Fibromyalgie
Das Fibromyalgiesyndrom (FMS) ist eine chronische Schmerzerkrankung mit Schmerzen in verschiedenen Körperregionen (Widespread Pain), Müdigkeit, unerholsamem Schlaf und kognitiven Beschwerden. Weitere häufige Symptome sind Kopfschmerzen, Krämpfe im Unterbauch und Depressionen.
Die Schmerzen beim Fibromyalgiesyndrom werden als noziplastisch, das muskuloskelettale System betreffend charakterisiert. Sie entstehen aufgrund einer veränderten Nozizeption im zentralen Nervensystem, d. h. es kommt zu einer Schmerzwahrnehmung, ohne dass eine Schädigung von Gewebe oder Nerven vorliegt. Zusätzlich werden Stressverarbeitung, Schlafstörungen, autonome Dysregulation sowie psychosoziale Faktoren als verstärkende Mechanismen diskutiert.
Die Punktprävalenz des FMS liegt in der deutschen Bevölkerung bei etwa 2 %. Frauen scheinen öfter betroffen zu sein als Männer, und das häufigste Manifestationsalter liegt zwischen 40 und 60 Jahren. Jenseits des 60. Lebensjahres nehmen die Beschwerden oft ab. Die Lebenserwartung ist beim Fibromyalgiesyndrom nicht beeinträchtigt. Allerdings leiden viele Patientinnen und Patienten schwer an ihrer Erkrankung, ihr Suizidrisiko ist gegenüber der Allgemeinbevölkerung erhöht.
Typische Symptome und Krankheitsverlauf beim Fibromyalgiesyndrom
Das klinische Bild des Fibromyalgiesyndroms ist durch eine Vielzahl chronischer Beschwerden gekennzeichnet, deren Ausprägung individuell sehr unterschiedlich sein kann. Die typischen Symptome des Fibromyalgiesyndroms (nach Häufigkeit geordnet) sind:
weit über den Körper ausgebreitete, chronische Schmerzen mit wechselnder Lokalisation und Intensität
Schlafstörungen und nicht erholsamer Schlaf
ausgeprägte Fatigue bzw. anhaltende körperliche und geistige Erschöpfung
kognitive Beeinträchtigungen („Fibro-Fog“) mit Konzentrationsstörungen, Vergesslichkeit und verlangsamten Denkabläufen, Sprach- und Wortfindungsstörungen
erhöhte Druckempfindlichkeit an zahlreichen Körperstellen
Muskelsteifigkeit, insbesondere nach Ruhephasen oder morgens
Kopf- und Unterbauchschmerzen
depressive Verstimmungen oder Depressionen
Sensibilitätsstörungen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühle an Händen und Füßen
Gleichgewichts- und Gangunsicherheit
Die Schmerzen werden insbesondere in der Muskulatur sowie an Sehnen-Knochen-Übergängen lokalisiert und können als Brennen, Ziehen, Stechen oder Muskelkater beschrieben werden. Oftmals unterliegen die Beschwerden tageszeitlichen Schwankungen, verstärken sich nachts oder nach Belastung und bessern sich bei leichter Bewegung. Im Krankheitsverlauf können zunächst eine zunehmende körperliche Einschränkung, verminderte Belastbarkeit sowie ein erhöhter Erholungsbedarf auftreten. Im Alter verringern sich die Beschwerden häufig.
Diagnostik: Wie ein Fibromyalgiesyndrom erkannt wird
Im Gegensatz zu früher gilt das FMS heute nicht mehr als Ausschlussdiagnose, sondern kann anhand charakteristischer Beschwerden und standardisierter Diagnosekriterien gestellt werden. Zur Diagnostik des Fibromyalgiesyndroms gehören:
ausführliche Anamnese mit Erfassung der typischen Beschwerden, des bisherigen Krankheitsverlaufs sowie bereits gestellter Diagnosen
Untersuchung auf eine generalisierte Druckschmerzhaftigkeit (Hyperalgesie), die frühere Untersuchung der 18 Tenderpoints nach den ACR-Kriterien von 1990 wird heute nicht mehr empfohlen.
