Juvenile idiopathische Arthritis
Die Juvenile idiopathische Arthritis (JIA) ist bei weitem die häufigste im Kindesalter auftretende entzündlich-rheumatische Erkrankung. Etwa eines von 1.000 Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren ist betroffen – Mädchen häufiger als Jungen.
Der Beginn der Erkrankung ist meist schleichend. Gelegentlich wird eine Infektion oder ein Trauma im zeitlichen Zusammenhang mit dem Auftreten der Arthritis beobachtet. Bei den meisten Patienten lassen sich jedoch keine typische Auslösesituationen nachweisen.
Es werden verschiedene 7 Verlaufsformen dieser Erkrankung unterschieden, die sich hinsichtlich Gelenk- und Organbeteiligung, Behandlung und Prognose unterscheiden. Gemeinsames Merkmal ist die über mindestens sechs Wochen bestehende Gelenkentzündung unklarer Ursache bei einem Kind unter 16 Jahren.
a. Systemische juvenile Arthritis (Morbus Still, Still-Syndrom)
Beginn meist im Kleinkindalter
weniger als 10 % der Fällevon JIA
hohes Fieber intermittierendes (≥ 39 °C) über zwei Wochen und länger
Arthritis (meist polyartikulär, oft erst später im Verlauf auftretend
flüchtiges lachsfarbenes Exanthem
Miterkrankung innerer Organe
Polyserositis von Pleura und Perikard
Lymphknotenschwellung
Leukozytose, Thrombozytose, Anämie, stark erhöhte Entzündungwerte
unterschiedliche Verlaufsformen, z.T. sehr schweres Krankheitsbild
Rheumafaktor und ANA negativ
b. Polyarthritis (Rheumafaktor-negativ)
symmetrische Manifestation bei > 4 großen und kleinen Gelenken
Auftreten im Kleinkindalter
Mädchen häufiger als Jungen betroffen
ANA bei 25 % positiv
c. Polyarthritis (Rheumafaktor-positiv)
symmetrische Manifestation bei > 4 großen und kleinen Gelenken
Auftreten vor allem in der Präpubertät
frühzeitig destruierend
Mädchen > Jungen
ANA bei 75 % positiv
d. Oligoarthritis
mit etwa 50 % häufigste Form der JIA
asymmetrische Manifestation
1–4 Gelenke über mehr als 6 Monate betroffen
meist Kleinkindalter
in ca. 50 % Iridozyklitis mit sehr schweren Verlaufsformen
in einigen Fällen nimmt die Zahl der betroffenen Gelenke nach 6 Monaten zu (extended Oligoarthritis)
Mädchen > Jungen
ANA bei 80 % positiv
e. Arthritis mit Enthesitis
oligoartikulärer Beginn
Bursitis, Enthesitis
häufig anteriore Uveitis (Iridozyklitis)
häufig Schulter betroffen
Jungen > Mädchen
häufig Leukozyten Antigen B27 (HLA-B27) positiv
f. Psoriasisarthritis
Arthritis und Psoriasis (oder zwei der 3 Kriterien Daktylitis, Nagelveränderungen Psoriasis bei Verwandten 1. Grades)
positiver RF ist Ausschlusskriterium
g. Andere Arthritiden
erfüllen nicht die Kriterien von a bis f oder erfüllen die Kriterien mehrerer Subtypen
Die Prognose lässt sich im Einzelfall nicht vorhersagen – sie hängt aber auch von einer frühzeitigen Diagnose und adäquaten Therapie ab.
Symptomatik
Die Gelenkentzündung äußert sich mit Schmerzen, Schwellung, Überwärmung und Bewegungseinschränkung – selten besteht auch eine Rötung. Bei sehr jungen Kindern können auch Verhaltensauffälligkeiten, wie „sich tragen lassen“, Entwicklungsrückschritte oder eine ausgeprägte Schonhaltung auf die Erkrankung hinweisen.
Typische sind morgendliche Gelenkschmerzen (Morgensteife) oder Schmerzen nach längerer körperlicher Inaktivität. Unbehandelt kann es durch die schmerzbedingte Schonhaltung zu Fehlbelastungen, dauerhaften Fehlstellungen, Beugeschonhaltung des Gelenks mit Muskelkontrakturen und Asymmetrien der Körperachse kommen.
