Digitale Abhängigkeit bei Jugendlichen

Wenn Social Media den Verstand frackt

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Immer mehr Jugendliche leiden unter Unruhe, Schlafstörungen und Panikattacken – ausgelöst durch exzessive Smartphone- und Social-Media-Nutzung. Forschende warnen: Plattformen wie TikTok betreiben „Fracking des Verstandes“.

Das ist Fracking des Verstandes

Digitalisierung macht unser Leben leichter. Auch wir kommunizieren heute mit den Patientinnen und Patienten ganz selbstverständlich via Messenger-App des PVS-Anbieters. Das Smartphone ist nirgendwo mehr wegzudenken. Und auch viele Kinder und Jugendliche legen es kaum mehr aus der Hand.

Schlafstörungen, Unruhe, Ängste, Panikattacken

Gleichzeitig werden wir Haus-ärztinnen und Hausärzte zunehmend von insbesondere sehr jungen Menschen mit nervösen Beschwerden konsultiert. Im Vordergrund stehen dabei Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen, innere Unruhe bis hin zu Ängsten und Panikattacken. Und das ist nicht nur meine Wahrnehmung: Datenauswertungen der Krankenkassen zufolge nehmen die F-Diagnosen stark zu.

Warum ist das so? Sicher war die Coronazeit nicht hilfreich, Kinder und Jugendliche in vulnerablen Phasen ihrer Entwicklung zu unterstützen. Aber das allein ist es nicht, was unsere Jungen psychisch anfällig gemacht hat. Die Gehirne von Kindern werden heute mit einem Vielfachen der Gigabits pro Sekunde geflutet, die die Gehirne der Generationen davor verarbeiten mussten. Ein Reichtum an Informationen schafft aber oft eine Armut an Aufmerksamkeit. Die Aufmerksamkeitsspanne nimmt immer weiter ab. TikTok liefert im Sekundentakt neuen Content und steht ganz besonders im Verdacht, süchtig zu machen.

Kinder in meiner hausärztlichen Sprechstunde wie etwa die 13-jährige Esra (Name geändert), die unter chronischen Bauch- und Kopfschmerzen leidet, sind kein Einzelfall. Esra wirkt im Gespräch auffallend fahrig. Ihr Konsum von sozialen Medien beträgt täglich mehrere Stunden, trotz hohem IQ sind ihre schulischen Leistungen stark eingebrochen, sie kann sich kaum konzentrieren. Ihr Smartphone gibt ständig Geräusche von sich, während wir sprechen. Wir untersuchten Magen und Darm, testeten, ob sie bestimmte Lebensmittel nicht verträgt, analysierten ihr Blut. Im Zusammenspiel mit dem Jugendpsychologen stand schließlich fest, dass die Bauch- und Kopfschmerzen bei ihr Symptome für Stress sind. Aber Esra findet allein keinen Weg aus dem Sog, den TikTok und Instagram auf sie ausüben. Sie fühlt sich ohne ihr Handy ,,wie amputiert“.

Der Wissenschaftler Graham Burnett beschäftigt sich seit Langem mit dem Thema Aufmerksamkeit in der digitalen Welt. Die Plattformökonomie sozialer Medien betreibt seiner Auffassung nach „human fracking“. Der Begriff beschreibt, wie digitale Systeme tief in die geistige Umwelt eingreifen und Aufmerksamkeit „extrahieren“, oft zulasten von tiefer, sinnvoller Konzentration. Intensive oder suchtartige Nutzung von TikTok, Instagram, YouTube u. a. führt zum Fracking des Verstandes und der Aufmerksamkeit.

Wie wirkt die unbegrenzte Nutzung sozialer Medien?

Australien hat den Zugang zu sozialen Medien für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren verboten. Auch in Deutschland werden ähnliche Forderungen lauter. Vielleicht ist das Thema tatsächlich nicht mehr anders zu regeln. Zu lange haben wir es versäumt, gesamtgesellschaftlich zu diskutieren, was die unbegrenzte Nutzung sozialer Medien mit unseren Kindern und Jugendlichen macht, und die Schlüsse daraus zu ziehen.

Hausarztpraxen sind oft wie Seismografen für gesellschaftliche Probleme. Ein Störgefühl, dass sich hier etwas Ungutes anbahnt in Bezug auf die psychische Gesundheit und Konzentrationsfähigkeit unserer Kinder und Jugendlichen, teilen sicher viele Kolleginnen und Kollegen. Bleibt zu hoffen, dass Politik hier gute und schnelle Lösungen findet – bevor die nächste Epidemie droht.

Die Gehirne der Kinder werden heute mit einem Vielfachen der Gigabitspro Sekunde geflutet, die die Generationen davor verarbeiten mussten    

Prof. Dr. Nicola Buhlinger-Göpfarth

Prof. Dr. Nicola Buhlinger-Göpfarth ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und seit 2002 als Hausärztin in eigener Praxis in Pforzheim (Baden-Württemberg) tätig. Seit 2017 engagiert sie sich im Vorstand des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes Baden-Württemberg und ist seit 2022 dessen Co-Vorstandsvorsitzende. Seit 2023 ist sie zudem Co-Bundesvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes. Darüber hinaus hat sie seit 2021 eine Professur für Physician Assistance an der EU|FH Köln inne. Prof. Dr. Buhlinger-Göpfarth ist Mitglied der Vertreterversammlungen von KBV, KV Baden-Württemberg und der Landesärztekammer Baden-Württemberg sowie Vorstandsmitglied des Verbandes „Spitzenfrauen Gesundheit“.