Erhebung möglicher psychischer und psychosozialer Belastungsfaktoren sowie traumatisierender Ereignisse (z. B. Gewalt, Missbrauch oder belastende Lebensereignisse)
Anwendung standardisierter Erhebungsinstrumente, beispielsweise der modifizierten ACR-Kriterien (2016) sowie des Deutschen Schmerzfragebogens (DSF)
umfassende neuroorthopädische körperliche Untersuchung
Basislabor zur Abklärung möglicher Differenzialdiagnosen, insbesondere rheumatologischer, internistischer oder neuromuskulärer Erkrankungen. Bei Fehlen von Begleiterkrankungen sind die Laborbefunde in der Regel unauffällig, spezifische Laborparameter oder Marker für das FMS gibt es bisher nicht.
Diagnosekriterien des FMS
Zur Diagnose eines Fibromyalgiesyndroms werden nach den ACR-Kriterien von 2016 das Ausmaß des verbreiteten Schmerzes (Widespread-Pain-Index, WPI) sowie die Schwere der begleitenden Symptome (Symptom Severity Score, SSS) herangezogen.
Für den WPI markiert und summiert man die berichteten/untersuchten Schmerzstellen in der Widespread-Pain-Liste. Folgende Bereiche zählen dabei: Kiefer links/rechts, Schultergürtel links/rechts, Oberarm links/rechts, Unterarm links/rechts, Nacken, oberer Rücken, unterer Rücken, Brust, Bauch, Hüfte/Gesäß/Trochanter links/rechts, Oberschenkel links/rechts, Unterschenkel links/rechts in 4 von 5 Körperregionen (rechts oben, links oben, rechts unten, links unten und axial). Insgesamt lassen sich maximal 19 Punkte erzielen.
Die Schwere der drei Kernsymptome Müdigkeit, unerholsamer Schlaf und kognitive Beschwerden sind jeweils mit 0–3 zu bewerten, insgesamt sind 9 Punkte möglich. Je einen weiteren Punkt gibt es für Kopfschmerzen, Schmerzen oder Krämpfe im Unterbauch und Depressionen, also maximal 3. Der gesamte SSS ergibt demnach zwischen 0 und 12 Punkte.
Ein Fibromyalgiesyndrom liegt vor, wenn
die generalisierten Schmerzen in vier von fünf Körperregionen auftreten,
die Symptome seit mehr als drei Monaten bestehen und
der WPI ≥ 7 und der SSS ≥ 5 oder
der WPI 4–6 und der SSS ≥9 betragen.
Red Flags bei der Abklärung
Bei der Diagnose eines Fibromyalgiesyndroms müssen Warnzeichen beachtet werden, die eher für eine organische Erkrankung sprechen. Dazu gehören insbesondere
Fieber,
ungewollter Gewichtsverlust,
nächtlicher Ruheschmerz mit deutlicher Progredienz,
objektive Gelenkschwellungen,
Muskelschwäche,
neurologische Ausfälle oder
stark erhöhte Entzündungswerte im Labor.
Auch eine rasche Verschlechterung oder ein eindeutig lokalisiertes Schmerzbild spricht eher gegen ein Fibromyalgiesyndrom und sollte weiter abgeklärt werden.
Wichtige Differenzialdiagnosen des FMS
Tendopathien, entzündliche degenerative Wirbelsäulen- und Gelenkleiden
myofasziales Schmerzsyndrom (komplexe Schmerzsymptome durch Über- oder Fehlbelastung)
Polymyositis, Polymyalgia rheumatica
Psychosen oder psychosomatische Leiden
protrahierte Virusinfekte
Behandlung der Fibromyalgie
Die Patientinnen und Patienten sollten an erster Stelle umfassend über das Krankheitsbild Fibromyalgie informiert werden. Besonders wichtig ist der Hinweis darauf, dass es sich um eine funktionelle Störung und keine organische Erkrankung handelt und die Lebenserwartung normal ist. Zudem gilt es, gemeinsam realistische Therapieziele zu erarbeiten. Als solche gelten beispielsweise eine Reduktion der Schmerzen, Müdigkeit oder Schlafstörungen um mindestens 30 % oder eine Verbesserung des Allgemeinbefindens und der Alltagsfunktionalität.
