Kommentar

Funkstille nach der Diagnose

Aus der Redaktion
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Wenn sich nach einer Krebsdiagnose Freunde und Bekannte zurückziehen, sind Betroffene oft völlig fassungslos. Man dürfe Cancer Ghosting nicht persönlich nehmen, meinen Fachleute. Wenn das so einfach wäre! Ein Kommentar.

Vor anderthalb Jahren hat es meine Nachbarin kalt erwischt – Zufallsbefund Brustkrebs. Was dann folgte, war ein onkologischer Vollzeitjob, wie sie es nannte, mit OP, Chemo, Radiatio, Antikörpern, Antihormonen, Bisphosphonaten einschließlich entsprechender Nebenwirkungen.

Bewältigt hat sie die schwere Zeit weitgehend allein. Der Sohn wohnt weit weg, dem Ex-Mann war die Situation keinen freundschaftlichen Besuch wert, viele Bekannte hatten plötzlich kaum mehr Zeit oder meldeten sich nicht zurück, nachdem sie von der Diagnose erfahren hatten.

Ist das normal? Mir scheint es fast so, denn für die Kontaktsperre gibt es einen Namen: Cancer Ghosting. Psychoonkologinnen und Psychoonkologen zufolge ist das Phänomen weitverbreitet, bis zu 65 % der Betroffenen berichten davon. Ist dieses Verhalten ein Auswuchs unserer digitalisierten Gesellschaft, in der anonyme Likes wichtiger sind als Freunde in Not? Oder greift das St.-Florians-Prinzip („verschone mich, zünd’ andere an“), wenn aus allen Ecken der Welt täglich schlechte Nachrichten auf einen einprasseln?

Nein, hinter dem Wegducken stecken eigene Betroffenheit, Hilflosigkeit oder  Überforderung. Und die Angst, etwas Falsches zu sagen oder Unsensibles zu tun. Tatsächlich sind Bemerkungen wie „Meine Tante hatte auch Brustkrebs und das ist gut ausgegangen“, „Bleib positiv“ oder weinende Emojis und „Du Arme, ich könnte das ja nicht!“ wenig hilfreich.

Psychologinnen und Psychologen empfehlen, einfach da zu sein, zuzuhören und nach Bedürfnissen aktiv zu fragen. Denn Krebskranke brauchen nicht per se rund um die Uhr Ruhe. Gespräche mit ihnen müssen sich aber auch nicht immer um Krebs drehen. Oft sind es ganz praktische Hilfsangebote wie Gassigehen mit dem Hund, kleine Reparaturen im Haushalt oder ein Einkauf, die sie enorm entlasten können. Wer sich traut, kann eine Patientin oder einen Patienten auch zur Behandlung begleiten. Was in jedem Fall gut ankommt, ist Verbindlichkeit – und ein langer Atem. Denn Krebs ist nach dem Therapiemarathon nicht vorbei, Krebs hört für Betroffene eben nicht irgendwann auf. Die Angst vor einem Rezidiv bleibt. Umso mutiger ist es, immer wieder einfach mal zu fragen: „Wie geht es Dir?“

Trennt sich in einer solchen Situation nun die Spreu vom Weizen und übrig bleiben echte Freunde? Teilweise ja. Doch oft kommt Unterstützung aus einer ganz unerwarteten Richtung von losen Bekanntschaften. Denn ohne emotionale Bindung, ohne Erwartungen fällt helfen  manchmal leichter und neue Freundschaften entstehen. Das ist gewissermaßen die gute Seite des Cancer Ghosting.