Praxiskolumne

Eine Anleitung zum Anfangen: Wandel beginnt im Gehirn

Aus der Praxis
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Neuanfänge scheitern selten am Willen, sondern meist an alten neuronalen Mustern. Deshalb wirken fünf Minuten Handlung stärker als ein durchdachter Plan, weiß unser Kolumnist. Auch soziale Einbettung und Innehalten helfen beim Synapsen-Neustart.

Menschen leben nicht in Jahresabschnitten. Sie leben in Kapiteln ihrer eigenen Entwicklung. Diese Kapitel beginnen selten am 1. Januar. Sie entstehen nach Krisen, nach Einsichten, nach Verlus­ten oder inneren Wendepunkten und halten sich kaum an Kalenderlogik. Und dennoch schreiben wir dem Jahreswechsel immer wieder etwas Magisches zu: die Hoffnung auf Erneuerung, auf einen inneren Schnitt, auf ein „Jetzt aber“.

Psychologisch ist das verständlich. Der Jahreswechsel schafft einen Übergangsraum. Das Alte ist noch wirksam, das Neue noch nicht etabliert. In dieser Schwebe greifen viele Menschen zu Strategien, die kurzfristig stabilisieren, langfristig jedoch Entwicklung blockieren.

Minimale Einstiege helfen mehr als Disziplin

Die Forschung zeigt: Menschen scheitern selten an Einsicht. Sie scheitern an Gewohnheiten, die Affekte dämpfen, aber keine Veränderung ermöglichen.

Ein zentrales Hindernis ist Prokrastination. Sie ist keine Willensschwäche, sondern Affektvermeidung. Aufgeschoben wird, was innerlich Spannung erzeugt. Der therapeutisch wirksame Hebel liegt nicht in Disziplin, sondern in minimalen Einstiegen. Fünf Minuten Handlung sind neurobiologisch oft wirksamer als ein perfekter Plan. Wir scheitern uns voran – und das ist nicht unbedingt das Schlechteste, solange wir dranbleiben.

Auch das Alles-alleine-Machen gilt fälschlich als Stärke. Überautonomie schützt vor unangenehm empfundener Abhängigkeit und verhindert Korrekturerfahrungen. Entwicklung jedoch braucht externe Mitregulation. Wer sich regelmäßig mit anderen verabredet, etwa zum Sport, nutzt Beziehung als stabilisierenden und motivationalen Faktor. Das gegenseitige Versprechen trägt über lustlose Momente hinweg. Freude wirkt dabei als natürliche Verstärkung und ist der entscheidende Dopaminkick. Nicht die Laufstrecke ist es, sondern die gemeinsame Erfahrung, die richtig ins neuronale Gewebe einwirkt.

Dinge zu vergessen, ist selten ein Gedächtnisproblem. Es ist ein Kontextproblem. Klassische To-do-Listen bleiben abstrakt. Wirksamer sind Checklisten, eingebettet in Routinen, die eine sofortige Belohnung erzeugen: Kaffee ohne Zucker? Check. Aufgestanden und direkt Yoga neben dem Bett? Check. Abends die Wasserflasche leer? Check. Jeder Haken setzt einen kleinen Dopaminimpuls frei. Ein konkretes Erfolgsgefühl statt vager Vorsätze.

Was ständig erreichbarist, wird genutzt

Impulsivität ist oft der schnelle Ausstieg aus innerer Spannung. Das Belohnungssystem übernimmt. Auch mit ungesunden Gewohnheiten. Schon kurze Verzögerungen – Innehalten, Atmen, Körperwahrnehmung – können die neuronale Steuerung wieder öffnen, hin zum ungewohnt Gesunden.

Beim Suchtverhalten gilt: Nicht das Objekt macht abhängig, sondern seine Funktion. Reduktion gelingt nur, wenn der Zugang erschwert wird. Was ständig erreichbar ist, wird genutzt. Kein Süßkram im Haus, sondern hochwertige Nahrung. Alkohol oder Nikotin nicht griffbereit, sondern nur mit Mühe erreichbar. So sinken tägliche Rückfälle und mit ihnen die Frustration.

Verweben wir nun alles miteinander zu einem neuen neuronalen Teppich: dem Red carpet ins bessere Selbst hinein! Veränderung bleibt eine Zumutung. Sie braucht neue Kontexte, soziale Einbindung und kleine, spürbare Erfolge. Der Jahreswechsel muss kein neues Kapitel erzwingen. Es reicht, wenn ein bereits begonne­nes weitergeschrieben wird. Wachstum entsteht leise, wenn das Ich bereit ist, damit anzufangen.

Dr. Pablo Hagemeyer

Dr. Pablo Hagemeyer

Psychiater aus Weilheim
Dr. med. Pablo Hagemeyer ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit den Schwerpunkten Narzissmus und Persönlichkeitsstörungen. Psychotherapeutisch arbeitet in eigener Praxis mit Betroffenen und deren Angehörigen. Als Bestsellerautor, Interviewpartner und Speaker erreicht er zudem mit seiner Analyse narzisstischer Dynamiken in Gesellschaft und Organisationen eine breite Öffentlichkeit.