Praxiskolumne

Diabetische Alligatoren und echte Menschen

Aus der Praxis
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Ich komme gerade aus New Orleans zurück, den Kopf noch voll mit Eindrücken von der Konferenz der ADA (American Diabetes Association). Fünf Tage Diabetes-, Adipositas- und Meta­bo­lismusforschung im Schnell­durchlauf, und ehrlich gesagt: Dafür nehme ich gern den weiten Weg auf mich. Auf dem Hinflug, über ausgedehnte Sumpflandschaften, stellte sich mir die Frage: Wenn Hunde und Katzen Dia­betes bekommen können, trifft das auch auf Alligatoren zu? Aber dazu später mehr.

Das beherrschende Kongressthema war erneut die Adipositastherapie, aber mit einer neuen Wendung: Sie wird oral. Mit Semaglutid in hoher Dosierung gibt es erstmals eine Tablette zur Gewichtsregulation, die Effekte reichen ersten Daten zufolge nah an die der Spritze heran. Und mit Orforglipron steht ein weiterer oral einzunehmender Wirkstoff bereit.

Für uns in der Praxis ist das mehr als eine Randnotiz: Die Hürde der Injektion fällt, was für viele Patientinnen und Patienten die Einstiegsschwelle spürbar senken wird. Orforglipron ist wie ­CagriSema (Cagrilintid und Sema­glutid), der aktuelle Spitzenreiter bei den Injektionen in Bezug auf die reine Gewichtsabnahme, noch nicht in der EU zugelassen. Aber die Richtung ist eindeutig.

Viel wichtiger als das Wettrennen um die meisten verlorenen Kilos finde ich allerdings eine andere Botschaft: GLP1-Rezeptoragonisten wirken weit über Gewicht und Glukosestoffwechsel hinaus. Ob Herz-, Nieren- oder Leberleiden, sogar Schlafapnoe – für immer mehr Erkrankungen liegen inzwischen harte Endpunktdaten vor. Das bedeutet: Wir senken mit dieser Wirkstoffklasse nicht mehr nur den HbA1c-Wert, sondern schützen offenbar viele verschiedene Organe. Das ist im Sinne unseres hausärztlichen Auftrags, den ganzen Menschen mit all seinen Begleiterkrankungen zu sehen.

Bei der konkreten Wirkstoffwahl lohnt der Blick in unsere eigene Leitlinie. Die NVL stellt SGLT2-Inhibitoren und GLP1-Rezeptoragonisten als gleichwertige Optionen nebeneinander, zusätzlich zu Metformin und Lebensstilinterventionen. A propos Lebensstil: So sehr die neuen Medikamente faszinieren, das Fundament bilden natürlich Ernährung, Bewegung und ärztliche Begleitung. Gerade beim Prädiabetes ist und bleibt das unser First-Line-Werkzeug.

Ein Konferenzmoment hat mich besonders berührt: die Daten zur Stammzelltherapie beim Typ-1-Diabetes. Wenn ein Großteil der so Behandelten nach einem Jahr insulinfrei ist, dann reden wir zum ersten Mal ernsthaft über einen Weg zur Heilung. Noch ist es dafür zu früh, vieles muss noch bestätigt werden. Aber es macht Hoffnung. Und solche Momente nehme ich dann gerne mit nach Hause von einem Kongress.

Es muss ja nicht New Orleans sein

Natürlich: All das kann man auch in Fachzeitschriften nachlesen. Aber der Austausch auf den Gängen, die Diskussion mit Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt, die Begeisterung im Saal, das bekommt man nur vor Ort. Ich komme jedes Mal mit neuer Energie und mit ganz konkreten Ideen für meine Patientinnen und Patienten zurück. Deshalb mein Appell an euch: Fahrt auf Kongresse! Es muss ja nicht New Orleans sein – Diabeteskongress und DGIM tun es genauso. Oder der EASD (European Association for the Study of Diabetes ) Ende September in Mailand. Raus aus der Praxis, rein in den Austausch. Profitieren werden am Ende unsere Patientinnen und Patienten.

Ach, und die Alligatoren mit Diabetes, gibt es die jetzt? So richtig beantworten konnte mir diese Frage vor Ort niemand. Wieder hier zu Hause, mit der KI diskutierend: wahrscheinlich ja! Aber wer möchte sich schon auf die KI verlassen statt auf echte Menschen?

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