Fast perfƎkt – Die Beraterin schaut hin

Digital auf dem Papier, analog in der Praxis

Aus der Praxis
|Erschienen am: 
|Lesezeit: 3 Min

Das eRezept ist manchmal eine Herausforderung für Praxisteams. Die grundsätzlichen Dinge sollten allerdings klar sein. Dazu gehört, dass ein eRezept in der Regel elektronisch an die Patientinnen und Patienten gehen sollte. Oder?

Die Praxis, in der ich mir zuletzt die Abläufe anschauen sollte, war stolz darauf, „voll digital“ zu sein. Das Personal sagte das, so oft es nur irgend ging. Aber irgendwie konnte ich dem Drucker am Empfang doch eine gewisse Erschöpfung anmerken: Er lief ununterbrochen. Denn wo einst ein rosa Rezept über den Tresen gewandert war, wanderte jetzt ein weißes Blatt mit einem aufgedruckten Code – gefühlt in doppelter Frequenz. Dabei schien der Drucker der einzige Mitarbeiter der Praxis, der mit seinem Rattern seinen Zweifel zum Ausdruck brachte, ob das mit dem vielen Papier eigentlich wirklich so sein muss. 

„Wenn das mit der Karte mal hakt, dann drucken wir es eben aus“, sagte eine der Mitarbeiterinnen zu mir mit der Gelassenheit eines Menschen, der ein Problem dadurch löst, dass er es umgeht. Der entscheidende Teil des Satzes war das Wort „eben“. Es verwandelte eine Ausnahme in eine Gewohnheit, ganz beiläufig, fast liebevoll.

Nun ist das eRezept seit dem 1. Januar 2024 Pflicht. Der Ausdruck mit dem 2D-Code war eigentlich als Brücke gedacht für Patientinnen und Patienten ohne App, damit sie in der Apotheke trotzdem an ihr Medikament kommen. Und auch das Ersatzverfahren, also das gute alte Papierrezept, ist nur für echte Störungen vorgesehen: TI nicht erreichbar, Konnektor streikt, der elektronische Heilberufsausweis ist defekt. Es ist ein Notausgang. Und einen Notausgang benutzt man nicht zum alltäglichen Betreten des Gebäudes.

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Eigentlich war das in dieser Praxis ja auch überhaupt nicht nötig: Die Technik funktionierte ja tadellos. Die Karte hakte nicht. Was hakte, war die Bereitschaft, sich an einen neuen Ablauf zu gewöhnen. Und so wurde aus „Falls es klemmt ...“ ganz unmerklich ein „Wir machen das jetzt immer so“.

PIN für den Heilberufsausweis klebte am Kartenlesegerät

Schön war auch der Umgang mit dem Ausdruck selbst. Er lag mal hier, mal dort, einmal ging er sogar an den falschen Patienten, der ihn freundlich, aber bestimmt zurückgab. Dabei ist dieser Zettel eben mehr als einfach nur eine Information für die Patientin bzw. den Patienten. Er ist ein Schlüssel: Der Code darauf öffnet das Rezept im System. Wer aber Schlüssel offen herumliegen lässt, hat ein eigenwilliges Verhältnis zu verschlossenen Türen.

Den bemerkenswertesten Auftritt hatte dann noch ein kleiner gelber Klebezettel neben dem Kartenleser. Auf ihm stand, gut lesbar, die PIN zum Heilberufsausweis. Er lieferte die persönliche fälschungssichere Unterschrift, die niemand mehr leisten wollte, in Form einer Zahl, die jeder sehen konnte. Und er war damit in seiner ganzen Unschuld ein tiefes Eingeständnis der Überforderung im digitalen Zeitalter. 

Die Pointe dieser Geschichte ist also keineswegs, dass die Technik nicht beherrscht wurde in dieser Praxis. Es ist die Erkenntnis, dass digitale Werkzeuge keine Arbeit sparen, solange der analoge Reflex unangetastet bleibt. Man kann jedes System modernisieren. Die Gewohnheit zieht trotzdem als Erste wieder ein. 

Meine Message an das Praxisteam war kurz: Das eRezept ist Pflicht, der Ausdruck eine Höflichkeit, das Ersatzverfahren ein Notfall. Wer das durcheinanderbringt, arbeitet nicht digital. Er arbeitet nur doppelt – und gut gehen tut das nur, wenn niemand hinguckt.

Sabine Finkmann

Sabine Finkmann

Sabine Finkmann ist bundesweit tätige Expertin für die Abrechnung vertragsärztlicher Leistungen nach dem EBM und berät Fachgruppen aller medizinischen Disziplinen zu Honoraroptimierung, Abrechnungsprüfung, Compliance und Wirtschaftlichkeitsfragen. In den Jahren 2022 bis 2026 wurde sie mehrfach als TOP Expertin ausgezeichnet.Neben ihrer Tätigkeit als Abrechnungsexpertin arbeitet sie als Mediatorin, Mimikresonanz-Trainerin und Wirtschaftsprofilerin. Ihr besonderer Fokus liegt auf der Verbindung von fachlicher Präzision, menschlicher Wahrnehmung und fundierter Entscheidungsfindung – insbesondere in komplexen beruflichen und organisatorischen Kontexten.Sabine Finkmann ist Autorin zahlreicher Fachartikel und Bücher zu den Themen EBM-Abrechnung, Honorarstrukturen, Prüfverfahren sowie zu Menschenkenntnis, Emotionserkennung und professioneller Kommunikation. Ihre Beiträge zeichnen sich durch Praxisnähe, analytische Tiefe und einen interdisziplinären Blick auf medizinische, wirtschaftliche und menschliche Zusammenhänge aus.Sie ist als freie Mitarbeiterin für die Medical Tribune und die Fachtitel des Verlags tätig.

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