Entzündungsbedingte lokale Wachstumsstörungen können zu Folgen wie Beinlängendifferenz, Knick-Senk-Fuß, X-Stellung des Knies oder Skoliose führen.
Häufigste Organmanifestation der JIA ist die rheumatische Uveitis, die bei etwa 15 % aller Patienten beobachtet wird. Besonders häufig betroffen sind Kinder mit Oligoarthritis. Die Iridozyklitis betrifft vor allem Verlaufsformen mit ANA-Nachweis (hier oft symptomlos oder –arm) oder die Arthritis mit Enthesitis HLA B 27-Nachweis (meist ausgepägte Symptomatik mit Rötung, Lichtscheu und Schmerzen).
Abhängig von der Form der JIA sind Beteiligungen von Herz, Nieren, Haut sowie Störungen des Immunsystems möglich.
Untersuchung
Bei der körperlichen Untersuchung lassen sich je nach Verlaufsformen entzündliche Veränderungen an den Gelenken nachweisen (Schwellung, Überwärmung, Bewegungseinschränkung).
Nachweis verschiedener Organmanifestation vor allem bei der systemischen Form:
Lymphknotenschwellungen
Vergrößerung von Milz und Leber
Perikard- oder Pleurareiben bei der Auskultation
Labor
Es gibt keinen beweisenden Test für die Diagnose einer JIA – letztendlich handelt es sich um eine Ausschlussdiagnose. Wichte Hinweise können Anamnese, körperlicher Untersuchungsbefund, Bildgebung sowie Laboruntersuchungen geben, die alle zusammen betrachtet werden müssen (Mosaikdiagnose).
Laboruntersuchungen:
Unspezifische Entzündungszeichen (=Aktivitätszeichen)
BSG und CRP↑
α-/γ-Globuline ↑
Eisen i.S.↓, Ferritin ↑
normo/hypochromie Entzündungsanämie
evtl. leichte Thrombozytose und Leukozytose
Rheumafaktor
positiv vor allem bei Polyarthritis älterer Kinder
Antinukleäre Antikörper (ANA)
vor allem bei Oligoarthritis
Bildgebung zum Nachweis von Knorpel- und Gelenkveränderungen
Arthrosonographie (z.B. Nachweis von Synovialitis, Tendinitis, Bursitis)
Kontrastmittel-MRT (Nachweis von Knochenödem)
Röntgen
Differenzialdiagnostik
Wichtige Differenzialdiagnosen im Kindesalter sind:
rheumatisches Fieber nach Streptokokkeninfekt (heute sehr selten)
Lyme-Arthritis nach Borrelieninfektion
infektiöse (septische) Arthritis
reaktive Arthritis/Arthralgie nach Infekten
Kollagenosen
primäre Vaskulitiden
Pharmakotherapie und nichtinvasive Therapie
Eine kausale Therapie der JIA steht aufgrund der unbekannten Ätiologie nicht zur Verfügung.
Ziele der Therapie sind:
rasche und effektive Entzündungsbehandlung mit entsprechender Schmerzbekämpfung
Kontrolle der Grunderkrankung und ggf. Remissionsinduktion
Vermeidung von körperlicher Behinderung durch Gelenkkontrakturen, Gelenkdestruktion und Wachstumsstörung in den betroffenen Gelenken mit der Folge von Fehlstellungen
Erhalt der Sehkraft bei Augenbeteiligung
Vermeidung der Schädigung innerer Organe
Gewährleistung einer weitgehend störungsfreien somatischen und psychosozialen Entwicklung der Kinder und Jugendlichen
Medikamentöse antientzündliche Therapie
Oligoarthritis
Mittel der ersten Wahl sind NSAR (Diclofenac, Naproxen, Ibuprofen und Indometacin, ggf auch Celecoxib)
bei unzureichender Wirkung zusätzlich intraartikuläre Glukokortikoid-Injektionen
bei nicht ausreichender Wirkung zusätzlich DMARDs wie Methotrexat
Polyarthritis
Mittel der ersten Wahl NSAR
bei hoher Aktivität in Kombination mit lokalen oder systemischen Glukokortikoiden
bei unzureichender Wirkung zusätzlich DMARD (in der Regel Methorexat)
bei unzureichender Wirkung und niedriger Aktivität TNF-alpha-Blocker + NSAR (+/- lokale oder systemische Glukokortikoide), bei hoher Aktivität Methotrexat + TNF-alpha-Blocker +NSAR (+/- lokale oder systemische Glukokortikoide)
Systemische JIA
NSAR + systemische Glukokortikoide (hochdosiert oder Pulstherapie)
bei unzureichender Wirkung zusätzlich Methotrexat
reicht dies nicht aus, Kombination mit Biologika (+/- Methotrexat)
Biologika
Als Biologika können TNF-alpha-Blocker, Interleukin-1-Inhibitoren, Interleukin-6-Inhibitoren und Kostimulationsantagonisten (Abatacept) eingesetzt werden. Dabei sollte der jeweilige Zulassungsstatus für die jeweilige Altersgruppe beachtet werden.
