AU-Pflicht ab dem ersten Tag und keine telefonische Vorstellung mehr – das hat neben übervollen Praxen noch weitere Konsequenzen. Und auch die gefallen niemandem. Ein Kommentar.
Die Abschaffung der telefonischen Arbeitsunfähigkeit wird hart kritisiert – insbesondere in Kombination mit einer AU-Pflicht ab dem ersten Tag. Welche politischen Ziele Friedrich Merz damit verfolgt, soll uns an dieser Stelle egal sein. Interessant ist, was es auslöst, wenn es umgesetzt wird. Denn nach heutigem Stand verspricht es, ein sehr schlechter Tausch zu werden: Telefon-AU gegen viele, viele Praxisbesuche – oder Video-AU.
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Das größte Problem ist die resultierende Zusatzbelastung der Ärztinnen und Ärzte. Denn auch, wenn die Möglichkeit, Video-AU auszustellen, nach Entlastung klingt: Vor der Kamera sitzt trotzdem eine Ärztin bzw. ein Arzt und kümmert sich in dieser Zeit nicht um die Kranken, die mehr als ein Formular brauchen. Das hat man wohl übersehen.
Was die Entscheidung aber wohl auch auslöst, ist ein alternativloser, ein erzwungener Schritt zu einer digitalen Umstrukturierung. Aktuell kann das Angebot an Videosprechstunden die entstehende Nachfrage nicht auffangen. Es entsteht also eine „Marktlücke“, die die Praxen füllen müssen – egal wie gewaltig sie ihre Organisation dafür umkrempeln müssen! Denn tun sie das nicht, tun es andere: Online-Portale, die heute schon AU ohne Untersuchung ausstellen. Die Forderung mancher Krankenkasse, KI-gestützten Ersteinschätzungsportalen mehr Befugnisse einzuräumen, stößt in die gleiche Lücke. Die digitalen Alles-Problemlöser können das mit der Krankschreibung dann mal eben mitmachen.
Und der zweite Kollateralschaden dieser Zwangsumstrukturierung: Menschen werden abgehängt. Denn nicht alle sind Digital Natives oder Zoom-erprobte Best Ager. Nicht alle haben die erforderliche Infrastruktur wie einen schamfreien Raum, eine stabile Internetverbindung und ein Gerät, an dem sich würdevoll über körperliche oder seelische Schwächen reden lässt.
Was also eintreten kann, ist eine Umwälzung, die keiner will. Die Praxen nicht, weil sie erneut ihre Abläufe unter Druck völlig neu erfinden müssen. Die Patientinnen und Patienten nicht, weil sie dann krank vor einem Bildschirm sitzen müssen und bangen, dass Technik und Termin funktionieren. Und die Arbeitgeber eigentlich auch nicht, weil sie nämlich mehr Krankschreibungen erhalten werden, die gleich über eine ganze Woche gehen. Womit sicher zu rechnen ist.
Wenn aber alle nur verlieren, muss das ein Grund für die Politik sein, gegenzusteuern. Und nicht, die Fahrt Richtung immer mehr Belastung ohne Mehrwert weiter zu beschleunigen.