzahl und dem Zeitpunkt von Kinderimpfungen (zu viele, zu früh) war sich knapp die Hälfte aller Befragten dennoch unsicher. Einen ähnlichen Unsicherheitsfaktor stellte bei 53 % der Punkt Allergien dar.
Grippe scheint z. B. für viele relevanter zu sein als COVID
Unter den Personen, denen eine Impfung empfohlen wurde, nutzten viele die Vakzinierung gegen Grippe (60–70 %), die COVID-19-Immunisierung wurde dagegen kaum in Anspruch genommen (10–30 %), dabei kann sie schwere Krankheitsverläufe verhindern.
Obwohl Grundwissen über Impfungen bestand, war die impfbezogene Gesundheitskompetenz eher niedrig, lautet die Einschätzung der Forschenden. Nur 12,6 % der Befragten attestierten sie eine hohe Kompetenz. Zudem weisen sie darauf hin, dass die impfbezogene mit der allgemeinen Gesundheitskompetenz der Bevölkerung vergleichbar ist. Impfkampagnen sollten die vorhandenen Stärken der Bevölkerung, z. B. das Verantwortungsbewusstsein, nutzen, Hindernisse aus dem Weg räumen und Irrtümer aufklären, um Vertrauen und Impfbereitschaft zu fördern, so das Fazit der Studienautoren des RKI. Das zeigt auch das Beispiel COVID-Impfungen in England während der Pandemie (siehe links).
Das IMPRESS-Projekt trägt wesentlich zum Verständnis von Impfentscheidungen bei, schreiben Expertinnen und Experten in einer Stellungnahme des Science Media Center Germany. Sie weisen jedoch darauf hin, dass Onlinebefragungen nicht alle Bevölkerungsgruppen erreichen, und halten eine zielgruppenorientierte Aufbereitung öffentlicher Impfinformationen für sinnvoll.
1. RKI. Warum wir uns impfen lassen und warum wir zögern. Ergebnisse des Forschungsprojekts IMPRESS 2026
2. Pressemitteilung Science Media Center