Andere Basistherapeutika
Wenn Methotrexat und TNF-alpha-Blocker nicht eingesetzt werden können, wird als Alternative auch Sulfasalacin (vor allem bei Arthritis mit Enthesistis) oder Leflunomid empfohlen.
Nicht-medikamentöse Therapien:
Eine regelmäßige adäquate Physio- und Ergotherapie mit Anleitung durch spezilisierte Therapeuten sind wichtige Eckpfeiler in der langfristigen Versorgung von Patienten mit JIA.
Therapieziele der Physiotherapie sind:
Entspannung und Schmerzlinderung
Erhalten bzw. Wiederherstellen der normalen Gelenkbeweglichkeit
Vermeiden von Kontrakturen
Dehnen und Aktivieren der entsprechenden Muskulatur
Aufbau der Muskelkraft
Bahnen physiologsicher Bewegungsabläufe
Ergotherapie:
Verbesserung körperlicher und sozialer Folgeerscheinungen
funktionelle Therapie mit passiv-assistivem Bewegen der oberen Extremität (speziell der Hand- und Fingergelenke)
funktionelles Training über spezielle handwerkliche Materialien
Hilfsmittel
Speziell angefertigte Hilfsmittel zur Korrektur von Achsenabweichungen, Vermeidung von Fehlbelastungen, Stabilisierung der Gelenke (z.B. Hand-, Finger-, Fußorthesen) können nach individueller ärztlicher Empfehlung hilfreich sein.
Thermotherapie
Kälteanwendungen (z.B. Kältekammer, Kaltluft, Eis, Alkoholwickel, Cryopacks) können im akuten Stadium schmerlindernd, entzündungshemmend und abschwellend wirken.
Im nicht-akuten Stadium können Wärmeanwendungen (z.B. Fangopackungen, heiße Rolle, Gel-Packungen) schmerzlindernd und muskelentspannend wirken.
Weitere Maßnahmen:
Ultraschalltherapie
Elektrotherapie
TENS
Massagen
Lymphdrainagen
Generell sollten die Kinder und Jugendlichen abhängig von Gelenkbefall und Krankheitsaktivität zu sportlichen Aktivitäten im Rahmen der Möglichkeiten motiviert werden. Gelenkentlastende und -schonende Sportarten sind dabei zu bevorzugen.
Psychologische und soziale Interventionen
Es sollte im Rahmen der Regelversorgung eine frühzeitige psychologische Betreuung erfolgen, um psychische Probleme und spezifische Verhaltensauffälligkeiten zu erfassen und zu behandeln. Auch eine sozialpädagogische Betreuung (vor allem in Hinblick auf Integration in Schule, Berufsausbildung und Alltag) sowie eine Eltern-Patienten-Schulung werden empfohlen.
Invasive und Interventionelle Therapie
Wenn alle konservativen Methoden nicht zum Erfolg führen, kann eine arthroskopische oder offenene Synovialektomie in Betracht gezogen werden.
In Fällen einer refraktären schweren JIA kann in Einzelfällen nach Ausschöpfung aller anderen Maßnahmen eine autologe Stammzelltransplantation in Erwägung gezogen werden.
Leitlinien
1. Herold - Innere Medizin 2017
Aktualisierte, interdisziplinäre S2-Therapieleitlinie der Juvenilen Idiopathischen Arthritis (2. Auflage) – Stand 2011 AWMF 027/020
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