Reiseapotheke strukturiert planen und individuell zusammenstellen
Eine Reiseapotheke ist so individuell wie die Reise selbst: Ziel, Aktivitäten und gesundheitliche Voraussetzungen bestimmen den Inhalt. Wichtig sind Dauermedikamente in ausreichender Menge, eine sinnvolle Aufteilung zwischen Handgepäck und Koffer sowie die klare Strukturierung für den Notfall.
Die Reiseapotheke ist kein Einheitsprodukt. Ob jemand nach Spanien oder in den Senegal reist, ob Kinder mitfahren oder chronisch Kranke, ob Trekking oder Strandurlaub geplant ist – all das bestimmt die Zusammenstellung. Das Grundprinzip ist aber immer dasselbe: So groß wie nötig, so klein wie möglich, damit kleinere Notfälle selbstständig behandelt werden können, erklärt Dr. Mathias Wagner, Facharzt für Kinderheilkunde und Neonatologie in Berlin.
Dauermedikamente sollten sich bereits vor der Reise bewährt haben und individuell erprobt sein. Die letzten Tage vor Reiseantritt sind denkbar ungünstig für Umstellungen. Dr. Wagner empfiehlt, grundsätzlich die anderthalbfache Menge an Arzneimitteln mitzunehmen, die für den Zeitraum eigentlich erforderlich wäre. Eine Hälfte kommt ins Handgepäck, die andere verteilt man auf die übrigen Koffer und Taschen. Notfallmedikamente gehören grundsätzlich ins Handgepäck, so der Referent.
Große Sorgfalt ist geboten, wenn Patientinnen und Patienten mit schwerer Allergie auf Reisen gehen. Wer einen Autoinjektor aufgrund eines Anaphylaxierisikos benötigt, muss Begleitpersonen in die korrekte Handhabung einweisen. Dabei gilt es, einen häufigen Fehler beim Einsatz des Injektors zu besprechen: Im Eifer des Gefechts wird das Gerät oft zu schnell wieder entfernt, die Injektionsflüssigkeit verbleibt dann nicht vollständig im Gewebe.
Richtig lagern, clever organisieren: Was man bei Insulin und Reiseapotheke beachten muss
Beim Thema Insulin wird von Reisenden viel falsch gemacht, wusste der Referent. Während die Lagerung bei Raumtemperatur unproblematisch ist, wird es kritisch, wenn die Medikamente im Frachtraum eines Flugzeugs einfrieren. Dann wird das Insulin deaktiviert und wirkungslos, warnte Dr. Wagner. Menschen mit Diabetes sollten klären, ob der Frachtraum temperiert ist, und ihr Diabetesmedikament gegebenenfalls komplett im Handgepäck unterbringen.
Neben der richtigen Lagerung und dem angemessenen Inhalt kommt es bei der Reiseapotheke auch auf deren Organisation an. Bewährt hat sich die Aufteilung in thematische Päckchen, die z. B. mit „Kleine Wunden“ oder „Magen/Darm“ beschriftet werden. So muss im Ernstfall nicht das gesamte Sortiment durchsucht werden, so der Referent. Temperatursensible Produkte wie Zäpfchen oder angefertigte fettige Salben müssen bei Hitze gekühlt werden. Beipackzettel und Einnahmeanweisungen nimmt man immer mit, empfahl Dr. Wagner und erzählte eine Episode aus dem eigenen Berufsalltag: Eine Familie hatte, um Platz zu sparen, nur Pillen- und Tablettenblister eingepackt. Weil sie aber nicht wussten, welches Kind welches Medikament in welcher Dosis benötigte, mussten die Eltern von unterwegs in der Praxis anrufen.
Reiseapotheke für Kinder: Klein, aber komplett
Zur Basisausstattung der Kinderreiseapotheke gehören Fieberthermometer mit funktionstüchtiger Batterie, Nasenspray und fiebersenkende Arzneimittel. Hinzu kommen ein Pflastersortiment, Schere und Pinzette sowie antiseptische Salbe. Altersangepasster Sonnen- und Mückenschutz komplettiert die Grundausstattung.
Bei Magen-Darm-Beschwerden bleiben orale Rehydratationslösungen das Mittel der ersten Wahl. Allerdings werden sie von Kindern häufig nicht angenommen. Notfalls lassen sich die Lösungen auch selbst anmischen oder durch einen frisch geriebenen Apfel ersetzen, der natürliches Pektin enthält.
Für verschreibungspflichtige Medikamente benötigen die Patientinnen und Patienten möglicherweise eine ärztliche Bescheinigung. Bei Betäubungsmitteln wie Methylphenidat oder Lisdexamfetamin gelten besondere Regelungen. Für Reisen im Schengen-Raum ist eine Bestätigung der Landesgesundheitsbehörde nötig, außerhalb dieses Gebiets zudem eine Beglaubigung durch die Botschaft des Reiselandes. Betäubungsmittel dürfen maximal für 30 Tage mitgeführt werden. Bei längeren Aufenthalten müssen die Betroffenen im Reiseland eine Ärztin oder einen Arzt aufsuchen.
Jenseits von Medikamenten und Dokumenten verdienen Sonnen- und Insektenschutz Aufmerksamkeit, insbesondere bei Kindern. Denn 80 % der kumulierten Sonnenlichtexposition erfolgt in der Kindheit. Kinderhaut ist biologisch deutlich empfindlicher als die von Erwachsenen, machte Dr. Wagner deutlich. Neben schützender Kleidung und breitkrempiger Kopfbedeckung mit Nackenschutz sollte Sonnencreme mit Mikropigmenten oder Nanopartikeln verwendet werden, die UVA- und Infrarotstrahlung abschirmt. Wichtig ist, zunächst die Sonnencreme aufzutragen, bevor 20 bis 30 Minuten später das Repellent folgt. Wichtig ist regelmäßiges Nachcremen.
Beim Mückenschutz sind Citronella und Eukalyptusöl keine Alternativen
Beim Insektenschutz bleibt Diethyltoluamid (DEET) der Goldstandard, ergänzt durch Icaridin. Zugelassen sind Repellents in Deutschland ab dem sechsten Lebensmonat. 40 % der Mückenstiche erfolgen durch die Kleidung hindurch, wogegen eine Imprägnierung mit Permethrin für Abhilfe sorgen kann. Natürliche Mittel wie Citronella- oder Zitroneneukalyptusöl wirken nicht oder nur sehr kurz.
Ein weiteres Thema ist die Reisekrankheit. Sie entsteht, wenn Auge und Gleichgewichtssinn widersprüchliche Signale senden, inzwischen auch durch den Gebrauch von Smartphones oder VR*-Brillen. Prophylaktisch helfen vorwärtsgerichtetes Sitzen, frische Luft und leichte Mahlzeiten. Ablenkung durch sogenannte Horizontspiele, bei denen man den Blick in die Ferne richtet, hat sich bewährt. Als Medikament ist in Deutschland bei Kinetose nur Dimenhydrinat zugelassen. Naturheilkundlich können Ingwer, Akupressur und mentholhaltige Kaugummis helfen.
* Virtual Reality