Im Vordergrund stehen nichtmedikamentöse Maßnahmen wie regelmäßige Bewegung, psychosoziale Aktivierung, Entspannung, Schlafhygiene und Stressreduktion. Bei Bedarf können niedrig dosierte Medikamente ergänzend eingesetzt werden. Entscheidend ist die aktive Mitarbeit der Betroffenen. Auch der Austausch in Selbsthilfegruppen kann die Krankheitsbewältigung unterstützen.
Die Erfolgsaussichten der Therapie sind in den ersten zwei Erkrankungsjahren am höchsten. Die Erkrankung sollte daher möglichst frühzeitig diagnostiziert und behandelt werden.
Nichtmedikamentöse Therapie
Regelmäßige Bewegung ist ein zentraler Bestandteil der Behandlung des Fibromyalgiesyndroms und verbessert nachweislich Schmerzen, Lebensqualität sowie die körperliche Leistungsfähigkeit. Empfohlen wird ein langfristiges Trainingsprogramm mit drei Trainingseinheiten pro Woche, das Ausdauer- und angepasstes Krafttraining kombiniert; auch Pilates, Wassergymnastik oder Zumba können wirksam sein. Entscheidend ist, dass die Betroffenen eine Bewegungsform wählen, die ihnen Freude bereitet und sich dauerhaft in ihren Alltag integrieren lässt.
Wärmetherapie wirkt muskelentspannend und stressmindernd. Viele Patientinnen und Patienten mit Fibromyalgie berichten über eine spürbare Schmerzreduktion und eine bessere Lebensqualität. Typische Anwendungen sind Fango, Sauna, Infrarotlicht oder Wärmeauflagen. Bei übermäßiger oder dauerhafter Anwendung können jedoch Hautschäden wie ein „Erythema ab igne“ auftreten.
Kryotherapie kann Schmerzen kurzfristig lindern und die Lebensqualität verbessern. Sie wird häufig in Form von Kältekammern oder lokalen Kälteanwendungen eingesetzt. Die Verträglichkeit ist individuell unterschiedlich. Bei einigen Betroffenen treten vorübergehende Verschlechterungen wie Muskelsteifigkeit oder Schlafstörungen auf.
Für Yoga und Tai-Chi zeigen Studien moderate positive Effekte auf Schmerzen, Schlaf und Lebensqualität. Akupunktur kann kurzfristig eine leichte Schmerzlinderung bewirken, die Studienlage ist jedoch insgesamt heterogen. TENS zeigt nur bei regelmäßiger, ausreichend intensiver Anwendung und längerer Behandlungsdauer mögliche Effekte, die jedoch nicht bei allen Patientinnen und Patienten reproduzierbar sind.
Psychotherapie
Depressionen, Angststörungen, posttraumatische Belastungsstörungen sowie weitere affektive und somatoforme Störungen kommen bei Betroffenen mit Fibromyalgiesyndrom überdurchschnittlich häufig vor und stehen in enger Wechselwirkung mit Schmerzen, Schlafstörungen und Fatigue, wodurch die Lebensqualität zusätzlich stark eingeschränkt wird. Daher sind psychotherapeutische Verfahren ein wichtiger Bestandteil der Behandlung. Insbesondere verhaltenstherapeutische Ansätze, achtsamkeitsbasierte Methoden sowie digitale Gesundheitsanwendungen können die Schmerzen, Schlafprobleme und psychische Belastungen nachweislich verbessern, auch wenn die Verfügbarkeit geeigneter Therapieplätze im Alltag oft begrenzt ist.
