Lange galt ADHS als Kinderkrankheit. Jetzt drängt das Thema mit Macht in die Erwachsenenmedizin: Seit gut zehn Jahren erhalten immer mehr Menschen weit jenseits des Schulalters die Diagnose.
Dies zeigen Abrechnungsdaten der 17 Kassenärztlichen Vereinigungen, die im Dezember veröffentlicht wurden. Demzufolge hat sich die Häufigkeit der ADHS-Neudiagnosen bei den gesetzlich versicherten Erwachsenen im Zeitraum 2015 bis 2024 nahezu verdreifacht. Was ist da los? Haben wirklich so viele Menschen in Deutschland ADHS? Oder muss das Störungsbild als Modediagnose für die Probleme unserer unruhigen Zeit herhalten?
In Expertenkreisen sieht man die Zunahme der ADHS-Inzidenz keineswegs nur mit Sorge. Im Gegenteil: Beim Anstieg handele sich um einen dringend notwendigen und erwartbaren Aufholeffekt nach jahrzehntelanger Unterdiagnostik, heißt es. Bei vielen heute erwachsenen Menschen sei die Erkrankung in der Kindheit wohl schlichtweg übersehen worden oder die betroffenen Kinder und deren Eltern hätten damals die Diagnose nicht angenommen. Wenn der Nachwuchs dann daheim auszieht, in Ausbildung oder Studium geht und womöglich in einem drögen Bürojob landet, kommen die Probleme mit großer Wucht. Dabei gilt es zu bedenken: ADHS ist eine Spektrumserkrankung. Die Spanne zwischen psychiatrischer Störung und einer Abweichung im Rahmen des Normalen, zwischen „ich kann prima damit leben“ und „nichts geht mehr“, reicht weit.
In der Gesellschaft jedenfalls nimmt ADHS seit einiger Zeit großen Raum ein. Das dürfte auch an Social Media liegen: TikTok, Instagram, YouTube und andere Kanäle sind voll von informativen, lustigen oder auch emotionalen Videos zum Thema. Deren Macherinnen und Macher sind oftmals selbst betroffen und gelten vielen als originelle und kreative Vorbilder. Das führt bei den Mediennutzenden zur veränderten Selbstwahrnehmung und zu ADHS-Selbstdiagnosen, die sie bei entsprechendem Leidensdruck im besten Fall in die Facharztpraxis führen.
Vor diesem Hintergrund muss man die gewachsene Sensibilität gegenüber der Erkrankung und die Zunahme der Inzidenz als erfreuliche Entwicklung sehen. Ein Problem stellt allerdings nach wie vor die geringe Zahl an Fachpraxen dar, die eine Betreuung nach dem Jugendalter anbieten. Denn auch bei zuverlässiger ADHS-Diagnose finden Erwachsene nur schwer die dringend benötigte Hilfe.