Diagnoselücke schließen

Wann sollte man an Tuberkulose denken?

132. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin
|Erschienen am: 
Mycobacterium-tuberculosis-Bakterien nisten sich in der Lunge ein und können dort über Jahre unentdeckt bleiben.

Jeder fünfte Tuberkulosefall in Europa bleibt unentdeckt. Und auch nach erfolgreicher Therapie können Schäden bleiben. Zwei Expertinnen erläuterten Diagnostik, Therapie und den Umgang mit dem Post-TB-Syndrom.

Diagnostische Verzögerungen, falsche Testergebnisse, steigende Resistenzraten und langfristige Lungenschäden: So lässt sich die Lage bezüglich der Tuberkulose in Deutschland beschreiben. Dr. Dr. Elham Khatamzas von der Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin am Universitätsklinikum Heidelberg schilderte den Fall einer 33-jährigen Patientin. Deren Schultergelenktuberkulose war erst nach Jahren und nach etlichen Fehldiagnosen, multiplen Revisionsoperationen und Fistelbildung erkannt worden. Trotz granulomatöser Histologie war eine TB-spezifische Diagnostik mehrfach unterblieben. Dies verdeutliche laut Dr. Khatamzas das zentrale Problem: die ausbleibende Diagnose trotz verfügbarer Testverfahren.

Als Warnsignale nannte die Medizinerin:

Interferon-Gamma-Test schließt aktive Tuberkulose nicht aus

Für das Screening auf eine latente Infektion empfiehlt Dr. Khatamzas den Interferon-Gamma-Release Assay (IGRA). Für diesen Test reicht eine einzige Konsultation aus, er bietet eine hohe Spezifität, und es kommt nur selten zu falsch positiven Resultaten infolge einer BCG-Impfung*, zählte Dr. Khatamzas die Vorteile der Methode auf.

Zum Nachweis einer aktiven Erkrankung taugt der IGRA jedoch nicht, ein Röntgenthorax ist dann indiziert. Ein wichtiges Verfahren zum Nachweis der extrapulmonalen Tuberkulose ist zusätzlich eine CT- bzw. MRT-Untersuchung, so die Referentin. Bei unauffälligen Befunden müsse, insbesondere bei symptomatischen Patientinnen und Patienten, eine Sputumanalyse durchgeführt werden. Diese umfasst obligatorisch Mikroskopie, PCR und den kulturellen Nachweis. „Das hilft uns einzuschätzen, ob ein Patient isoliert werden muss." Die PCR liefert binnen zwei Stunden ein Ergebnis und kann Resistenzen gegen Rifampicin und Isoniazid nachweisen.

Ist die Diagnose gesichert, gilt es, keine Zeit zu verlieren. Dr. Hilte Geerdes-Fenge von der Infektiologie und Tropenmedizin an der Universitätsmedizin Rostock erläuterte die Standardtherapie bei unkomplizierter Tuberkulose: Isoniazid und Rifampicin für sechs Monate, ergänzt durch Pyrazinamid und Ethambutol in den ersten zwei Monaten. Entsprechende Dosierrechner des Deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose (DZK) sind online kostenfrei verfügbar.

In jedem Fall müssen die Patientinnen und Patienten vor Beginn der Behandlung vorgewarnt werden, dass Rifampicin alle körpereigenen Sekrete und Ausscheidungen orangerot färbt. „Der Urin wird rot, die Tränenflüssigkeit wird rot. Wenn Sie ein weißes T-Shirt haben und weinen, dann geht das aber bei 60 °C raus“, sagte Dr. Geerdes-Fenge.

Betroffene erhalten chirurgische Mund-Nasen-Masken

Zunehmend relevant wird die multiresistente Tuberkulose (MDR-TB), insbesondere bei Erkrankten aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Dr. Geerdes-Fenge berichtete von einem Fall, in dem ein unerkannter Tuberkulosepatient aus einer ehemaligen Sowjetrepublik neun weitere Personen aktiv infizierte. In einer solchen Situation erhalten die Betroffenen mit TB eine chirurgische Mund-Nasen-Maske, das medizinische Personal schützt sich mit FFP2-Masken. Schutzkittel und Handschuhe sind nur bei intensivem Erregerkontakt erforderlich.

Auch nach abgeschlossener Therapie bestehen gewisse Risiken, die als sogenannte Post-TB-Syndrome beschrieben sind. So kann es zu obstruktiven Ventilationsstörungen kommen, zu Bronchiektasen und Fibrosierungen. Dr. Geerdes-Fenge empfahl, die Therapiedauer nicht starr auf sechs Monate zu begrenzen, sondern bis zum radiologischen Stillstand der Erkrankung fortzuführen. Eine durchgemachte Tuberkulose hinterlässt im Übrigen keine Immunität, erinnerte sie. Reinfektionen sind möglich und wurden beobachtet.

Im September 2025 ist die S3-Leitlinie „Tuberkuloseprävention bei neu zugewanderten Menschen (TB-Risk)“erschienen. Mit den Regelwerk sollen die in Deutschland offenkundig bestehenden diagnostischen Lücken geschlossen werden. „Die hausärztlichen Kolleginnen und Kollegen haben die Leitlinie leider noch viel zu wenig auf dem Schirm“, bedauerte Dr. Khatamzas.

* Impfung mit dem attenuierten Bakterium Bacillus Calmette-Guerin

Maximilian Rossol

Maximilian Rossol

Redakteur Medical Tribune
Maximilian Rossol ist seit Februar 2026 Medizinredakteur bei der Medical Tribune und auch viel im Bereich Social Media tätig. Zuvor schloss er sein Studium der Biomedizin an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ab. Danach arbeitete er als Doktorand im Feld der Neurobiologie an der Mainzer Universität, gefolgt von einer mehrjährigen Tätigkeit als freier wissenschaftlicher Autor. Mit einem Volontariat bei der Medical Tribune wechselte er ins Verlagswesen.

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