Medikamentöse Therapie
Bei schwerem FMS sind Medikamente angezeigt – allerdings nur im Rahmen einer multimodalen Therapie. In Deutschland ist keine Substanz für das FMS zugelassen, die Einnahme erfolgt off-label. Grundsätzlich sollten Medikamente zunächst zeitlich befristet eingesetzt und dann die Wirkung nach sechs Monaten evaluiert werden.
Antidepressiva haben einen Einfluss auf die zentrale Schmerzverarbeitung, anfallssuppressive Medikamente sind vor allem bei neuropathieähnlicher Schmerzkomponente sinnvoll. Zum Einsatz kommen z. B. Duloxetin (SNRI), niedrig dosiertes Amitryptilin und Pregabalin (Anfallssuppressivum).
Häufige Fragen zur Fibromyalgie (FAQ): Was für Patientinnen und Patienten wichtig ist
Was ist der Unterschied zwischen Fibromyalgie und Fibromyalgiesyndrom?
Fibromyalgie wurde ursprünglich ein Beschwerdebild genannt, bei dem es hauptsächlich um chronischen, generalisierten Muskelschmerz und druckempfindliche Triggerpunkte ging. Heute ist Fibromyalgiesyndrom der bevorzugte Begriff, weil er die Krankheit umfassend beschreibt. Dazu gehören neben den Schmerzen auch Symptome wie Fatigue, Schlafstörungen und kognitive Einschränkungen (Fibro-Fog). In der Praxis werden beide Begriffe synonym verwendet.
Woran merkt man, ob Muskelschmerzen eher Fibromyalgie oder etwas Gefährlicheres sind?
Fibromyalgie macht sich typischerweise durch monatelange, wechselnde Muskelschmerzen im ganzen Körper bemerkbar, begleitet von Schlafproblemen, Müdigkeit und Konzentrationsstörungen. Sollten dagegen Fieber, starke Muskelschwäche, Atemnot, dunkler Urin, Schwellungen oder neurologische Symptome wie Taubheit auftreten, könnte eine andere Erkrankung dahinterstecken und es sollte eine Arztpraxis aufgesucht werden.
Gibt es eine spezielle Ernährung oder Diät, die bei Fibromyalgie hilft?
Es gibt keine spezielle Fibromyalgie-Diät, die wissenschaftlich eindeutig empfohlen wird. Allerdings zeigen Erfahrungen von Betroffenen und kleinere Studien, dass die Umstellung auf eine ausgewogene, pflanzenbetonte Ernährung mit wenig Fleisch, Zucker und Fertigprodukten die Symptome lindern kann.
Ist Fibromyalgie heilbar oder bleibt sie ein Leben lang?
Fibromyalgie ist eine chronische, nicht heilbare Erkrankung, aber sie muss das Leben der Betroffenen nicht dominieren. Mit einer konsequenten, multimodalen Therapie kann man die Symptome lindern und die Lebensqualität deutlich verbessern.
Wie fange ich mit Bewegung an, wenn ich wegen Fibromyalgie schon nach wenig Belastung Schmerzen habe?
Es ist völlig normal, dass bei Fibromyalgie schon nach wenig Belastung Schmerzen entstehen. Deshalb ist es wichtig, damit vorsichtig zu starten und die Belastung nur langsam zu steigern. Selbst minimale Bewegung ist besser als keine – und mit der Zeit wird der Körper sich daran anpassen.
Was ist Fibro-Fog?
Als Fibro-Fog oder Gehirnnebel bezeichnet man die schwankenden kognitiven Beeinträchtigungen, die bei Menschen mit FMS auftreten können. Typisch sind schnelle geistige Erschöpfung, Konzentrationsstörungen, Vergesslichkeit und erschwertes Multitasking. Die Ursache ist nicht geklärt. Fibro-Fog ist kein Hinweis auf eine Demenz.
Wo finde ich Patienteninformationen?
Patienteninformationen gibt es von der Deutschen Rheuma-Liga und vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).
Quellen
DGS Praxisleitlinie Fibromyalgie-Syndrom V3.0
S3-Leitlinie Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms 2017, in Überarbeitung)