Neuer Therapieansatz bei Mitochondriopathie

Wirkstoff aus Potenzmittel hilft bei Leigh-Syndrom

Aus der Fachliteratur
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Auf Basis von erfolgreichen Experimenten am Tiermodell wurde Sildenafil für die Studie im Rahmen individueller Heilversuche bei sechs Patientinnen und Patienten mit Leigh-Syndrom im Alter zwischen 9 Monaten und 38 Jahren eingesetzt.

Ein bekannter Potenzmittel-Wirkstoff zeigt ungeahnte Wirkung: Sildenafil verbesserte in einer Studie bei Patientinnen und Patienten mit Leigh-Syndrom die Zellfunktion. Forschende sehen darin Hoffnung für eine bislang unheilbare Krankheit.

Inhaltsverzeichnis

Ein interdisziplinäres Forschungskonsortium aus Deutschland und mehreren europäischen Ländern hat den PDE-5-Hemmer Sildenafil – bekannt als Potenzmittel – als Therapiekandidaten für das Leigh-Syndrom identifiziert.

Seltene und bisher unheilbare Erkrankung

Das Leigh-Syndrom gehört zu den Mitochondriopathien, also Erkrankungen des zellulären Energiestoffwechsels. Genetische Mutationen führen zu einer fehlerhaften Funktion der Mitochondrien, wodurch der Energiestoffwechsel gestört wird. Dies verursacht Gewebsschädigungen und Nekrosen im Gehirn. Die Erkrankung manifestiert sich meist im Säuglings- oder Kleinkindalter mit schwerwiegenden Symptomen wie Muskelschwäche, epileptischen Anfällen, Lähmungen, Atemstörungen sowie einer verzögerten geistigen Entwicklung. Die Lebenserwartung der Betroffenen ist stark eingeschränkt; die meisten Kinder versterben innerhalb weniger Jahre nach Diagnosestellung. Eine zugelassene medikamentöse Therapie existiert bisher nicht. Mit einem Fall je 36.000 Lebendgeburten zählt das Leigh-Syndrom nach europäischer Klassifikation zu den seltenen Erkrankungen.

Größtes Wirkstoffscreening zum Leigh-Syndrom

Unter der Leitung von Prof. Dr. Alessandro Prigione, Universitätsklinikum Düsseldorf, und Prof. Dr. Markus Schülke, Charité – Universitätsmedizin Berlin, nutzten die Forschenden einen innovativen methodischen Ansatz: Aus Hautzellen der Patient:innen wurden im Labor induzierte pluripotente Stammzellen erzeugt, die anschließend in Nervenzellen und dreidimensionale Gehirnorganoide differenziert wurden. Diese Modelle bilden den krankhaften Energiestoffwechsel des Leigh-Syndroms zuverlässig nach.

Auf dieser Grundlage führte das Team das bislang größte Wirkstoffscreening zum Leigh-Syndrom durch: Über 5.500 Substanzen – darunter bereits für andere Erkrankungen zugelassene Wirkstoffe mit vorhandenen Sicherheitsdaten – wurden an den patientenspezifischen Nervenzellen getestet. Dabei identifizierten die Forschenden Sildenafil als wirksamen Kandidaten: Der Wirkstoff verbesserte die elektrische Funktionsfähigkeit der Nervenzellen, förderte das Wachstum der Nervenzellen in Gehirnorganoiden, verbesserte den Energiestoffwechsel und erhöhte die Lebenserwartung im Tiermodell.

Pilotstudie mit sechs Betroffenen

Auf Basis dieser Befunde wurde Sildenafil im Rahmen individueller Heilversuche bei sechs Patientinnen und Patienten mit Leigh-Syndrom im Alter zwischen 9 Monaten und 38 Jahren eingesetzt – zunächst an der Charité, danach in Düsseldorf, München und Bologna. Alle Betroffenen vertrugen das Medikament insgesamt gut. Bei allen sechs Behandelten zeigte sich ein positiver Effekt auf den Krankheitsverlauf. Insbesondere Muskelkraft und Erholung von metabolischen Krisen verbesserten sich deutlich.

Prof. Schülke berichtete von einem Kind, dessen Laufstrecke sich unter Sildenafil-Behandlung von 500 auf 5.000 Meter verzehnfachte. Bei einem anderen Kind wurden nahezu monatlich auftretende Stoffwechselkrisen vollständig unterdrückt, ein drittes Kind hatte keine epileptischen Anfälle mehr.

Orphan-Drug-Status und geplante klinische Studie

Auf Basis dieser Ergebnisse hat die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) Sildenafil den Status eines Orphan-Arzneimittels (ODD) zuerkannt, was ein vereinfachtes Zulassungsverfahren ermöglichen kann. Im nächsten Schritt plant das Forschungskonsortium im Rahmen des EU-Projekts SIMPATHIC eine europaweite, placebokontrollierte klinische Studie, um die Wirksamkeit und Sicherheit von Sildenafil bei einer größeren Patient:innengruppe zu belegen und eine formale EMA-Zulassung vorzubereiten.

Sildenafil bietet dabei ein bereits gut dokumentiertes Sicherheitsprofil: Der Wirkstoff ist bei Erwachsenen gegen Erektionsstörungen zugelassen und wird aufgrund seines gefäßerweiternden Effekts auch bei Säuglingen mit pulmonal-arterieller Hypertonie eingesetzt. Für die Langzeitanwendung bei Kindern liegen bereits ausführliche Sicherheitsdaten vor.

Zink A et al. Cell 2026; doi: 10.1016/j.cell.2026.02.008

Pressemitteilung – Charité – Universitätsmedizin Berlin

Pressemitteilung – Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf