Kürzlich schlug der CDU-Wirtschaftsrat vor, die Menschen sollten ihre Zahnarztbehandlung künftig selbst zahlen. KBV-Chef Dr. Gassen dagegen wollte eine „Kontaktgebühr“ für jeden Praxisbesuch einführen, Gesundheitsministerin Warken brachte höhere Zuzahlungen für Arzneimittel ins Spiel. Und eine „Jahrespauschale“ für Hausärztinnen und -ärzte ist auch geplant.
Ungerecht, kontraproduktiv und wenig sinnstiftend
Ich kann nur den Kopf schütteln zu diesen absurden Plänen. Als Diabetologin schicke ich meine Patientinnen und Patienten regelmäßig in die Zahnarztpraxis, denn Parodontose und kariöse Zähne verschlechtern den Blutzucker und erhöhen das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall. Und die Praxisgebühr wurde nicht umsonst abgeschafft, sie hat keine Steuerungswirkung, ist sozial ungerecht und erhöht den Verwaltungsaufwand.
Höhere Zuzahlungen bei Medikamenten dagegen benachteiligen besonders chronisch kranke Menschen. Und wenn jemand zwei Hausarztpraxen aufsucht, aber nur eine Praxis die Jahrespauschale bekommt, wird damit ein Keil zwischen uns Hausärztinnen und Hausärzte getrieben, die um die Reihenfolge der Patientinnen und Patienten konkurrieren müssen.Bei mir sind die wenigsten Ärztehopper. Aber ich habe Patientinnen und Patienten, die mal am Wohnort und mal in der Nähe der Arbeiststelle zum Arzt gehen. Als Diabetologin mit hausärztlichem Sitz arbeite ich auf Zuweisung von anderen Hausarztpraxen. Dafür bräuchte es dann eine Ausnahmeregelung. Super – ich sehe einen riesigen Verwaltungsaufwand auf uns zukommen, damit am Ende vielleicht die gleiche Vergütung rauskommt.
Stattdessen würde ich ja gerne versicherungsfremde Leistungen abschaffen. Etwa die kostenlose Mitversicherung von Ehepartnern und Kindern. Und warum sollten die gesetzlich Versicherten Krankenhausinvestitionen finanzieren? Weshalb wurde die Telematik-Infrastruktur weitgehend aus Beiträgen der Versicherten bezahlt?
Und was mir in der ganzen Debatte zur Kosteneinsparung völlig fehlt, ist der Präventionsgedanke. Gesunde Menschen verursachen geringere Kosten! In meiner Zeit als Ernährungsmedizinerin in einer Münchener Klinik habe ich ausgewogene Mahlzeiten für Patienten und das Personal eingeführt. Für den Nachtdienst gab es statt weißer Semmeln und Wiener Würstl im Automaten Vollkornsemmeln, Gemüse und frisches Obst. Das Angebot wurde sehr gut angenommen.
Mehr Bewegung, mehr Obst,und die Rechnung geht auf
Schulen, Kitas und Kantinen: gesundes Essen mit Gemüse, Salat, Obst und Vollkornprodukten, statt Pizza, Pommes, Currywurst und in Öl ertränkte Nudeln. Und statt einer Sportstunde pro Woche mit Leistungsnachweis sollte es häufiger Bewegungseinheiten geben.
Höhere Steuern auf Tabak und Nikotin, Alkohol, zuckerreiche Lebensmittel und Getränke und stark verarbeitetes Fleisch würden den Menschen einen gesunden Alltag erleichtern, Impfprogramme für die HPV-Impfung könnten Gebärmutterhalskrebs verschwinden lassen, konsequenter Impfschutz gegen Hepatitis B würde hepatozelluläre Karzinome verhindern. Und eine kluge Stadtplanung würde durch Begrünung vor Überhitzung schützen, während ein gut ausgebauter und preiswerter ÖPNV die Feinstaubbelastung senkt. Eine gesunde Umgebung schützt vor kardiovaskulären Erkrankungen und wirkt sich positiv auf die Psyche aus.
Tja. Eigentlich wäre es gar nicht so kompliziert. Dafür müsste die Politik aber langfristig denken. Und nicht nur bis zum Ende der Legislaturperiode!