Die Digitalisierung löst alle Probleme!“, hört man ständig aus der Politik. Aber trifft das wirklich zu? Der „digitale“ Anteil meiner Arbeit wird immer größer. Ich beschäftige mich mit Konnektoren, SMC-B-Praxiskarten, elektronischen Heilberufsausweisen, KIM, ePA, eAU, E-Rezept und unzähligen Passwörtern.
Meine Mitarbeiterinnen und ich haben schon viele Stunden in der Hotline unseres Arztsoftwareherstellers verbracht, weil so oft etwas nicht funktioniert hat.
Und ja, wir haben vorher Konnektor und Server heruntergefahren und neu gestartet. Auch die Updates habe ich immer zeitgerecht eingespielt – in der Regel sonntags, weil so etwas unter der Woche zeitlich unmöglich ist.
Nach dem letzten Update blieben dann mehrfach E-Rezepte „im Versand“ hängen, d. h., sie waren nicht auf dem Server und nicht in der Apotheke abrufbar. Mein Leidensdruck war damit so groß, dass ein Wechsel der Arztsoftware alternativlos wurde. Das hatte ich jahrelang vor mir hergeschoben, weil ich die Kosten und den Schulungsaufwand gescheut habe.
Meine wichtigste Frage war: Wird der Datentransfer klappen? Also habe ich Statistiken, Installationszahlen und Bewertungen gelesen und mich bei Kolleginnen und Kollegen erkundigt, welche Software sie nutzen und wie zufrieden sie damit sind. Ich habe in Praxen hospitiert und mir etliche verschiedene Programme im Echtbetrieb angesehen.
Nach der Entscheidung für eine Software brauchte ich auch noch einen neuen IT-Dienstleister. Ein guter Support und Erreichbarkeit waren für mich entscheidend. Deshalb habe ich zwei Servicepartnern einen Netzwerkplan der Praxis geschickt und um einen Kostenvoranschlag gebeten. Bei der einen Firma hatte ich ein gutes Gefühl und habe zugesagt.
Es gab eine Probekonvertierung der alten Daten in die neue Software. Obwohl seit Langem verpflichtend, gibt es immer noch keine genormte Schnittstelle für den Transfer der Daten! Die Arztsoftwarefirmen setzen das einfach nicht um. Damit wird ein Wechsel bewusst erschwert. Ich musste überprüfen, ob alle Daten da waren, Rezepte, Diagnosen, Befunde und Formulare. Diese Sichtung ist enorm wichtig. Am Ende habe ich unterschrieben, dass alles passt. Die Kosten trägt man selbst.
Dann fand die endgültige Konvertierung statt. Der Konnektor flog endlich raus und ich wurde an das TI-Gateway angeschlossen. Aber ich brauchte neue Hardware, alles musste neu verkabelt werden. Alle Praxismitarbeiterinnen und ich sahen ein Lehrvideo für die neue Software und am Folgetag gab es eine intensive Schulung durch eine Mitarbeiterin der Firma vor Ort.
Wir hatten die Praxis für die Konvertierung insgesamt drei Tage geschlossen – die ersten Tage nach der Wiedereröffnung liefen trotzdem und trotz bester Vorbereitung chaotisch. In weiser Voraussicht hatten wir ein Schild an den Tresen gehängt: „Wir haben eine neue Arztsoftware bekommen. Daher kann es anfangs zu Verzögerungen im Praxisbetrieb kommen.“
Jetzt müssen wir noch den Umgang mit der neuen Arztsoftware üben, der gänzlich anders ist als vorher. Mein Team und ich sind aber supermotiviert und fühlen uns auch von der Firma gut unterstützt.
Digitalisierung hilft nur, wenn sie uns nützt! Ich möchte deshalb alle Kolleginnen und Kollegen ermutigen: Der Wechsel wird einem zwar nicht leicht gemacht – aber wer mit seiner Arztsoftware unzufrieden ist, sollte den Umstieg wagen. Wichtig ist es, genug Zeit einzuplanen und das Praxispersonal frühzeitig ins Boot zu holen und mitentscheiden zu lassen. In der Anfangsphase dauert alles länger als gewohnt, deshalb lieber weniger Termine vergeben. Aber wenn es dann gut läuft, ist es ein Gewinn für alle.