Unspezifische Kreuzschmerzen richtig einordnen und behandeln
Wenn der untere Rücken schmerzt, ist die Ursache oft schwer zu fassen. Aufklärung, Beratung und ein aktiver Umgang mit den Beschwerden bilden die Basis der Therapie.
Mehrere hundert Millionen Menschen weltweit leiden an akuten oder chronischen Schmerzen im Bereich des unteren Rückens. Die Beschwerden zwischen Rippenbogen und Gesäßfalte, die bis in die Beine ausstrahlen können, machen das Gehen und Bücken, langes Sitzen oder Stehen für viele zur Belastung. Etwa ein Drittel der Betroffenen erinnert sich an kein auslösendes Ereignis, und bei 76 % handelt es sich nicht um die erste Schmerzepisode dieser Art.
Die Prävalenz der Erkrankung steigt mit dem Alter an und erreicht ihren Höchststand bei 85 Jahren. Der Kreuzschmerz ist bei Frauen häufiger als bei Männern. Zu den wichtigsten Risikofaktoren zählen:
höheres Lebensalter
Übergewicht
psychische Erkrankungen
chronische Erkrankungen (z. B. Diabetes)
Tabakkonsum
körperliche Arbeit
vorherige Rückenschmerzepisoden
Meist steckt hinter den Beschwerden keine ernste strukturelle Erkrankung, berichtet ein Team um Dr. Aidan Cashin von der University of New South Wales in Sydney. Die Autorengruppe wertete 108 Publikationen aus, darunter klinische Studien, Metaanalysen und internationale Leitlinien.
Fieber und andere Alarmzeichen richtig deuten
Bei etwa 5–10 % der Betroffenen decken Anamnese und körperliche Untersuchung eine spezifische Schmerzquelle wie eine lumbale Radikulopathie oder eine Spinalkanalstenose auf, schreiben Dr. Cashin et al. Warnzeichen wie Trauma, Fieber oder neu aufgetretene Blasen- oder Darmfunktionsstörungen können auf Wirbelkörperfrakturen, Wirbelsäuleninfektionen oder ein Cauda-equina-Syndrom hinweisen. Obwohl deren Prävalenz bei jeweils unter 1 % liegt, erfordern diese Erkrankungen, ebenso wie fortschreitende neurologische Defizite, eine sofortige Bildgebung. Auch maligne Erkrankungen sowie von inneren Organen oder dem Gefäßsystem ausgehende projizierte Schmerzen müssen differenzialdiagnostisch geklärt werden.
In über 90 % der Fälle findet sich keine eindeutige pathoanatomische Ursache für die Rückenprobleme. Lässt sich weder eine wirbelsäulenbezogene noch eine andere Erkrankung als Auslöser nachweisen, folgt die Diagnose unspezifischer Kreuzschmerz. Die verschiedensten körperlichen, psychischen oder sozialen Faktoren können an der Entstehung beteiligt sein:
Muskelverspannungen
Angststörungen
Depressionen
berufsbezogene Auslöser
soziodemografische Einflüsse
Von einer routinemäßigen Bildgebung bei unspezifischen Beschwerden raten die Autorinnen und Autoren ab. Sie zeigt häufig lediglich alters- und verschleißbedingte Veränderungen und kann zu Überdiagnostik führen.
Akute Rückenschmerzen haben eine gute Prognose
Ärztinnen und Ärzte sollten die Schmerzen der Betroffenen ernst nehmen und anerkennen, dass sie eine erhebliche Belastung darstellen, betonen Dr. Cashin et al. Gleichzeitig gilt es zu vermitteln, dass insbesondere akute unspezifische Schmerzen im unteren Rücken (kürzer als sechs Wochen Dauer) eine gute Prognose haben: 72 % der so Betroffenen erholen sich innerhalb eines Jahres.
Im Vordergrund der Therapie stehen Aufklärung, Förderung von körperlicher Aktivität und aktives Selbstmanagement. Die Patientinnen und Patienten sollten wissen, dass hinter den Schmerzen in der Regel keine gefährliche Ursache steckt und Bewegung nicht schadet. Ergänzend können Wirbelsäulenmanipulation, Wärmebehandlungen, Akupunktur oder Massagen kurzfristig Linderung verschaffen.
Für Sport- und Physiotherapie in der akuten Phase des Kreuzschmerzes ist hingegen nur ein begrenzter Zusatznutzen belegt. Auch ohne Behandlung bessern sich die Symptome oft schon innerhalb von sechs Wochen deutlich. Sind Medikamente erforderlich, sind NSAR erste Wahl. Muskelrelaxanzien können verordnet werden.
Chronischen Kreuzschmerzen: Bewegung statt Schonung
Bei chronischen Beschwerden (länger als zwölf Wochen Dauer) stehen ebenfalls nichtpharmakologische Maßnahmen im Mittelpunkt. Neben Information und Beratung ist besonders die körperliche Aktivierung entscheidend. Betroffene sollen ermutigt werden, ihren Alltag weitgehend normal weiterzuführen. Sie müssen verstehen, dass sich ihre Funktionsfähigkeit verbessern kann – auch dann, wenn die Schmerzen womöglich nicht vollständig verschwinden. Die Prognose beim chronischen Kreuzschmerz ist zwar ungünstiger als bei akuter Symptomatik, dennoch erholen sich 42 % der hiervon betroffenen Patientinnen und Patienten innerhalb eines Jahres vollständig.
Physio-, Bewegungs- und Psychotherapie werden – auch in Kombination – bei chronischen Beschwerden befürwortet. Begleiterkrankungen wie Depressionen sollten umgehend erkannt und konsequent behandelt werden. Dem Autorenteam zufolge bieten Medikamente meist keinen größeren Nutzen als die nichtpharmakologischen Maßnahmen.
Bei Bedarf bleiben NSAR als Pharmakotherapie die erste Wahl. Paracetamol, Kortikosteroide und Muskelrelaxanzien werden hingegen in internationalen Leitlinien nicht empfohlen. Die Evidenz zur Wirksamkeit von invasiven Verfahren ist begrenzt. Die Autorengruppe rät, solche Maßnahmen erst dann zu erwägen, wenn konservative Therapien über mindestens ein Jahr erfolglos geblieben sind.
Cashin AG et al. JAMA 2026; doi: 10.1001/jama.2026.9631